Weshalb Sihlcity weder Kultur noch Unkultur sein kann
| Von unkultur @ 07:55 | [ Standortvorteil ] |
„Ich bin auch ein Tram“, verkündet lautstark das Schiff. Jeder weiss, dass das Schiff kein Tram ist. Es will uns bloss sagen, dass es die übrigen Leistungen der Verkehrsmittel von Zürich perfekt ergänzt und umgekehrt. Genauso nehme die Botschaft von Sihlcity „Ich bin auch ein Kulturhaus“ wahr (und: „Ich bin auch ein Wohnhaus“ – mit ein paar wenigen Alibli-Wohnungen). „Die Kultur ist in unserem Angebot ergänzt dieses perfekt und ist ein Image-Träger“.
Sihlcity will ja, wie es uns hinlänglich eingebleut hat, alles in einem sein: Shoppingwelt, Restaurant, Kino, Wellnesszentrum – da darf die Kultur im Gesamtpackage nicht fehlen. Sihlcity wird also einige hochkarätige Kulturangebote nehmen – Konzerte, Lesungen etc., aber löblicherweise auch Kleinkunst (bin gespannt!) – und diese vorübergehend in ihr Konzept implantieren. Auch wenn diese Veranstaltungen in sich Kultur pur sind – die Art, wie sie uns „vorgesetzt“ werden, wird sie dieses Status’ berauben.
Kultur und Kommerz hatten schon immer zahlreiche Schnittstellen; wer das nicht sieht, ist naiv. Die neusten Experimente in den Bereichen, wo sich Kultur und Kommerz überschneiden, gehören sogar zum Spannendsten in der heutigen Kulturwelt. Das funktioniert aber nur, wenn zuerst ein Funke Kultur war, und dann der Kommerzgedanke hinzukam. Umgekehrt geht das leider nicht.
Ich sage nicht, dass Sihlcity nie ein Kulthuhaus sein wird. Durch die Anstrengungen von engagierten Veranstaltern und den stärkeren Einbezug von Impulsen von aussen könnte sich eine Eigendynamik entwickeln, die sich dann innerhalb des Gesamtkonzepts durchsetzen und genügend Raum verschaffen muss. Ob dies gelingen wird, werden wir in den nächsten Jahren beobachten können.
Randbemerkung:
Mancher würde mir sagen: Ein typischer Fall von Unkultur, dieses Sihlcity! Nun, ich habe eine andere Definition von Unkultur. Für mich ist Unkultur das, was an den Rändern der Kultur wuchert, unkontrollierbar und lustvoll. Dort, wo diese Ränder durch die Schnittstelle mit dem Kommerz geformt werden, dürfte dies schwierig werden.
*Ich verstehe hier den Kulturbegriff i.e.S. Eine weitere gefasste Definition würde ja sämtliche Äusserungen einer Gesellschaft beinhalten, folglich auch Sihlcity ;-)
> Artikel vom Kulturblog zum Thema
Kommentare
2007-03-23 22:53:42
Vielleicht definiert sich ja das Shoppen in der Sihlcity als Kultur, damit die Ladeninhaber bei einem Scheitern des Projekts beim BAK Fördergelder beantragen können?



