2008-12-27

unkultur und die Banker (Fortsetzung) oder: Der modrige Geruch des Subversiven

Von unkultur @ 23:52 [ unkultur und die Banker ]
Der arme Banker hat lange genug in der zugigen Industrie-/Kulturhalle ausgeharrt! Aber wir haben ihn nicht vergessen. So ging’s weiter:

unkultur wälzte sich also schlaflos im Bett. Das entging dem unkultur-Liebhaber – ein Kulturmensch durch und durch und daher sensibel – natürlich nicht. „Gib es zu, Du denkst an einen anderen!“, warf er ihr vor. unkultur gestand, dass dem so sei, „allerdings nicht so, wie Du denkst“. Gleich darauf hätte sie sich ohrfeigen können für die dumme Floskel. Aber der Kulturmensch war bereits eingeschnappt. Sie wartete, bis er grummelnd eingeschlafen war, und schlich sich dann auf Zehenspitzen aus der Wohnung.

unkultur hatte schon immer gerne Wanderungen durch die nächtliche Stadt unternommen. Heute war sie allerdings nicht besonders gut ausgerüstet: Es war -7 Grad und schneite leicht, und nach einigen Minuten stellte unkultur fest, dass sie bloss einen Kimono und Hausschuhe trug. Aber sie wollte jetzt nicht mehr umkehren. Unbeirrt strebte sie auf die Hardbrücke zu und überquerte diese. Auf der Hardbrücke bekommt man die schönsten Sonnenuntergänge zu sehen – und man spürt die Bise besonders stark.

unkultur lief auf ihren gefrorenen Fusssohlen gerade an dem halbtoten Gelände vorbei, wo der Prime Tower gebaut werden sollte, als sie plötzlich Stimmen zu hören glaubte. Gleichzeitige meinte sie auf dem Baugelände einen Lichtschimmer wahrzunehmen, der von tief unter der Erde kam. Neugierig kletterte sie über die Abschrankung und fand nach kurzem Horchen ein von Bauschutt verborgenes Treppenhaus, das wohl in den ehemaligen Keller führte. Am Fuss der Treppe führte eine Leiter noch weiter in die Tiefe, und nach kurzem Zögern wagte sich unkultur noch weiter vor.

Hier war offensichtlich eine Verschwörung im Gange! unkultur konnte es von weitem riechen – der modrige, aufregende Geruch des Subversiven – und verbarg sich in einem dunklen Winkel des Kellerraums, in dem die bläulichen Bildschirme einiger iPhones die einzige Lichtquelle waren. „Denkt daran“, sagte eine der Gestalten mit vermummten Gesichtern eindringlich, „das Wichtigste ist, dass niemand davon erfährt. Sie haben uns die Subkultur geraubt, haben sie sich einverleibt, einfach in ihre Massenkultur integriert. Aber sie wissen nicht, dass wir jetzt noch eine Ebene tiefer graben. Eine Ebene unter die Subkultur.“ Alle nickten und murmelten zustimmend.

unkultur wurde schwindlig. Eine Ebene tiefer? Was befand sich da? Etwas Namenloses? Oder die Sub-Subkultur? Oder einfach die neue Subkultur, weil die bisherige ja keine mehr war? Bedeutete das, dass man immer tiefer und tiefer graben müsste, weil ja die Subkultur immer wieder von der Massenkultur einverleibt wurde?

Der Vermummte, der am nächsten bei unkultur sass, schnupperte und sah sich um. unkultur duckte sich in ihre Ecke und hielt der Atem an. Hoffentlich war sein Geruchssinn nicht so ausgeprägt wie ihrer.

Er aber wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Anführer zu. „Um keinen Verdacht zu wecken“, fuhr dieser weiter, „müssen wir die Hüter der wohltemperierten Kultur auf eine falsche Fährte lenken. Als Lockvogel werden wir einen möglichst ahnungslosen, kulturlosen Menschen verwenden, den wir willenlos machen und mit genau den Inhalten füllen werden, auf welche die Hüter abgerichtet sind“. Anerkennendes Raunen.

„Und das Beste: Wir haben bereits einen geeigneten Lockvogel. Er befindet sich nicht weit von hier. Ich habe ihn vorerst mit einem Bann belegt. War kinderleicht. Ein Mensch aus einem kulturell wertlosen Wirtschaftszweig.“

unkultur gefror das Blut in den Adern: Damit konnte nur der Banker gemeint sein. Was sollte sie unternehmen? Die Subkulturellen unterstützen, mit denen sie schliesslich verwandt war? Den Banker retten, weil sie ihn per Zufall persönlich kannte? So tun, als hätte sie nichts gesehen, und sich wieder im Bett verkriechen?


(Fortsetzung folgt, falls unkultur jemals eine Lösung einfällt)

2008-11-29

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 01:10 [ unkultur und die Banker ]
unkultur hatte genug. Ihr erster Reflex war, mit dem Banker auf die Hardbrücke zu steigen, ihn autostoppen zu lassen und zu hoffen, dass ihn ein Fahrzeug so weit wie möglich davontrüge. Aber dann fiel ihr auf, dass der Banker inzwischen einen beträchtlichen Geruch nach Kebab verströmte, und dass ihn vermutlich niemand in seinem Auto wollte. Sogar seine Arbeitskollegen, seine Freunde, seine Frau, ja sein Auto würden sich weigern, ihn mitzunehmen.

Langsam wurde es dunkel – und um die Hardbrücke herum wird es immer auf besonders düstere Weise dunkel –, und unkultur war unendlich müde.

Da hatte sie einen Geistesblitz. Es gab in der Nähe einen ungemein kreativen Kulturraum: Dort wurde experimentelles Tanztheater gemacht, kombiniert mit avantgardistischen Installationen und virtuellen Detonationen. Oder so ähnlich. Jedenfalls alles sehr ernsthaft. Sie führte also den Banker zu diesem Ort, nicht ohne ihm vorher einzuschärfen, er sei jetzt von Beruf Kreativer. „Einfach irgendetwas Kreatives, ok?“. Der Banker ächzte nur leise.

In dem kreativen Kulturraum waren ein paar Frauen am Proben oder Besprechen oder an einem Schöpfungsvorgang, das konnte man nicht genau erkennen. Sie schenkten den Eintretenden ein geistesabwesendes Lächeln. Der Banker steuerte schnurstracks auf die Bühne zu, stellte sich in die Mitte und begann, irgendwelche Verrenkungen zu machen, während er kabbalistisch-archaische Laute von sich gab.

unkultur war verblüfft. Die ernsthaften Kulturfrauen waren es nicht minder. Als der Banker drei Stunden später immer noch keine Ermüdungserscheinungen zeigte, konnte unkultur die Kulturfrauen überreden, ihm bis am nächsten Morgen Zeit zu geben, bevor sie den psychiatrischen Dienst anrufen würden. Er würde es sich bestimmt anders überlegen im Laufe der Nacht. Die Frauen löschten das Licht und gingen nach Hause.

Auch unkultur ging nach Hause und legte sich todmüde ins Bett. Doch dummerweise konnte sie nicht einschlafen. In ihrem Kopf ertappte sie eine Gehirnregion nahe beim Unterbewusstsein dabei, wie sie an den Banker dachte, der ganz allein in der stockdunklen, kalten Halle in seinem Wahn gefangen war. Und irgendwie, ein kleines Bisschen, fühlte sie sich schuldig.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-28

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 18:52 [ unkultur und die Banker ]
Bevor sich der Banker fragen konnte, was unkultur wohl im Schilde führe, verkündete sie: „Wir gehen weiter einkaufen. Aber auf meinem Territorium. Und diesmal kaufst DU ein.“

Mit dem Banker im Schlepptau spazierte sie in Richtung Langstrasse. Bei der ersten Kebab-Bude hiess sie ihn Kebab mit extra viel Zwiebeln und viel Scharf bestellen. „Und jetzt iss!“, befahl sie. Der Banker ass brav auf; dasselbe tat er mit den folgenden drei Kebabs aus den folgenden Buden, auch wenn er inzwischen ächzte und schwitzte und sich deutlich schwerfälliger fortbewegte. unkultur beobachtete ihn grinsend, während sie sich ein paar Sushi genehmigte, die sie bei Yooji’s an der Ecke holte. „Wenigstens etwas Gutes, was Ihr Banker Zürich gebracht habt“, sagte sie und fuchtelte dem Banker mit den Stäbchen vor der Nase herum.

Jetzt standen sie vor einem Secondhand-Shop. Die nächste Station. unkultur kleidete den Banker komplett neu ein, von den richtigen Sneakers über die altrosa Manchesterhose bis zur Adidas-Jacke. Als Tüpfelchen auf dem i fehlte noch eine dieser sündhaft teuren Strickmützen, die sie bestimmt bald in einem der kleinen Designerläden finden würden. Die alten Kleider des Bankers liess unkultur gleich im Secondhand-Shop zurück; nur das schwarze Hemd nahm sie noch ein Stück weit mit und schwenkte es wie eine Piratenflagge. Dann verlor sie das Interesse daran und warf es irgendwo in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes ins Gebüsch.

Eine wankende Gestalt näherte sich ihnen, und bevor die obligate Frage „Hesch mir en Schtutz?“ kam, herrschte unkultur den Banker an: „Siehst Du nicht, dass er Geld will?“. Der Banker stammelte: „Ach entschuldigen Sie, ich habe kein Kleingeld. Nehmen sie Kreditkarte?“. Der Penner, der plötzlich sehr nüchtern aussah, tippte sich an die Stirn und warf unkultur einen mitleidigen Blick zu, bevor er sich aus dem Staub machte.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-19

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 00:27 [ unkultur und die Banker ]
Heute stehen unkultur und der Banker tatsächlich an der Bahnhofstrasse. Der Banker hat sich extra unangestrengt schick gemacht. unkultur muss zugeben, er sieht schon fast sexy aus in seinem schwarzen Hemd ohne Krawatte.

Zuerst ist das Vorwärtskommen etwas schwierig; die beiden bleiben in einem Demonstrationsumzug stecken. „Wir wollen unsere Leuchtröhren behalten!“, wird lautstark skandiert, und unkultur fühlt sich wie eine Verräterin, denn unter normalen Umständen hätte sie sich den Demonstranten sofort angeschlossen.

Der Banker, der sich diskret im Hintergrund hält, weist unkultur auf einige Schaufensterauslagen hin. unkultur versucht, ihr Desinteresse im Schach zu halten. Schmuck aus Gold und Perlen? Trifft weder ihren ästhetischen noch ihren begehrlichen Nerv. Chanel-Kostüme? Igitt.

Dann endlich ein Schaufenster mit tollen Kleidern. unkultur betritt das Geschäft und wird von der Verkäuferin misstrauisch beäugt. Stimmt irgendetwas nicht an unkulturs Outfit? Sie mustert sich unauffällig im Spiegel. Nein, sie sieht gut aus.

Der Kragen platzt unkultur, als sie die Verkäuferin fragt, ob es denn diese Hose auch in Grösse 40 gebe, und zur Antwort bekommt: „Sie müssen sich nicht wundern, dass Sie keine eleganten Kleider finden, wenn Sie bei knapp über 1.70 Körpergrösse eine 40 tragen.“

Wutentbrannt stürmt unkultur aus dem Laden, um irgendwo eine Leuchtröhre zu finden, die sie der schnippischen Mickerspriesse über den Kopf ziehen könnte. Da sieht sie den Banker zerknirscht auf dem Trottoir sitzen. Warte nur, das wirst Du mir büssen, denkt sie und sagt trocken: „Ich ändere jetzt die Spielregeln“.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-16

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 00:30 [ unkultur und die Banker ]
Banker: Der Preis ist lächerlich klein.

unkultur: Ja, das heisst es an dieser Stelle immer, und dann verliert der Held seine Seele.

Banker (grinst charmant): Nix mit Seele. Ich will lediglich etwas Fleischliches von Dir.

unkultur (grinst durchtrieben): Du wirst enttäuscht sein, an mir ist nichts Fleischliches. unkultur ist lediglich eine Idee oder eine Wolke von Ideen. Das Konkreteste an mir ist, dass ich auch ein Blog bin.

(Die Banker-Kollegen im Hintergrund tuscheln erwartungsvoll.)

Banker: Genau das wollen wir: Deinen Blog-Power. Setz ihn einen Tag lang für uns, die Banker, ein. Wir wollen wieder als menschliche Wesen wahrgenommen werden. Belebe uns.

unkultur (lacht schallend): Du überschätzt mich masslos. Wir kleinen Blogger haben kaum einen Einfluss auf die Gesellschaft!

Banker: Wir können jede noch so unwichtige Stimme brauchen, die sich für uns einsetzt. Ich weiss, dass Du etwas Anregendes schreiben kannst.

unkultur: Natürlich kann ich das. Etwas Anregendes und letztlich Wirkungsloses. Aber schau mal, wenn es nur das ist: Ich mach’ das; schon nur, weil die Reaktionen der Leser mich bestimmt amüsieren werden.

Banker: Deal! Ein Blog-Eintrag, eine Shopping-Tour in der Bahnhofstrasse.

unkultur: Aber die Shopping-Tour will ich zuerst. Und den Blog-Eintrag schreib’ ich nur, wenn ich mit der Tour zufrieden bin. Und jetzt schwirrt ab! (wedelt ungehalten mit den Händen)

(Banker schwirren ab.)


(Fortsetzung folgt)

2008-10-27

unkultur und die Banker

Von unkultur @ 23:58 [ unkultur und die Banker ]
Das war so: Eines Tages sass unkultur gemütlich zwischen Betonwänden und rostigen Eisenstangen und kultivierte ihre Kultigkeit. Von der Kultigkeit angezogen wie Motten vom Licht, schwirrten ein paar Banker in schicken grauen Anzügen durch die leeren Industriehallen, bis sie unkultur fanden. Einer der Banker setzte sich ihr gegenüber auf einen Betonsockel, wobei er zuerst schön säuberlich eine Weltwoche auf die staubige Oberfläche legte.

unkultur“, begann er, „es ist bewundernswert, was Du da machst. Aber empfindest Du nicht manchmal Überdruss? – Nein, sag jetzt nichts. Ich weiss, dass Du früher mal eine von uns warst. Du kannst Deine Vergangenheit nicht verleugnen. Wie auch immer, gegen den Überdruss hätten wir Dir ein hübsches therapeutisches Spielzeug. Es heisst Bahnhofstrasse. Probier’s doch einfach mal aus.“

Misstrauisch beäugte unkultur die Besucher und fragte: „Und was ist der Preis dafür?“. Der Banker lächelte beruhigend und sagte: ....

(Fortsetzung folgt)