2009-03-20

Glibbrige Seelen und bekiffte Slampoeten

Von unkultur @ 19:13 [ Standortvorteil ]
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, und dann kommt noch unkultur wie der hinterletzte Spatz und erzählt, dass es in der St. Pauli Bar lustig ist. Präzisierung: Vielleicht ist es dort nicht generell lustig, aber gestern Abend an der Spoken Word Night, wo endlich wieder mal der umwerfende Jens Nielsen auftrat, dessen grösster Fan unkultur ist, und von dem in Kürze ein Buch im Verlag „Der gesunde Menschenversand“ erscheinen wird, das man unbedingt kaufen sollte, war es lustig. *lufthol* Es las auch Gion Mathias Cavelty, der bekanntlich soeben ein Buch herausgegeben hat und in den nächsten Tagen Vater wird; Cavelty erzählte von glibbrigen Seelen und heiligen Delphinen und Folterpraktiken, während sich im Hintergrund die „Human Jukebox“, die in Wirklichkeit ein bärtiger Opernsänger war, auf ihren nächsten Auftritt vorbereitete, anlässlich dessen sich unkultur später einen Song wünschen sollte, für dessen Auswahl sie sich noch später schämen sollte, weil die monotone Melodie nun wirklich keine Herausforderung für einen Opernsänger darstellte. *viel lufthol* Es gab da auch amüsante Leute an der Bar, darunter einen bekifften grössenwahnsinnigen Slammer, der für unkultur einen Slam improvisierte, aber da war es schon spät und unkultur bereits mit einem Bein auf ihrem langen Nachhauseweg der Langstrasse entlang.

2009-02-17

Der Muni Alois im Quartier-Coop

Von unkultur @ 21:27 [ Standortvorteil ]
unkultur mag ihren Lieblings-Quartier-Coop, weil da immer extra für sie ein Unterhaltungsprogramm läuft, wenn sie nach einem anstrengenden Arbeitstag vorbeischaut.

Heute an der Kasse. Der Kassier, Typ „schalkhaft mit Brille“, wendet sich an einen Security-Mann, der in der Nähe herumsteht: „Ey, Mustafa!“. Mustafa sieht aus wie das Klischee eines Security-Manns, und seine Augen schauen ein bisschen so wie die Augen von Alois in dem Kinderbuch über den Muni Alois. „Mustafa“, flötet der Kassier, „hätir scho mal öpper gsäit, dass du wunderschöni Auge häsch?“.

Mustafa erstarrt, wechselt fast unmerklich das Standbein, in seinem Unterkiefer zuckt ein kleiner Muskel. Die Augen aller Umstehenden sind auf ihn gerichtet. Der Kassier grinst jetzt milde. Nach einer Kunstpause verkündet er: „Chan gloge, Mann! Hanur welle gseh wied reagiersch...“.

(„kuhäugig“: 1550 Google-Einträge / „muniäugig“: 0 Google-Einträge)

2009-02-07

Werbung besser akzeptiert als Kultur?

Von unkultur @ 09:17 [ Standortvorteil ]
Nehmen wir mal an, der Zürcher Hafenkran wäre eine Werbeaktion – beispielsweise von der VBZ.

Traurig, aber es besteht kein Zweifel: Die Leute, die sich jetzt über die Kunst empören, hätten kein Problem mit der Werbung.


© transgression / Pixelio

2009-01-31

Verkehrte Welt

Von unkultur @ 11:37 [ Standortvorteil ]
Ich mache diese Überlegung nicht zum ersten Mal, aber heute muss ich sie mit den unkultur-Lesern teilen: Da kreiert eine junge Grafikerin einen tollen Flyer für mich, investiert ihre Ideen und Energie und Nachtstunden, damit alles genau meinen Vorstellungen entspricht und trotzdem das gewisse Etwas hat – und sie erhält dafür 200, höchstens 300 Franken. Am gleichen Tag bezahle ich einem grossen, wohlhabenden Medienhaus Tausende von Franken für ein Inserat, für das niemand einen Finger rührt. Ist das nicht eine verkehrte Welt?

Und: Ist sie, die bescheidene kleine Grafikerin, tatsächlich die vielgepriesene, blühende, zukunftsträchtige Kreativwirtschaft unserer Stadt? Wird sie dazu nicht erst, wenn sie sich mit anderen zusammenschliesst? Gemeinsam auftritt? Gemeinsam die Bedingungen festlegt, zu denen ihre Arbeit in Anspruch genommen werden kann?

Und weshalb tut sie das nicht? Ist das kleine Bisschen Unabhängigkeit der Grund? Oder ein selbstzerfleischendes Konkurrenzdenken unter den Kreativen?

Es braucht dringend Orte, an denen sich die Kreativen zusammenschliessen können, wie z.B. das geplante Kunsthaus Aussersihl, und Plattformen wie die Creative Zurich Initiative, aber praxisbezogener. Im Kleinen geschieht dies ja bereits, und das bedeutet auf jeden Fall einen Fortschritt. Trotzdem, das Einzelkämpfertum ist immer noch weit verbreitet. Das Argument, dass man dadurch agil und flexibel bleibt, kann ich nachvollziehen. Aber wenn hier die alte Vorstellung des Kreativen in seinem Kämmerchen die Finger im Spiel hat, dann bringe ich kein Verständnis auf.

2009-01-11

Die kurze Nacht der kreativen Nasen

Von unkultur @ 00:33 [ Standortvorteil ]
Eine gute Strecke vom Ort des Geschehens entfernt geht einer vor Dir auf dem Trottoir, und Du weisst, dass Ihr beide dasselbe Ziel habt. Du weisst nicht, ob Du Dich über dieses mühelose Erkennen eines Artgenossen freuen sollst. Ihr beide geht weiter, ausdrücklich-stumm die Nichtexistenz des anderen signalisierend; eine Verhaltensweise, die man etwa unter Schweizer Individualreisenden im Ausland beobachten kann, die dem Stempel des Rudeltouristen entgehen wollen. Nun, wir sind im Inland, genauer gesagt in Zürich und selbstverständlich im Kreis 4.

Der Typ trägt bei minus 5 Grad eine dünne Jacke mit einer Nonchalance, die signalisieren soll: Ich habe mir zu Hause einfach irgendwas übergezogen; mein Geist ist nämlich so absorbiert mit einem kreativen Prozess, dass ich die Kälte nicht spüre. Das alles sagt sein magerer Hintern deutlich, und erst wenn Du den Kreativen näher beobachten würdest, würdest Du bemerken, dass er vor Kälte schlottert, oder, noch schlimmer, dass er Thermo-Unterwäsche trägt. Alter Trick aus Fasnachtszeiten.

Der Typ hat eine Begleiterin, und auch sie trägt Kleider, die mit sorgfältigster Zufälligkeit und Nachlässigkeit zusammengewürfelt sind. Wenn Du hinter ihre Stirn sehen könntest, würdest Du merken, dass sie in Gedanken bereits ihren nächsten Besuch beim Edel-Secondhand-Shop plant (nein, nicht schon wieder ins 16 Tons, es gibt inzwischen Angesagteres). Wenigstens muss sie nicht frieren, denn zu ihrem Fashion Statement gehören wie von Oma gestrickte Fäustlinge und eine Mütze, die beim ungeschulten Beobachter glatt für bieder durchgehen könnte.

Am Ort des Geschehens angekommen, erspäht Dich jemand aus der Menge und stürzt auf Dich zu, äusserste Herzlichkeit verströmend. Nur ihre Augen, die verströmen gar nichts. Sie ist eine dieser alterslosen Mädchentypen, die scheinbar anstrengungslos immer toll aussehen. Nur weil Du weisst, wo Du hinschauen musst, siehst Du die Zeichen der Anspannung, die Anzeichen, dass sie schon nicht mehr auf die Vierzig zuschreitet.

Das Geschehen beginnt zu geschehen. Heute ist ein Wettbewerb angesagt: Welcher der Performer kann sich am ausdrucksvollsten die Nase schnäuzen? Renommierte Schnäuz-Künstler aus New York, Berlin, Barcelona und aus dem Zürcher Ghetto sind angereist. Das Publikum ist distinguiert ergriffen, darauf bedacht, nicht etwa enthusiastisch zu wirken. Die Siegerin ist selbstverständlich aus Zürich; sie ist übrigens hauptamtlich Gastro-Künstlerin und nimmt den Applaus abgeklärt entgegen.

Ein Vertreter der Stadt steht in einer Ecke und beobachtet alles. Einen Moment lang leistet er sich den ketzerischen Gedanken, wie es wäre, solche Events zu subventionieren. Dann fühlt er sich von einer gehobenen Augenbraue taxiert und verwirft den Gedanken wieder. (Was er nicht wissen kann: Die gehobene Augenbraue ist künstlerisches Mittel der Selbstdarstellung und beglückt an diesem Abend ausnahmslos alle Anwesenden.)

Du Deinerseits bist zu diesem Zeitpunkt auf dem Nachhauseweg. Natürlich hätte man noch ein Haus weitergehen können, aber Du hast heute keine Lust auf Déjà-vu-Erlebnisse. Ausserdem ist ein Haus weiter genau genommen bereits Dein Haus. Du bist sehr, sehr müde und irgendwie missgestimmt und hast irgendwie eine Überdosis Zürich. Du legst Dich ins Bett und träumst von einer Horde riesiger Nasen, die Dich anzuschnäuzen versuchen.

2008-11-05

Bye bye, KNILCH und MILF

Von unkultur @ 00:19 [ Standortvorteil ]
Noch einmal schlafen (kurz). Und sich dann über eine Welt freuen, die zwar immer noch düster ist, aber immerhin nicht vom KNILCH und von der MILF regiert wird.

2008-09-04

JP Kalonji und Gegen Weiss II (aus der Serie: Vernissagen, zu denen man nicht wegen der Drinks geht)

Von unkultur @ 00:19 [ Standortvorteil ]
Meine Serie „Vernissagen im Kreis 4, zu denen man nicht wegen der Drinks geht“ ist fast vergessen gegangen. Heute wird sie wiederbelebt. Allerdings muss ich "im Kreis 4" etwas erweitern, denn eine der beiden wird nicht im Kreis 4 stattfinden.


Wer_ JP KALONJI
Was_ 365 Samurai & quelques bols de riz
Wo_ Swiss Art Ventures, Thurwiesenstrasse 7
Wann1_ Vernissage Freitag 5. September ab 18.30
***mit Live Drawing Performance***
Wann2_ Ausstellung 5. - 26. September 2008
Website_

Bild von der Swiss Art Ventures Website



Wer_ Rafael Grassi und Oliver Krähenbühl
Was_ Gegen Weiss II
Kuratiert von Bettina Carl
Wo_ White Space, Militärstrasse 76
Wann1_ Eröffnung Donnerstag 11. September ab 19 Uhr
Wann2_ Ausstellung 12.-26. Septenber
Website_


> Erster Beitrag der Serie "Vernissagen, zu denen man nicht wegen der Drinks geht"

2008-08-01

Das ist keine 1.August-Rede

Von unkultur @ 15:22 [ Standortvorteil ]
Ich weiss, dass es unter meinen Mitbloggern jetzt hip ist, 1.August-Reden auf ihren Blogs zu halten, aber ich tue das konsequenterweise nicht. Die Schweiz ist mir zwar als Land recht sympathisch, was ich bestimmt auch schon erwähnt habe, aber mit diesen komischen Nationalsymbolen, die man jeweils am 1. August und zu ähnlichen Gelegenheiten hervorholt, kann ich mich einfach nicht anfreunden.

Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Nationalsymbole hätte, im Gegenteil! Es gibt da zum Beispiel ein verkanntes Nationalsymbol, für das ich an dieser Stelle glatt ein flammendes Plädoyer halten würde, hätte ich mich nicht bereits gegen eine Rede entschieden. Verehrte YUSSP*, würde ich sagen, ich fordere mehr Anerkennung für den Gauch**! Der Gauch ist vielleicht ein unscheinbareres Tier als der stolze Adler oder der mächtige Bär, die wir so gern in unsere Wappen setzen – aber entspricht er unserem Nationalcharakter nicht viel eher? Etwas träge, kompakt und scheinbar stoisch, reagiert er lange nicht auf äussere Reize. Bis er unvermittelt mit einer unübersehbaren – im Fall des Gauchs korrekter unüberriechbaren – Attacke auf sich aufmerksam macht. Ja, ich fordere mehr Respekt für unsere Gäuche***!

Und das wäre erst der Anfang meiner denkwürdigen Ansprache. Aber wie gesagt, ich bleibe konsequent und verzichte.

Übrigens, ich mag den 1. August, weil das kulturelle Angebot abseits der unsäglichen Reden gar nicht übel ist. Z.B. „Motherland Calling from Fridji“ gleich um die Ecke (nix wie hin, hat schon angefangen!), oder, um die andere Ecke, Dee Day Dub von „Stadtsommer“ in der Bäcki (schon wieder mit Brandy Butler – ein Vergnügen, ihr zuzuhören!).


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*Young urban sexy Swiss people. Das weiss doch jeder...
**Offenbar bedeutet dieses Wort in Deutschland: Kuckuck (veraltet), Narr oder Geck, Spanische Fliege. Die Spanische Fliege kommt unserem schweizerischen Gauch, dem „Stinkkäfer“, am nächsten, sieht aber etwas anders aus.
***Gemäss Duden ist sowohl die Pluralform Gauche als auch das poetisch Gäuche zulässig.

2008-03-09

Origami-Girlanden auf dem Friedhof Sihlfeld

Von unkultur @ 12:37 [ Standortvorteil ]
Zum gestrigen Tag der Frau gab es eine Führung durch den Friedhof Sihlfeld, während der hauptsächlich auf die bekannten Frauen eingegangen wurde, die dort begraben liegen. Am auffälligsten präsentierte sich aber das Grab von Henri Dunant: Unzählige farbenfrohe Papiergirlanden schmücken es (auf dem Bild ist nur ein Teil davon zu sehen). Von den Friedhofskundigen liess ich mir erklären, diese würden jeweils von japanischen Bewunderern zurückgelassen.


Haltbarer als Blumen: Origami-Girlanden

2008-02-12

Der Reiz des Unexotischen

Von unkultur @ 20:47 [ Standortvorteil ]
Zweimal in den letzten Tagen konnte ich an mir selbst wieder diesen seltsamen Reflex beobachten: Beim Lesen der Bücher von Petra Ivanov (Krimis, die in Zürich spielen), und beim Schauen des Films „Der Freund“ von Micha Lewinsky. Sobald sich die Figuren auf Schauplätzen bewegten, die ich kannte, kam diese unerklärliche Freude in mir auf. Ich kann nicht genau beschreiben, woraus sie besteht. Heimatliebe? Zu einfach. Viel eher das Gefühl, dass ich mich in dieser Stadt bewege, und um mich herum, direkt hinter mir, dort drüben, in einer Art Parallelwelt spielen sich die Ereignisse des Buchs / des Films ab.

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