Was haben Burma und die Schweizer Wahlen gemeinsam?
| Von unkultur @ 21:09 | [ The Web ] |
Bei der Presse kennt man ja die Mechanik des Hochschaukelns. Sie wird gefördert durch die Konkurrenz und die Angst, Marktanteile zu verlieren. Aber woran liegt es bei den Bloggern, von denen die meisten nicht bezahlt sind und die sich ständig als die grossen Unabhängigen brüsten?
Man wird einwenden: Verständlich, dass Burma oder die Wahlen viele Menschen beschäftigen, also auch Blogger (auch unkultur). Und worüber schreiben wir, wenn nicht über das, was uns beschäftigt? – Berechtigter Einwand, aber ich spreche nicht von normalen Blog-Einträgen, sondern von diesem Solidaritäts-Gefasel, von diesem „Jetzt müssen wir etwas tun!“-Gehabe, von diesem aufgeblasenen selbstgerechten Auf-der-richtigen-Seite-Sein. Das dann verdächtig schnell wieder verstummt.
Man bebloggt sich gegenseitig
Was ich von der Burma-Welle halte, muss ich nicht wiederholen (man kann's hier nachlesen). Was die Wahlen anbelangt: Wenn ich jemals die Illusion hatte, dass Bloggen politisch etwas bewirken kann, dann habe ich sie jetzt nicht mehr. Die Blogger, auch wenn sie sich gegen das Attribut „elitär“ verwahren würden, scheinen dasselbe Problem wie die Schriftsteller zu haben: Sie bloggen unter sich. Sie bebloggen sich gegenseitig. Wer liest Blogs, abgesehen von anderen Bloggern? Erreichen Blogs diejenigen Wähler, deren Meinung beeinflusst werden müsste, oder die zum Wählen bewegt werden müssten? Kaum.
Das Bloggen und die Globalisierung begünstigen sich gegenseitig. Innerhalb dieser globalen Bloggerwelt entstehen selbstverständlich auch Nischen. Diese Nischen sind aber ortsunabhängig. Was bedeutet dies für regionale (räumliche) Strukturen, z.B. ein Land oder Regionen innerhalb eines Landes? Fallen sie durch die Maschen der Bloggerwelt? Bestimmte Kreise in der Schweiz konsumieren wahrscheinlich – sofern sie denn überhaupt Blogs konsumieren – nur Blogs, die im Radar von Facts 2.0 & Co. gar nicht auftauchen. Und die demzufolge auch von deren Radar nicht empfangen werden.
Ich behaupte seit längerem, dass sich auch in der Welt des Bloggens wieder eine Elite herausbildet. Es scheint unvermeidbar. Menschliche Gesellschaften, in welcher Form auch immer, funktionieren offenbar einfach so. Anerkennung von gewissen Menschen bedeutet uns mehr als Anerkennung von anderen Menschen. Einige sind gleicher als andere. So wird die Entwicklung in Bewegung gesetzt.
Auch sehr nützliche Plattformen wie „Votez pour vous!“ werden hauptsächlich von Blog-affinen Kreisen genutzt, behaupte ich jetzt mal; eine Erhebung wäre interessant. Irgendwann werden wir merken, dass wir vor uns hinlamentieren und nur von anderen Bloggern beachtet werden. Darauf folgt unweigerlich die Erkenntnis: Ich kann in der Offline-Welt nichts bewirken. Worauf wir uns wieder auf unser Bloggerdasein besinnen und die aufgesetzte Engagiertheit fallenlassen. Und wieder Bloggen um des Bloggens Willen.
> Anschliessende Diskussion auf Facts 2.0
Kommentare
2007-10-23 10:44:48
Bin ich eine Ausnahme? Ich führe selbst kein Blog. Ich lese nur diverse Blogs. Für das "von nur-anderen-Bloggern" gelesen werden ist auch ein bisschen jedes Blogroll schuld.
2007-10-23 13:38:18
Wenn Blogger nur unter sich bleiben und sich in Selbstbespiegelungen ergehen, warum versucht dann die italienische Regierung, ihnen das Maul zu stopfen? Warum ist die Huffington Post zu einer der meist gehörten Stimmen in der US-Publizistik geworden? Woher stammen unsere wenigen Informationen aus dem Inneren von Burma oder Iran, wenn nicht von den dortigen Bloggern?
Andererseits: Warum sollte ich den Anspruch haben, die Welt zu verändern, wenn ich in meinem Blog diese oder jene Anmerkung zu ihrer gegenwärtigen Lage mache? Ich finde bloggen macht mehr Spass als nur brummeln und im Stillen motzen. Feedback bekomme ich nur, wenn ich blogge, nicht, wenn ich meinen Senf für mich behalte.
2007-10-23 17:40:09
Genau das meine ich ja: Ein Blogger sollte nicht den Anspruch haben, die Welt zu verändern, sondern bloggen, weil es ihm (und vielleicht noch ein paar anderen) Spass macht.
Die Beispiele, die Du aufzählst, spielen sich im Ausland ab; ich habe mich auf die Schweizer Blogszene bezogen.
2007-10-23 18:51:43
Die Frage ist für mich nicht, warum Blogger, obwohl unabhängig, wie Du schreibst, nur einmalig über Themen wie Burma oder auch die Wahlen berichten, sondern was das bringen würde?
Ich halte wenig davon, als Blogger anderen Menschen die Welt zu erklären und ihnen vorzuschreiben, wie man es richtig macht. Ich halte mich da an einen in meinen Augen sehr klugen Spruch: "Wenn Du die Welt verändern willst, musst Du Dich verändern." Insofern genügt es für mich, wenn ich ein Thema einmal aufgreife.
Dass Blogger nur für Blogger schreiben, glaube ich nicht. Für mein Blog kann ich sagen: Blogger kommentieren meine Beiträge direkt im Blog. Nicht-Blogger schreiben eine Email, rufen mich an oder treffen sich mit mir. Insofern ist es richtig, dass die Diskussionen in Blogs häufig so eine Art Inzucht darstellen. Die Aufgabe muss es daher sein, die Themen auch über andere Kommunikationskanäle zu diskutieren. Das können Foren sein, Beiträge in Zeitschriften oder auch Seminare. Wichtig ist nur, dass wir diejenigen, die keine Kommentare direkt ins Blog schreiben, nicht vergessen.
Für mich haben die Kommentarschreiber und die, die es nicht tun, beide eine ganz wichtige, weil unterschiedliche Funktion. Die Kommentarschreiber kommen in der Regel nicht aus dem Bereich Kultur)-Management, ihre Außensicht ist aber für mich sehr wertvoll, denn sie sehen die Dinge aus einer anderen Perspektive. Die Nicht-Kommentarschreiber sind quasi mein Fachpublikum, mit denen zusammen ich im Bereich Kulturmanagement zusammenarbeite. Das aber nicht im Blog, sondern in der realen Welt. Insofern würde ich nicht behaupten, dass Blogs in der "Offline-Welt" nichts bewirken. Das steht dann nur nicht mehr im Blog.
2007-10-23 19:20:32
Ich habe mich den obigen Themen nur kurz oder nebenbei bedient. Hauptsächlich will ich dass Bush so bald wie möglic impeacht wird und bin mehr copy paster als blogger. Meine eigenen Kommentare halten sich sehr in Grenzen.
Hier meine beiden Blogs, die wie oben erwähnt, hier und sonstwo in den seriösen Massenmedien nicht auftauchen.
the world according to marcosolo (Deutsch)
http://marcosolo.antville.org
Impeach Bush now!! (Englisch)
http://marcosolo.journalspace.com
viel Spass
Gruss
Marcosolo
2007-10-23 20:17:44
Zumindest beim Bloggen kenne ich keine Landesgrenzen. Was spielt es für eine Rolle, ob jemand innerhalb oder ausserhalb der Schweiz bloggt. Aber stell dir mal vor, die Zottelböcke hätten die Wahl mit überwältigender Mehrheit gewonnen. Dann wäre es wahrscheinlich bald nötig, in Blogs über die reale Situation in der Schweiz zu berichten. Die Zeitungen und das Fernsehen würden nur noch dem obersten Parteiführer huldigen.
2007-10-24 08:49:29
@ Christian Henner-Fehr: Dann hast Du das Glück, dass Du über ein Thema schreibst, das auch Nicht-Blogger interessiert. Und die Qualität Deiner Texte das Interesse wachhält. Meine (un)kulturellen Themen werden hauptsächlich von anderen Bloggern gelesen, glaube ich, abgesehen von ein paar treuen Gastkommentatoren, die nicht selbst bloggen.
Auch Du greifst dieselben Themen immer wieder auf; immer aus neuen Perspektiven beleuchtet, auch wenn Du das Gegenteil behauptest ;-) Ich finde, das macht absolut Sinn. Es wird von aussen als Kontinuität wahrgenommen und verleiht Dir somit ein Profil.
Vielleicht ein Missverständnis: Ich bin gerade NICHT der Meinung, dass Blogger die Welt verändern sollten. Mich nerven nur diejenigen, die so tun, als wäre ebendas ihre Absicht. Deshalb widme ich mich in meinem Blog einem mehr oder weniger klar umrissenen Themenfeld und versuche - was mir nicht immer gelingt - mich von den "Aasgeier-Themen" (die Themen, auf die sich alle stürzen) fernzuhalten.
So, das war jetzt etwas verschachtelt, aber ist auch noch früh am Morgen...
2007-10-24 08:53:37
@ Beta: Ja, das Web ist ortsunabhängig. Aber es gibt eine Schweizer Blogszene. Es gibt (interessanterweise) sogar hier Landesgrenzen. Verstehen würde man noch die Sprachgrenzen, aber weshalb tauschen wir uns nicht genausoviel mit deutschen oder österreichischen Blogs aus wie mit schweizerischen?
2007-10-24 09:52:21
Vielleicht gehört das Aasgeier-Blogging ja in die selbe Kategorie wie die 50 Franken für die Glückskette? So nach dem Motto "Tu Gutes und blogge darüber"?
Irgendwo gabs da noch diese Studie, wonach Altruismus letztlich Egoismus ist ...
2007-10-24 11:04:53
@ unkultur: klar greife ich immer wieder dieselben Themen auf. Aber das ist kein Muss. Ob ein Beitrag oder zehn Beiträge, die Quantität spielt keine Rolle.
Und was das Verändern der Welt angeht. Wenn Du Dich änderst, passiert die Veränderung bereits, insofern kannst Du auch als Bloggerin die Welt verändern. ;-)
2007-10-24 20:05:06
@ monarch: stimmt, auch der Retter im Dramadreieck rettet letzen Endes, um sich in den Vordergrund zu stellen. Da steckt auch dieser angesprochene Egoismus dahinter.



