2007-02-15

Lob der Maske

Von unkultur @ 09:03 [ Erdungsgarnitur ]


Gestern Abend besuchte ich einen Cabaret-Lieder-Abend mit dem Duo Luna-tic im Cabaret Voltaire. Ihr Programm „Boudins & Boutons“ wurde mit liebevoller Hingabe, viel Enthusiasmus und überbordendem Humor vorgetragen. Einfach eine Delikatesse, der ganze Abend. Als ich nachher mit den beiden plauderte, stellten sich – wen wundert’s – weder ihre Namen noch ihre Akzente, geschweige denn ihre Charaktere als echt heraus.

Eigentlich nutze ich das Duo Luna-tic nur als Vorwand, um eine Lanze zu brechen für die – Maske. Für das Spiel mit den Identitäten. Ich möchte nicht einstimmen in den Chor derjenigen, die für Authentizität, „Sich selbst sein“, Ehrlichkeit plädieren.

Der Charakter eines Menschen hat so viele Facetten. Wir denken differenziert und ändern deshalb unsere Meinung oder unser Verhalten – wir sind wankelmütig und tun aus diesem Grund dasselbe – oder wir sind ganz einfach intelligent und merken, dass eine Situation langsam unerträglich wird, wenn wir nicht von unserer rigiden Haltung abweichen. Irgendwo zwischen der schwachen Windfahne und dem Prinzipienmonster befinden wir uns alle.

Aber all diese selbsternannten Promis (und an dieser Stelle möchte ich der Billag herzlich danken, dass sie es mir verunmöglicht, einen Fernseher zu besitzen) und Politiker glauben, uns andauernd beteuern zu müssen, wie authentisch, natürlich und „sie selbst“ sie sind, und dass sie niemals etwas vorspielen. Weil wir es von ihnen erwarten?

Je glaubwürdiger und ungekünstelter jemand wirkt, desto mehr Zeit, Einfallsreichtum und Schauspielkunst hat er investiert, um von sich ein möglichst authentisches Image zu kreieren. Daran ist überhaupt nichts Schlimmes. Denn ich behaupte, dass niemand "authentisch" ist (abgesehen von unseren leicht zurückgebliebenen Mitmenschen). Jeder schauspielert; jeder schützt sich durch eine Maske.

Ich mag meine verschiedenen Gesichter – oder nennt sie Masken, wenn Ihr wollt. Ich kultiviere sie und baue sie täglich aus. Je nachdem, in welcher Gesellschaft ich mich befinde – Arbeitsplatz, die eine oder andere Gruppe von Freunden, Verwandte – habe ich ein anderes Gesicht. Das sind keine blossen Rollen, sondern ich habe für jede Gruppe die massgeschneiderte Maske, welche genau die Blössen deckt, die ich mir hier nicht geben darf, und die Vorzüge hervorhebt, die ich in der jeweiligen Gesellschaft besonders betonen möchte.

Diejenigen unter uns, die diese Kunst am besten beherrschen (oft sogar unbewusst) sind gesellschaftlich am erfolgreichsten. Sie wirken am umgänglichsten, am offensten, und – ja, am natürlichsten.

Ach ja, unsere Kleidung gehört auch zu dem ganzen Maskenspiel. Die Kleidung und die Art, wie wir uns visuell präsentieren, sind eine wichtige und vielbeachtete Kommunikationsform. Wenn man das nur mal einigen Mitmenschen klarmachen könnte…

Aber das ist Stoff für einen weiteren Blog-Eintrag. Zurück zu meinem ursprünglichen Thema. Cabaret Voltaire gestern Abend… Schade, dass der Direktor des C.V., Philipp Meier, nicht da war. Er wäre eine wunderbare Illustration zu meinem Thema. Er will sich mit seinem Che-Guevara-Look und seiner „Provokation-um-der-Provokation-Willen“ zu einer Kultfigur machen, und, ich sage dies mit Hochachtung – er hat es schon fast geschafft! Immerhin schreibe ich über ihn. Immerhin bin ich eine berüchtigte Bloggerin, die schon seit 3 Tagen existiert.


> Lob der Verpackung


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