Die Vorteile des Daseins als langweiliger Blogger
99.9% der Blogger in der Schweiz sind offenbar zum Gähnen. Langweiliges, abgestandenes Mittelmass.
Nun, unkultur ist froh, dass sie kein Promi-Blogger ist, denn sonst müsste sie sich mit allerlei Widrigkeiten herumschlagen:
- Dieser dauernde Starkult, Verfolgungsjagden mit Paparazzi, Tausende von Fans, die um Unterschriften betteln, die Hausangestellten, die Informationen über einen für teures Geld verkaufen. Und wehe, wenn man einmal ohne Make-up aus dem Haus geht!
- Man wäre dauernd heftigen Attacken ausgesetzt, entweder via Kommentare oder auf anderen Blogs. (Rührende kleine Schimpftiraden wie diejenige von Konkwest Kriäitiws zählen ja nicht wirklich als Attacken). Anonymes Bloggen könnte man sowieso vergessen.
- Man wäre ja dann durch Werbeverträge und Ähnliches reich geworden und hätte sein Geld in Aktien angelegt, die durch die Finanzkrise ihren ganzen Wert verloren hätten, und nun wäre man plötzlich mausarm. Wie man richtig arbeitet, hätte man inzwischen vergessen; daher müsste man nun von der Sozialhilfe leben, würde aus Frust und Scham sein Leben immer mehr ins Internet verlegen, den Bezug zur Realität verlieren, würde schlussendlich immer depressiver, bis man seinen eigenen Selbstmord auf Youtube ankündigte. Davon hielte einen in letzter Sekunde eine pseudo-selbstlose Cybersekte ab, in deren Fänge man in der Folge geriete, und die einen zu Internet-Porno drängen würde, worein man natürlich einwilligen würde, denn inzwischen hätte man sein letztes Bisschen Widerstandskraft und Würde verloren. Wenn man nicht gerade am Aufnehmen von Internet-Pornos wäre, wäre man damit beschäftigt, dem Sektenchef virtuell die monströs stinkenden Füsse zu küssen und sich zu wünschen, man wäre doch ein unauffälliger kleiner Blogger geblieben.
Und das alles nur, weil man besser sein wollte als die 99.9% der Schweizer Blogger!
Aus dem Dornröschenschlaf geweckt – wo bleibt der Orden?
unkultur hat offenbar – durch unbeabsichtigte
Schocktherapie – das Blog „
Bodeständigi Choscht“ aus seinem Dornröschenschlaf... nun nicht geküsst, aber immerhin geweckt. Ehrlich gesagt hatte sie gar nicht gewusst, dass sich das Blog in einem solchen befand. Im Rückblick sieht sie: Genau 10 Tage hat Hanspeter Gautschin es ausgehalten, ohne zu bloggen. Nun gut, das Verdienst liegt vielleicht nicht bei
unkultur allein, aber zumindest einen Orden erwartet sie schon von der „Bodeständigi Choscht“-Fangemeinde!
Online-Werbung denkt nicht
World Blog Forum ebenso sang- und klanglos abgesagt wie grosspurig angekündigt
Ich bin wohl einfach nicht blogszenig genug. Alles, was ich mitbekommen habe, ist Folgendes: Das
„World Blog Forum“ in Bern wurde vor ziemlich langer Zeit grosspurig und enthusiastisch angekündigt. Dann hörte man ziemlich lange: nichts. Niemand von meinen Online-Kollegen wusste etwas von diesem Forum. Und dann, eine knappe Woche (!) vor dem festgelegten heutigen Beginn, wurde es lakonisch wieder abgesagt, bzw. "verschoben", bzw. „schliesst sich in einem Joint Venture mit dem US Blog World zusammen“ (das ist wohl einer dieser Witze von der Maus und vom Elefanten). Die Blogs-Szenis wussten das sicher schon lange vorher. Immerhin: Irgendwo in den Weiten des Web werden noch Tickets für diesen Event für stolze 800 Franken pro Stück verkauft.
Was haben Kulturschaffende bloss gegen das Internet?
Klar ist die Frage verallgemeinernd – selbstverständlich haben nicht
alle Kulturschaffenden etwas gegen das Internet. Aber wenn man als „Internet-savvy“ Mensch in der Kulturbranche arbeitet, kommt man sich manchmal wie ein getigerte Kuh vor. Auch mein Kollege
Christian Henner-Fehr vom Kulturmanagement-Blog hat sich die Frage nach der mysteriösen Internet-Ablehnung in der Kulturwelt schon wiederholt gestellt.
Nicht, dass ich jetzt eine Antwort oder eine Lösung für das Problem hätte. Ich bin mir nur mal wieder (immer wieder) bewusst geworden, wie weit dieses schon fast verachtende Desinteresse, diese Ablehnung des Internets als ernstzunehmendes Medium in Kulturkreisen geht. Neulich schickte ich zum Beispiel einem Kunstschaffenden den Hinweis zur Onlineversion eines Artikels, mit der Bemerkung, dass er die gedruckte Version ja erst in ein paar Wochen erhalten würde. Ein Projekt von ihm wurde im Artikel lobend besprochen, und ich dachte, er möchte ihn so bald wie möglich sehen. Seine Antwort: „Herzlichen Dank – ich lese es dann gern, wenn die gedruckte Ausgabe herauskommt.“
Der häufigste Grund für die Ablehnung des Internets in der Kulturwelt ist: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Selbstverständlich geht es bei dieser Aussage nicht um
Zeit, sondern um
Prioritäten. Das Internet ist irgendwo weit, weit unten auf der Prioritätenliste. Ich versuche niemanden mehr zu bekehren. Ich sage nur: Es ist schade. Schade für alle, die sich nicht rechtzeitig mit dem Medium vertraut machen – oder sich sogar einen Vorsprung erarbeiten im Umgang mit ihm –, auf das sie irgendwann angewiesen sein werden.
> unkultur: Der Myspace-ZwangDas Google-Denkschema
Während ich dies am Schreiben bin, kaufe ich ein Album im iTunes Store:
Mike Ladd & Vijay Iyer, „In What Language?“. Ich habe einige Minuten mit Stöbern verbracht, mir ein paar Fetzen Musik und Spoken Word angehört, das Profil von Mike Ladd überflogen, und mir war klar: Das kaufe ich. Während des Lesens/ Hörens hat mein Gehirn einzelne Wörter und Klänge herausgefiltert, zusammengesetzt und in eine ganz bestimmte Kategorie abgelegt, die unter anderem die Kennzeichnung „gefällt mir/mein Stil“ trägt. Ich weiss schon jetzt, dass dies ein Album ist, das ich mir sehr oft anhören werde.
Früher hätte ich für diese Entscheidung viel länger gebraucht. Ich hätte mehrere Artikel über
Mike Ladd gelesen; irgendwann wäre ich in einen CD-Laden gegangen und hätte mir mehrere Songs/Stücke ausführlich angehört.
Man könnte mein Vorgehen beim Auswählen von Musik mit einem Dienst wie
pandora.com,
lastfm.de oder auch
Amazon vergleichen. Aber das ursprüngliche Denkschema, das dahinterliegt, findet sich bei Google.
Irgendwer hat mal geschrieben, wir würden heutzutage wie eine PowerPoint-Präsentation denken. Ich aber sage, wir funktionieren einen Teil unseres Gehirns zu einer Google-ähnlichen Maschine um: Wenn ich beispielsweise Musik suche, die mir gefällt, dann funktioniere ich, als wäre ich Google und irgendjemand würde verschiedene Suchbegriffe eingeben. Unzählige Begriffe treiben virtuell in meinem Gesichtsfeld herum; ich greife mir blitzschnell diejenigen heraus, die zum Gesuchten passen, sozusagen diejenigen mit einem „+“ vor dem Suchbegriff, dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Bedrohlich? Ich nehme es als Tatsache hin und versuche, es für mich zu nutzen. Früher war man schnell, wenn man gut querlesen konnte; heute verschlagwortet man Gehörtes, Gesehenes und Gelesenes noch viel schneller. Früher wandelte man durch Nachdenken Wörter in Assoziationen um; heute arbeitet man mit viel öfter mit den „unverdauten“ Wörtern.
Oberflächlich? – Vielleicht; aber glücklicherweise gibt es noch die Diskussion. Damit die anderen Diskussionsteilnehmer unsere Gedankengänge nachvollziehen können, müssen wir die Schlagwörter wieder in eine zusammenhängende Form bringen und sie verständlich formulieren. So ist die Gefahr gebannt, dass jeder von uns in seinem selbstgeschaffenen kleinen Google-Universum davondriftet.
> Mike Ladd tritt am 22. März mit Leo Tardin & Grand Pianoramax im Moods aufDer Myspace-Zwang
Wenn ich an professionelle Online-Netzwerke denke, fallen mir beispielsweise
LinkedIn oder
XING ein.
Facebook gehört ganz bestimmt nicht dazu – nach den ersten Vampirbiss-Einladungen habe ich mein Profil gelöscht –, und
Myspace eigentlich auch nicht. Werden also Musiker pauschal als nichtprofessionelle Wesen abgestempelt? Denn von ihnen wird erwartet, über ein Myspace-Profil zu verfügen, auf dem ihre Musik vor sich hindudelt und das möglichst viele alberne Sprüche von überflüssigen unbekannten Freunden aufweist. In letzter Zeit höre ich immer wieder die Klage von Musikern, sie hätten es satt, ihr Profil auf einer hässlichen Plattform im Schuss zu halten, statt in eine wirklich attraktive Website zu investieren.
Trotzdem hat noch keiner von ihnen zu einem Myspace-Boykott aufgerufen. Denn die Geldquellen sind es, die von ihnen Myspace-Profile erwarten: Produzenten, Veranstalter, Fans. Also wird Myspace als notwendiges Übel unserer Zeit hingenommen wie das tägliche Fahren im vollgestopften, stinkenden und bakterienverseuchten Bus oder die Anrufe von Marktforschungsinstituten. Spass machen kann das fröhliche Kreuz- und Querkommentieren und das Versenden und Erhalten von Smalltalk-Nachrichten nämlich längst keinen mehr.
> Kulturmanagement-Blog: Lassen sich mit Hilfe von Blogeinträgen mehr CDs verkaufen?
> Ein Hoffnungsschimmer? Blog „Beobachtungen zur Medienkonvergenz“: Warum Amazon.com wichtiger ist als Google, eBay, Facebook und und iTunesNein, ein Blog ist kein Online-Tagebuch
Einer meiner liebsten Slam-Poten,
Simon Chen, verkündete unlängst via E-Mail:
„Ich blogge! Für die, die es nicht wissen (ich musste mich auch nochmal erkundigen): ein Blog ist ein Online-Tagebuch.“
Nun, dass es einen
Literaturblog im Rahmen des
UNESCO-Welttags des Buches geben soll, hat uns Beta im Alphablog
bereits am 10. Januar verraten. Und dass da sieben Schweizer AutorInnen bloggen werden.
Aber, lieber Simon Chen: Ein Blog ist
kein Online-Tagebuch! Weshalb?
1. Ein Charakterzug eines Tagebuchs ist, dass der Autor es nur für sich selbst schreibt. Viel mehr Öffentlichkeit als ein Weblog hingegen geht nicht. Die Mehrzahl aller Blogschreiber (inkl. Simon Chen) bemüht sich, ihren Blog so zu verfassen, dass er für (potentielle) Leser interessant und unterhaltsam ist.
2. Des Weiteren wird ein Tagebuch durch die Beschreibung alltäglicher Begebenheiten bzw. des Innenlebens des Autors charakterisiert. Nun, viele Blogs sind tatsächlich so aufgebaut. Die wirklich interessanten Blogs aber sind weit entfernt davon: Sie widmen sich einem bestimmten Themenkreis und präsentieren Informationen daraus. Oft ist ihre Perspektive zwar subjektiver als beispielsweise Artikel in Fachzeitschriften, aber diese Blogger muten ihren Lesern keine seelischen Ergüsse zu.
Immerhin macht sich Simon Chen in seinem
heutigen Blog-Eintrag einige Gedanken über die Natur seines „Auftrags“, wie er es nennt. Und glücklicherweise schreibt er so, wie wir es von ihm gewohnt sind, und nicht irgendwie schluddrig-introspektiv. Die Tatsache, dass er in dem Blog "unliterarisch" schreibt, scheint ihn allerdings zu beschäftigen. Wir Leser wollen einfach interessante, gutgeschriebene Texte; ob sie nun in irgendeiner Fachsprache, hochpoetisch oder in astreinem dadaistischen Slang verfasst sind, ist uns einerlei!
Schreck lass nach!
Aus unerfindlichen Gründen bin ich auf der
Website des „Schweizerischen Ver-
bandes der Kulturmanager“ gelandet. Obwohl ich nichts mit der Website zu tun habe, schäme ich mich abgrundtief dafür, Kulturmanagerin und Schweizerin zu sein. Das Design: Schauderhaft. Die Inhalte? Traurig. Die Botschaft? Hier eine Kostprobe:
„Wir suchen Partner aus Wirtschaft und Kultur, um den Beruf des Kulturmanagers zu fördern. Kontaktieren Sie uns per E-Mail, wenn Sie die Möglichkeiten einer Partnerschaft mit uns besprechen möchten: info(at)chcm.ch“
(Von der Website www.chcm.ch)
Ich wüsste zu gern, ob sich jemals ein potentieller Partner gemeldet hat.
Inspiration zu diesem Eintrag: Das Kulturmanagement-Blog, "Internet? Braucht das Kulturmanagement doch nicht"Maxim Billers Gründe gegen das Internet
Maxim Biller listet in der Dezember-Ausgabe von
Faces 26 Gründe auf, weshalb man das Internet nicht mögen sollte. Genau 10 dieser Gründe sind auf eine autobiographisch wirkende Geschichte – das vom „ich“ leicht distanzierte „du“ soll wohl vom Autobiographischen ablenken – zurückzuführen, während der es dem „du“ nicht gelang, eine Internetbekanntschaft
flachzulegen zu treffen.
Die 16 restlichen Gründe hängen mit enttäuschten Konsumabenteuern, geschmack-
losen Inhalten und einem Schriftsteller-Ego zusammen (ein ungenannter Schriftsteller "muss" jede Stunde das Amazon-Rating überprüfen). Zu den geschmacklosen Inhalten gehören offenbar Blogs aller Art:
18 – Fotoblogger, Videoblogger, Textblogger – vor allem die trifft, die Deutschlands Lage auf dem Weltmarkt festigen (kann mir mal jemand diesen Satz erklären? Anm. von unkultur).
19 – Denn egal, ob sie da draussen echte Schriftsteller oder echte Amateure sind, fürs Netz schreiben sie Texte, die auf so unangenehme Art von ihnen selbst handeln und gleichzeitig so unkonzentriert sind wie Bayern München bei einem Freundschaftsspiel, dass du dich fragst, ob es inzwischen wirklich mehr Leute auf dieser Welt gibt, die schreiben als lesen
(Maxim Biller, 26 Gründe gegen das Internet, Faces Dezember 2007)
Da hat er nicht Unrecht. Früher haben massenhaft qualifizierte und unqualifizierte Menschen mündlich ihre Meinung geäussert. Jetzt tun sie es auch schriftlich. Und so, dass sie im Internet von jedermann gelesen werden können. Aber auch im Internet, Herr Biller, werden wir lernen, auszusortieren und dem Drang, das Abstossende aufzuspüren, zu widerstehen. Das gilt sowohl für schlechte Blogs als auch für das von Ihnen erwähnte Youporn.
> Alpha-Blog: Idiotae bloggentes: das Internet-Bashing geht weiter