2007-09-01

Gedanken zur Volkskultur

Von unkultur @ 10:00 [ Kluturbanause ]
Wer gehört zum Volk?

Um die konservativen Kräfte zu besänftigen, hat die Pro Helvetia das Programm «echos - Volkskultur für morgen» lanciert. Schüchtern setzt sich das Programm damit auseinander, dass auch die Volkskultur irgendwann modern werden könnte. Ja, es dürfen sogar Fragen gestellt werden wie „Wird Kunst nur von Profis und Volkskunst nur von Laien gemacht?“ oder „Ist Volkskultur unsterblich? Oder kurz vor dem Aussterben?“ (Quelle: Website von Pro Helvetia). Trotzdem ist die Ausgangslage die traditionelle Auffassung, die Schweizer Volkskultur vorerst mit Fahnenschwingen, Jodeln und Ähnlichem gleichsetzt.

Dass mir meine Zugehörigkeit zum Volk abgesprochen wird, bin ich mir gewohnt – schon nur durch die Namensgebung der Schweizerischen Volkspartei. Ist also auch die Kultur, die ich täglich erlebe, keine Volkskultur?

Es ist eine Tatsache, dass ich in New York oder Singapore besser überleben könnte als in einem Bergdorf im Berner Oberland. Es ist ebenso wahr, dass mir die Umgebung eines Schwingerfestes oder eines Alpabzugs mindestens so exotisch vorkommen würde wie die Neujahrsfeierlichkeiten im guatemaltekischen Urwald. Aber: Bedeutet dies, dass ich weniger authentisch, gar weniger schweizerisch bin? Dass ich mich von meinen Wurzeln entfremdet habe? Nicht zum Volk gehöre?

Bin ich gar "unschweizerisch"?

Keineswegs! Ich fühle mich sehr stark in der Schweizer Kultur verwurzelt, und das, was ich und mein Bekanntenkreis um uns herum täglich (er)leben, verdient ebenso die Bezeichnung „Volkskultur“ wie die traditionellen Volksbräuche. Zur heutigen jungen Kultur, vor allem in den Städten, ist unter anderem ein bedeutendes urbanes und kosmopolitisches Element hinzugekommen. Es gehört genauso zur Schweiz von heute wie die alten, traditionellen Elemente. Denn wir sind auf unsere eigene, schweizerische Art kosmopolitisch. Wie oft wir jeden Tag kleine, typisch schweizerische Rituale ausüben, wird uns manchmal erst bewusst, wenn ausländische Gäste uns amüsiert darauf hinweisen.

Weshalb wird die „Lange Nacht der Museen" von heute Abend nicht als Volkskultur bezeichnet? Sie macht alle Museen zu einem moderaten Preis für alle zugänglich, senkt die Hemmschwelle durch den „Volksfestcharakter“ (z.B. mit „Erlebnis-Beizen“) und zerstreut schon durch die Beschreibung ihrer Anlässe jegliche Angst vor dem Elitären, die mir so oft das Motiv derjenigen zu sein scheint, die die Volkskultur für sich gepachtet haben wollen.

Der Brand „Schweizer Volkskultur“

Die Website „volkskultur schweiz“ warnt eingangs: „Es hüte sich nämlich jeder, der sich für die Schweizer Volkskultur interessiert. Es gibt sie nicht.“. Danach legt sie das Gewicht auf die Markenpflege, und damit hat sie Recht: Je stärker die traditionelle „Volkskultur“ vor Neuerungen bewahrt wird, desto weniger lebendig ist sie, und desto schneller mutiert sie zu einem reinen Brand.

Auf der erwähnten Website wird zudem versucht, den Begriff „Volkskultur“ genau zu umschreiben. Aber alles, was erreicht wird, ist eine weitere Unterteilung
/Schubladisierung in die drei Kategorien Elitärkultur – Populärkultur – Volkskultur. Dass die Gebildeten scheel angeschaut und als „Elite“ abgestempelt werden, sind wir uns ja bereits gewohnt. Nun soll aber offenbar auch noch das lateinische „populus“ (primitives Volk) vom (echten, gescheiten?) Volk abgegrenzt werden, das somit ein Monopol auf die Volkskultur hat.

Dann gibt es noch den Begriff „Alltagskultur“ oder „Massenkultur“. Auch er definiert sich hauptsächlich dadurch, dass er sich von der „kulturellen Elite“ abgrenzt. Schade, immer diese gegenseitigen Abgrenzungen. Ich persönlich, das ist klar, mag eine gut ausgewogene Mischung aus Elitärkultur und Alltagskultur, ziehe es aber vor, keine klaren Grenzen zu ziehen. Wie gut, gibt es die Unkultur – sie vereint Elitär- und Massenkultur, Volkskultur, Subkultur, Gegenkultur, unschweizerische Kultur und unverständliche Kultur in sich.

Den Begriff Volkskultur

sollte es so nicht mehr geben, denn er lässt sich nicht klar umreissen. Ach, übrigens: Ich gehöre auch zum Schweizer Volk. Wenn Ihr mich aber nicht wollt, trete ich gerne aus und begnüge mich mit meiner Zugehörigkeit zum Volk der Blogger.


> Zum Thema: Ist Bloggen Volkskultur?
> Volkskultur-Diskussionsblog der Pro Helvetia


Nachtrag am 5. September:
Reaktionen auf die beiden Volkskultur-Beiträge

Normalerweise setze ich keine Links zu den Reaktionen anderer Blogs, aber in diesem Fall gab es ungewöhnlicherweise innert weniger Tage gleich vier sehr unterschiedliche Blogs, die einen meiner beiden Volkskultur-Beiträge erwähnten:

> Kulturmanagement-Blog
> Gedankenblitze
> Die Blogdenunzianten
> "Bodeständigi Choscht" (Volkskultur-Blog)



Kommentare

rb - http://www.kulturblog.ch
2007-09-01 13:10:25

Sehr treffend, der Text!
Übrigens: Wenn man die Liste jener Künstler/Gruppen anschaut, die vom Pro Helvetia Volkskultur-Programm gefördert werden, so fällt auf, dass einige darunter sind, die auch sonst erheblich von staatlicher Unterstützung profitieren, z.B. Lukas Bärfuss oder die Zürcher Tonhalle. Da verteilt man erstmals unter dem Label Volkskultur Gelder -- und anstatt dass neue, bisher nicht berücksichtigte Künstler/Gruppen profitieren, kommen wieder die selben wie immer zum Zuge. (Siehe auch hier).
Zur Unterteilung der Kultur in Kategorien: Meine Unterteilung ist ganz einfach. Es gibt nur jene Kultur bzw Kunst, die mich interessiert und jene, die mich nicht interessiert -- egal ob's offiziell zur Hoch-, Massen- oder Volkskultur gehört.

dissident - dissident [at] der-verwerter.ch - http://der-verwerter.ch/~dissident
2007-09-02 13:22:10

Volkskultur? Ich weiss nicht, als Folklore möglicherweise verwirklicht, die vielmehr das Spektakel ziert als Identität stifte, fürderhin verteuert, will sie erinnern, woran einst schweizerische «Kultur» sich klammerte.

Hanspeter Gautschin - hanspeter [at] gautschin.ch - http://www.volkskultur.ch
2007-09-02 20:34:04

Lieber Mister Unkultur

Darf ich darauf hinweisen, dass Sie möglicherweise den Versuch einer Definition zu oberflächlich gelesen haben? Ich (Geschäftsführer der IG für Volkskultur) habe eigentlich nur den (für mich) interessanten Versuch der US-Ethnologen adaptiert. Die grenzen zwar auch ein, jedoch untersuchen sie, wie der Einzelne oder auch eine Gruppe sich kulturelle/künstlerische Fertigkeiten aneigneten. Bei der Volkskltur bzw. Folklife wie dasselbige in den US heisst stellen sie fest, dass die Fertigkeiten vom sozialen Umfeld übernommen werden und stetig - und das find' ich jetzt wichtig - mit eigenem weiterentwickelt wird. Als schwizerisches Beispiel dazu habe ich den legendären Volksmusikanten Rees Gwerder angeführt, der übrigens von einem Rockmusiker (wieder-)entdeckt worden ist. Also: Bitte nochmals lesen.

Anonsten bin ich froh, auf Ihren Blog gestossen zu sein. Ihre Beiträge finde ich wirklich quer, schräg und äusserst bedenkenswert. Also: Merci vielmals und herzliche Grüsse
Hanspeter Gautschin

unkultur
2007-09-02 22:19:47

Lieber Herr Gautschin

Einer der Leitsätze dieses Blogs ist "anmassend sein!", und in diesem Sinne erlaube ich es mir auch, Texte selektiv zu lesen und meine Reaktionen darauf zugespitzt zu formulieren.

Trotzdem danke für Ihren Hinweis. Das wunderschöne Volkslied "S'Vreneli ab em Guggisbärg" beispielsweise wurde auch von Rockmusikern wiederentdeckt (Sie wiessen bestimmt, von wem es ursprünglich stammt), und ich freue mich jeweils auch, wenn ich Solches entdecke.

Darum geht es allerdings bei diesem Beitrag nicht. Sondern es geht um die Frage, weshalb die Kultur, die ich mir zu Gemüte führe, nicht zur Volkskultur zählen soll.

Beste Grüsse
unkultur (nicht Mister sondern Miss, übrigens)

unkultur
2007-09-02 22:24:50

@rb:
Merci. Deinen "Buurezmorge-Beitrag" habe ich bereits gelesen (informiere mich via Kulturblog regelmässig), teils stirnrunzelnd, teils schmunzelnd. Da spagatet es heftig bei Pro Helvetia!

Hanspeter Gautschin - hanspeter [at] gautschin.ch - http://www.volkskultur.ch
2007-09-04 09:56:57

Zuerst einmal zum „Guggisberg-Lied“: Meines Wissens ist die Urheberschaft nicht bekannt. Es scheint inzwischen, dass es auch nicht so alt ist wie immer angenommen und die Schweizer Herkunft wird ihm auch noch abgestritten! Otto von Greyerz fügte dieses Lied übrigens seiner Volksliedersammlung „Im Röseligarte“ zu (herausgegeben ca. 1910). Grossräumig machte es unser aller Stephan Eicher bekannt und das in einer wirklich berührenden Interpretation.

Nun noch zu meiner nicht direkt beantworteten Frage, weshalb „Ihre Kultur“, nicht zur Volkskultur zu zählen ist. Zum einen ist da sicher der Begriff „Volkskultur“ schuld, welcher übrigens im 19. Jahrhundert von der damaligen „Elite“ erfunden wurde, Er ist tatsächlich für die heutige Zeit sehr ungenau Die damalige „Elite“ meinte wohl mit dem Begriff „Volk“ die ländliche, bäuerliche Bevölkerung, in Abgrenzung zur städtischen bzw. bürgerlichen Gesellschaft. Vielleicht wäre heute der Begriff „traditionelle oder traditionale Kultur“ (von lat. tradere „hinübergeben“ bzw. traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) etwas präziser. Und Tradition sollten wir ja beileibe nicht mit „etwas konservieren“ (konservativ) und bewahren verwechseln. Tradition hat m.E. nur dann ihre Sinnberechtigung, wenn sie sich stetig aus dem Überlieferten weiterentwickelt. Dass das auch heute noch viele Funktionäre aus dem „volksulturellen“ Bereich anders sehen, ist mir durchaus bewusst. Und jetzt kommt noch ein für mich wichtiger – jedoch in heutiger Zeit – ziemlich heikler Punkt hinzu: Die HERKUNFT oder Heimat von Traditionen nämlich. Die traditionelle Kultur eines Landes (besser: einer Region) ist auch durch die geografischen Begebenheiten beeinflusst. Vor ca. 15 Jahren war ich längere Zeit in den USA unterwegs. Einer meiner Freunde, ein älterer „Tewa-Indianer“ (Pueblo-Indianer, sie bilden eine Sprachgruppe, die zur Kiowa-Tano-Sprachfamilie gehört und in New Mexico im Südwesten der USA leben), erklärte mir staunendem Europäer, dass die Natur nicht nur eine Seele habe bzw. beseelt ist, sondern auch ihre eigenen Töne, ihre eigene Musik hervorbringe. Ihre (Tewa) traditionellen Riten, Tänze und Gesänge seien deshalb unmittelbar von der sie umgebenden Natur beeinflusst. Soviel zur Herkunft…

Ich würde deshalb beispielsweise den Mundartrock nicht zur traditionellen Kultur in der Schweiz zählen, auch nicht den Hip-Hop, obwohl bei beiden Arten durchaus „Schweizerisches“ bzw. Regionales miteinfliesst. Dies möchte ich um Gottes Willen jedoch nicht als Wertung missverstanden wissen. Ich bin nämlich für ein diskursives Miteinander – auch im Kulturkuchen – dies kann jedoch paradoxerweise aus meiner Sicht nur geschehen, wenn die Geschichte auch von allen Seiten verstanden oder zumindest respektiert wird.

Christian Henner-Fehr - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2007-09-06 13:45:35

Herr Gautschin, ich stimme mit Ihnen überein, dass der Begriff der "Volkskultur" eigentlich zu ungenau ist, um heute überhaupt noch benutzt zu werden.
Während er früher dazu diente, eine gesellschaftliche Hierarchieebene zu beschreiben, muss er jetzt plötzlich auf einer Zeitleiste dafür herhalten, die Vergangenheit zu benennen.

Nicht einverstanden bin ich mit Ihrer Behauptung, dass die traditionelle Kultur eines Landes durch die geografischen Begebenheiten beeinflusst wird.

Ich behaupte, dass das in einer Zeit, die durch die Schlagwörter Globalisierung und Migration beschrieben werden kann, die geografische Trennlinie keinen Sinn mehr macht.

Das heißt aber auch, dass an einem Ort immer mehr Menschen aufeinander treffen, die über ein völlig unterschiedliches Gedächtnis verfügen.

Und nun geht es um die Frage, ob wir diese Situation als Chance oder als Gefahr betrachten. Innovativ sind wir, wenn wir diese Melange dazu nützen, etwas neues daraus zu schaffen. Das heißt, unser kulturelles Gedächtnis beinhaltet in ein paar Jahren unter Umständen auch Elemente von Kulturen, die uns heute noch völlig fremd sind. Die Konsequenz: Teile unserer Kultur gehen verloren, wir gewinnen aber auch Neues dazu.

Oder wir steigen auf die Bremse und frönen einem Traditionalismus, der dazu dient, das, was ist, zu bewahren und zu pflegen. Und wir wehren uns dagegen, dass fremde Einflüsse sich bei uns durchsetzen können.

In meinen Augen ist das die schlechtere Alternative, denn überspitzt formuliert führt sie dazu, dass Sie zwar die christliche Tradition des Weihnachtsfestes pflegen. Aber Sie feiern irgendwann einmal alleine, weil alle anderen um Sie herum mit Weihnachten nichts mehr anfangen können.

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