2008-12-17

Die Jungen und die Frischen

Von unkultur @ 23:08 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Ich habe Laurin Buser in diesem Blog schon überschwänglich gelobt. Nun, im „Back to the Rote Fabrik“ am vergangenen Freitag wirkte er... nein, nicht wie eine Karikatur seiner selbst, aber wie eine Stilisierung seiner selbst. Ja, er ist grossartig auf der Bühne, aber er läuft Gefahr, all seine Kniffs und Stilmittel schon bald zu routiniert einzusetzen.

Gegen ihn wirkte der Sieger Christian Bartel, der gut und gerne zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel hat, nun... nicht jünger, aber frischer. Auf jeden Fall erfrischend. Er hat dieses Vertrauen, dass er auch gut sein kann, wenn er nicht in jedem Augenblick perfekt ist. Dass er sich nicht stylen muss, um cool zu sein. Und dass er ganz einfach eine mitreissende Geschichte erzählen muss.

Ich weiss, ich plädiere oft für die Form und dass sie mindestens so wichtig sei wie der Inhalt. Aber hier muss ich mir ausnahmsweise widersprechen. Vielleicht bringt „Back to the Rote Fabrik“ den Slam nicht nur zurück in subkulturellere Gefilde, wie die Moderatoren Etrit Hasler und Patrick Armbruster andeuteten, sondern auch zurück zu den Inhalten.

2008-12-13

Gegähnt

Von unkultur @ 23:57 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Neulich habe ich mir im Kaufleuten die Show von „Oropax“ angesehen. Ich habe mich redlich um ein mildes Urteil bemüht – ohne Erfolg. Die Show mag für ein 5- bis 10-jähriges, nicht allzu aufgewecktes Kind ganz in Ordnung sein, auch wenn es nach dem dreizehnten Witz langsam etwas gelangweilt wäre. Für einen Erwachsenen ist die Show eine Tortur, welche die falschen Muskeln aktiviert: Nicht die Lachmuskeln, sondern die Gähnmuskeln. Nur durch ständiges Nachschütten von Prosecco konnte ich einen Gähnkrampf verhindern.

Die einzigen lustigen Momente waren die, in denen das Duo absurde und dadaistische Töne anschlug – ob freiwillig oder unfreiwillig, ist mir nicht ganz klar. Meistens war es aber einfach plumpe Komik, aufgepeppt mit etwas Fäkalhumor und missglückten Ironie- und Slapstick-Versuchen. Im Gegensatz zu Spoken Word Performern, die ununterbrochen Wortspiele präsentieren, bot Oropax höchstens mal alle 20 Minuten ein Wortspiel, worauf die beiden jeweils für 5 Minuten verstummten, bis man ihnen gehörig applaudiert hatte.

2008-11-21

Die Nerds kommen!

Von unkultur @ 13:46 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Slampoeten, die über Herzschmerz und über das Elend der Welt erzählen, gibt es genug. Macho- und Starke-Frauen-Sprüche, elegant verpackt, ebenfalls. Auch die Ästheten, die mit kompliziert konstruierten Versen einen Hauch von Nichts verhüllen, sind uns hinlänglich bekannt. Deshalb war es eine Erfrischung, ja Erleichterung, gestern Abend am SLAM 08 mitzuverfolgen, wie die neuen Nerds die Bühne stürmten.

Es war die Vorrunde des Teamwettbewerbs, die Stimmung war - brodelnd. Und die Nerds lösten nicht etwa Langweile aus, im Gegenteil: Sie entlockten dem Publikum laute Lacher und Zwischenrufe und der Jury hohe Noten. (Einschub: An alle Sprachpuristen, es tut mir leid, dass ich das englische Wort "Nerd" verwende, aber im Deutschen gibt es nun mal kein Wort, das die Persönlichkeit eines Nerds so facettenreich widergibt.)

Die Nerds jonglierten mit Zahlen und Wörtern, und zwar auf eine souveräne und unverkampfte Art, immer mit einem Verblüffungs-Auslöser an der richtigen Stelle. Allen voran das zu einem Viertel schweizerische* Team SMAAT, das mit Statistiken um sich warf. Dann das Team Tübingen mit seinem wunderbar heimtückischen Zahlen, die sich langsam in die Sprache des einen Bühnenpoeten einschleichen und sie untergraben, bis der Geplagte aus der Not eine Tugend macht und die Zahlen "integriert". Das Team Krém, Sahne extrem! bot Dada vom Feinsten, und Allen Earnstyzz stellte sich und uns existentialistische Fragen. Und jetzt habe ich vermutlich mindestens zwei der Teams verwechselt... Man verzeihe mir das und belehre mich!


_________________
*genau ein Viertel! Das ist statistisch belegt.

2008-10-02

„Wenn ich über etwas schweige, schweigst Du über etwas anderes“

Von unkultur @ 08:51 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Wenn ich im Folgenden Jürg Halter mal falsch zitiere – ich habe ihn immerhin vorgestern Abend im Kaufleuten live gehört und gesehen – dann liegt das an meinem schlechten Erinnerungsvermögen und an dem geheimen Wunsch, dass mir jemand sein neues Buch schenken möge.

Aber diese Zeile weiss ich garantiert noch richtig: „Wenn ich über etwas schweige, schweigst Du über etwas anderes“. Ja, Jürg Halter ist etwas anspruchsvoller geworden und liefert uns nicht mehr bildhafte Aussagen wie diejenige mit dem Zahnarzt und dem Krokodil aus Malachit. Dafür hält er unser Gehirn auf Trab, während er aufreizend langsam liest und wir damit beschäftigt sind, die Assoziationen, Anspielungen und Bestandteile der Logik seiner Texte einzuordnen.

Unaufdringlich begleitet wird er von Julian Sartorius, der auch schon mal Schneeflocken auf sein Schlagzeug niederschweben lässt und dann den Text unvermittelt zu einem eindringlichen Song verdichtet („Das Fallen des Regens / Das Fallen an sich / Das Fallen des Regens / Das Fallen an sich“).

Am Schluss sagt dann Jürg Halter viele kryptische Dinge, unter anderem auch, dass er die Emos als neue Zielgruppe entdeckt habe. unkultur wirft einen beunruhigten Blick in die Runde und auf sich selbst: Ist sie unbemerkt zum Emo mutiert?

2008-09-20

Von Qualität und Miserabilität (und Lätzchen)

Von unkultur @ 23:56 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Nein, ich will mich nicht beklagen. Ich meine nicht, dass ich weniger Qualität fordere, sondern einfach, dass ich keine Kritik über den heutigen 18. Poetry Slam im Schiffbau schreiben kann, weil der Kontrast fehlte. Ausnahmsweise alle Poeten, die die Bühne betraten, waren sehr gut bis überwältigend. Es fehlten: 1) der bedauernswerte Aussenseiter, 2) die Pfeife, 3) derjenige mit dem schlechten Abend.

Ich kann daher nicht viel mehr berichten von dem Slam im aus feuerpolizeilicher Sicht grenzwertig vollgepackten Schiffbau, als dass ich enthusiastisch war. Oh, und etwas Praktisches für den Alltag habe ich mitgenommen: Wenn die Enten am See mich füttern statt ich sie, dann muss ich anfangen, mir ernsthafte Sorgen um mich zu machen. Ich befinde mich dann auf der untersten Stufe der Miserabilität. Die Enten als psychischer Seismograph sozusagen.

Der Abend hat mich aber auch mit einer offenen Frage zurückgelassen, die schon seit einer Weile in mir heranreift. Seit einigen Monaten sehe ich an allen kulturellen Anlässen diese neue Art, einen Schal zu tragen: frau bindet ihn im Nacken zusammen und lässt ihn locker über den ganzen Oberkörper fallen*, was in mir unweigerlich die Assoziation mit einem Lätzchen auslöst. Ich kenne sogar einige Trendsetterinnen, die dies adaptiert haben, aber ich habe bisher nicht gewagt, ihnen diese Frage zu stellen:

„Warum?“


______________________________________
*nein, nicht Arafat-Tücher, sondern bunte Seidenschals.

2008-07-26

Wie versprochen: Die enthusiastische-vernichtende Enge-Slam-Kritik

Von unkultur @ 11:05 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Simon Chen – Deine poetische Crocs-Hasstirade spricht mir aus dem blutrünstigen Herzen! Oh ja, auch ich möchte diese ästhetische Missgeburt vom Antlitz der Erde getilgt wissen…

Kilian Ziegler – Fulminanter Einstieg ins unkultur-Radarfeld mit dem Text „Sitzstreik“. War eigtl. nach der ersten Hälfte mein Favorit, aber was kümmert’s das übrige Publikum?

Daniel Gräsl (?) – Habe mich wieder mal schmerzhaft fremdgeschämt. Ich konnte nicht mehr zuhören und zuschauen. Bitte, mag ihn irgendjemand überreden, seine Texte nicht mehr vorzutragen?

Philip Vlahos – Gar nicht schlecht… Der Trick mit der Publikumsbeteiligung erinnert an den von mir verehrten Ato Mailer. Und die alles überschwemmenden Brusthaare im Final waren unschlagbar.

Nico Herzig/Carlo Spiller – Was beim grandiosen „6 Titten Team“ funktioniert, dieser Effekt des Wechsels zwischen verschiedenen Sprechern, rasantes Synchronsprechen etc., funktioniert bei „Sex on the Speech“, wie sie sich nennen, nicht. Warum? Ganz einfach: das „6 Titten Team“ macht gute Texte.

Simon Libsig – wie er leibt und lebt! Er beschenkt uns mit einem neuen – bzw. mir vorher unbekannten – Text, dem ich das Zitat von vorgestern entnommen habe.

2008-07-24

"lieber es Läbe ha näbedra, as vergäbe en Blog blogge und nüd z'säge zha"

Von unkultur @ 09:55 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Wer gestern Abend nicht am Slam in der Badi Enge war, der hat etwas verpasst! Meine messerscharfe Kritik zu den einzelnen Slampoeten folgt später, Ehrenwort. Ich kann's aber nicht lassen, schon heute ein Zitat aufzuführen, das so wunderbar in die Bloggerwelt passt:

lieber es Läbe ha näbedra, as vergäbe en Blog blogge und nüd z'säge zha
(Simon Libsig)

Ich werde sofort in mich gehen...

2008-06-02

Die heimlichen Sieger in St. Gallen

Von unkultur @ 10:25 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Samstagabend in der Grabenhalle in St. Gallen. Beim grossen Schweizer Best of Slam gab’s wieder mal heimliche Sieger. Klar waren die üblichen Verdächtigen, Gabriel Vetter, Ato Meiler, Simon Libsig, Renato Kaiser und Lara Stoll – na eben, toll. Aber da ich ihre Texte schon etwas zu oft gehört habe, konzentriere ich mich diesmal auf ein paar Slampoeten, die nicht viele Schlagzeilen machen, mich aber überzeugt haben:

4. Dari Hunziker: Durchdachter, gut aufgebauter Text mit der richtigen Prise Humor und Dramatik. Die Frau kann texten, und sie kann performen. Etwas überkandidelt, aber das gehörte wohl zum Auftritt.

3. Elsa Fitzgerald: Ihren Text hörte ich zwar zum drittenmal, aber er ist einfach köstlich. Die lächerliche Polizei, die mickrigen Autonomen, und mittendrin „s’Gabi“, das sich resolut um seine eigenen Probleme kümmert.

2. Das 6 Titten Team: Ich überlege hin und her, ob der Special Effect – die frech gelüpften T-Shirts – überflüssig war, weil er von der genialen Performance ablenkte. Auch wenn er gut reinpasste. Wie auch immer, ein 1A-Auftritt: Gut einstudierte Dramaturgie, unheimliche Momente, dann wieder selbstironisch und unbeschwert.

1. Patrick Savolainen: Für mich die grosse Überraschung des Abends. Ihn hatte ich nie zuvor gehört; warum? Sein Text war Poesie pur. Nachdenklich, witzig, mit raffiniertem Textrhythmus und eindringlichen Bildern. Danke, Patrick Savolainen, für den schönsten Moment des Abends.

2008-02-10

Gotteslästerliches und ausgestochene Augen

Von unkultur @ 01:46 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Weshalb dieser Titel? Nun, beim Poetry Slam im Stoffwechsel, dessen Sieger Christoph Simon vor knapp zwei Stunden die Krone aufgesetzt bekam, wurden sowohl Gotteslästerliches als auch ausgestochene Augen auffallend häufig thematisiert. Diese profanen Gegenstände sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Niveau der zehn Slampoeten hoch war. Die heimliche Heldin des Abends, die leider wegen eines schwächeren zweiten Textes nicht das Finale erreichte, war Lara Stoll.

Vielversprechend, dass Lara Stoll an ihren U20-Siegertext anknüpfen kann und weiterhin Slam Poetry vom Feinsten präsentiert – überschäumend mit absurder Phantasie, in präzisen Worten ausgedrückt und gekonnt ans Publikum gebracht. Während die beiden Finalisten entweder bei der Performance (Christoph Simon) oder bei den Texten (Frédéric Zwicker) mit Schwächen kämpfen, bewies Lara Stoll mit der beeindruckenden Leistung ihre ersten Auftritts, dass bei ihr beide Elemente – Text und Perfomance – gleich ausgeprägt sind. – Zwischen den Runden tischte uns einer der "Stoffwechsler", der versierte Slampoet Simon Libsig, einen seiner augenzwinkernd-salbungsvollen Slamtexte auf.

Atmosphäre im Stoffwechsel in Baden schufen auch das zum Bersten volle Kellergewölbe, die Bar und das moderierende Duo Liebestoll – Letzterem muss selbst unkultur als Anhängerin von Ko Bylanzky und Rayl Patzak ihre grosse Anerkennung aussprechen. Einzige Schwäche: Die Jury war zu klein; das Urteil fiel tendenziös aus. Abgesehen davon: Zum Wiederbesuchen. (Tipp: Es gibt genau 60 Plätze, knapp die Hälfte davon sind Sitzplätze. Unbedingt Tickets vorbestellen! unkultur musste für ein Ticket an der Abendkasse wie ein Löwe kämpfen.)


> unkultur-Eintrag: Laurin Buser vs. Christoph Simon

2008-01-26

„Ich griff mir einen Vogel aus der Luft und schmetterte ihn auf die Katze“

Von unkultur @ 00:33 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Der Satz stammt bekanntlich nicht von mir, sondern vom genialen Jens Nielsen, und ich habe das Zitat in diesem Blog schon mal gebracht. Nicht sehr originell, ich weiss. Aber er ist die perfekte Überschrift für meine Erwartungsliste an gutes Spoken Word.

Ich will überrascht werden.
Ich will brüskiert werden.
Ich will zu ketzerischen Gedanken verführt werden.
Ich will bezaubert werden.
Ich will abgestossen werden.
Ich will an der Nase herumgeführt werden.
Ich will zur Unersättlichkeit gezwungen werden.
Ich will inspiriert werden.

Ich will keine Buchstaben, sondern Bilder vor mir sehen.

Und das alles bitteschön sehr konzentriert. Am liebsten in einem einzigen Satz (oder wenn’s sein muss in maximal 10 Sätzen).

Geschafft haben das diese Nacht Lea Gottheil und Tania Kummer. Eine Gelegenheit für ein Lob kommt mir gerade recht, nachdem ich so viele niederschmetternde Urteile über Spoken Word Artists ausgesprochen und dafür ebenso niederschmetternde Kommentare erhalten habe.


(Gehört an der LesBar: Musenkuss in der Villa Sträuli: Lea Gottheil, Tania Kummer und Ruth Loosli.)

Posts  1 - 10 /28