2009-10-29
Die Zwischenräume
Das gestrige jazznojazz-Konzert des Brad Mehldau Trio hat mir wieder mal eindrücklich gezeigt, dass bei gutem Jazz nicht die Töne das Entscheidende sind, sondern das Ausgeklammerte, die Zwischenräume, so wie in einem guten Roman die Begriffe, um die es geht, nie genannt werden, oder, um ein prosaischeres Beispiel zu nennen, bei einem Scherenschnitt die Stücke, die herausgeschnitten wurden und durch ihre Abwesenheit hervorstechen, das Werk ausmachen.
Dieses Prinzip geht noch viel weiter; die Musik der Mitglieder des Trios schwebte auch über der Bühne, wenn die Instrumente schwiegen, etwa wenn der Kontrabass nach einem gewaltigen Solo verstummt war und jetzt, während Piano und Schlagzeug mit einer meisterhaften Munterkeit vor sich hinplätscherten, die Fata Morgana seiner Tongebilde weiterhin klar vor dem atemlosen Publikum stand.
Fast schmerzhaft waren die spannungsgefüllten Zwischenräume, wenn die Musiker jeweils Atem schöpften und zu einem neuen Stück ansetzten.
2009-03-27
Heute gehört am m4music
Heute gehört am
m4music anlässlich einer Podiumsdiskussion, die Worte eines Bookers (sinngemäss wiedergegeben):
„Die jungen Musiker sollen nicht meinen, sie könnten Geld verlangen für ihre Auftritte. Es ist wie bei Fussballspielern: Den eigenen Marktwert muss man sich zuerst erarbeiten. Am Anfang spielt man in einer unteren Liga; als Schweizer sowieso. Die Musiker müssen sich bewusst sein, dass die Musik für sie wahrscheinlich ein Hobby bleiben wird.“
2009-02-22
Schlafwandlerisches über Schneeflocken
Im
El Lokal ist der beste Standort für Konzertzuhörer seit eh und je auf der Treppe: Der Platz bietet nicht nur eine gute Sicht auf die Band, sondern ist obendrein nicht in der direkten Fall-Linie des Skeletts, das über den Zuhörern schwebt. Ein weiterer Vorteil ist die gute Aussicht aufs Publikum. Am Konzert von
Son Ambulance gestern Abend waren schätzungsweise 80% des Publikums männlich. Zwei Drittel unter diesen schätzte
unkultur als Grafiker oder sonstige Kreative ein, das dritte Drittel als Sozialarbeiter.
Mit ziemlich viel Alkohol intus ertrug sie das aber mit Gelassenheit. Schliesslich war sie ja der Musik wegen hier: Joe Knapp sieht aus wie Bob Dylan und singt Unverständliches, Einlullendes, Tröstliches. In den USA spielen Son Ambulance wohl vor Aussenseiter-Publikum; hier bei uns jedoch vor Menschen, die gefährlich auf den Mainstream zutrudeln (und nun warte ich auf eine pflichtschuldige Bemerkung von Philipp Meier). Ein wenig erinnert der Song "Paper Snowflakes" übrigens an "Ei einzige Sekunde" von Züri West, oder etwa nicht?
2009-02-17
Kulturschock und Missverständnis
Nach einem Jazz-Gig, der unkultur regelrecht überfahren hatte, weil er mit geschätzten 140 Dezibel anfing und ebenso aufhörte, was eine Wahrnehmung der einzelnen Instrumente verunmöglichte, konnte unkultur auf die Frage des Veranstalters – „How did you like it?“ – nur erschöpft antworten: „I’m a bit overwhelmed“, was er als positives Überwältigt-Sein auffasste und mit einem strahlenden Lächeln quittierte.
2009-01-19
Degenerierte Kultur
„Diese authentischen Musiker erreichen durch die abgerundete Komplettheit ihres Klangs eine Spannweite der Soundwelten, die ihresgleichen sucht im Universum der radikalen, post-post-postmodernen, prä-finalen Musikszene.“
Von unkulturs Seite: No comment.
2008-12-13
Gestaunt
Sha’s Banryu live gesehen und gehört – und aus dem Staunen nicht herausgekommen. Natürlich kennen wir
Nik Bärtsch und sein „Ronin“, deren Auftritte ein kleines Wunder sind; natürlich wissen wir, dass Sha ihm musikalisch nahe steht. Trotzdem auch hier wieder das Staunen darüber, dass Musik so streng sein kann und doch so mitreissend (auch wenn wir es ahnten). Dass die Ausdruckskraft grösser wird, je stärker die Musiker sich selbst bändigen. Dass der Groove unsere Emotionen packt, während der Kopf die komplexen Rhythmen lustvoll analysiert. Lustvoll analysieren – nein, das ist kein Widerspruch in sich, wenn man sich auf einen Live-Auftritt von Sha’s Banryu einlässt.
2008-10-30
Liegen die Wurzeln des Jazz vielleicht doch in den Schweizer Alpen? (Lyoba)
Wir meinen zu wissen, wo die Wurzeln des Jazz liegen. Thierry Lang scheint da eine andere Auffassung zu vertreten. Aber eins nach dem anderen: Am Eröffnungsabend des
jazznojazz trat als Erstes das Vera Kappeler Trio auf, das eher ein intellektuelles Jazzpublikum anspricht. Als totales Kontrastprogramm schritt dann ein kompletter Greyerzer Männerchor auf die Bühne – durchgestylt vom Wurzelstock bis zum Käppi – und zeigte, dass er auch mit schlotternden Knien vor vollem Saal seine Harmonien beherrschte.
Und dann war Thierry Lang an der Reihe, gemeinsam mit vier Celli, dem Kontrabass (Heiri Känzig) als Rhythmusinstrument und dem Trompeter Matthieu Michel. Die Art, wie sich das Ensemble der Schweizer Volksmusik annähert, ist gleichzeitig mutig und einfühlsam. Da hört man Rhythmen heraus, die eindeutig mit dem Flamenco verwandt sind. Dann wieder schmelzende Melodien, die hin und wieder in den Kitsch abdriften. Und plötzlich Klänge, die einen in die Welt zurückversetzen, als man als Kind in der Nähe des Waldes wohnte und abends den mysteriösen Trompeter am Waldrand spielen hörte.
2008-10-12
Spröd plus kitschig ist OK
Ich habe noch nicht herausgefunden, wer die Instanz ist. Aber irgendjemand – oder eher ein Kreis, eine Szene – entscheidet, welche Musik gebildete und trotzdem coole Leute mit Geschmack gut finden sollen.
Ob es Electro, Klassik, Jazz oder Rock ist, das spielt keine grosse Rolle mehr. Es gibt da vielmehr Attribute, die Musik auf jeden Fall haben oder nicht haben sollte, um akzeptabel zu sein. Diese Attribute sind je nach Kombination gut oder schlecht.
Z.B. „kitschig“: Ist an sich schlecht. Wenn es hingegen mit „spröd“ oder „sehr eigenwillig“ kombiniert ist, kann es unter Umständen gut sein.
Im Übrigen ist das Gegenteil von „gut“ nicht „schlecht“, sondern „peinlich“. Besonders peinlich ist eine Person, die peinliche Musik nicht sofort als peinlich entlarvt.
2008-09-16
Sirenengesänge
Manchmal... da möchte unkultur ihrer Crew gebieten: Bindet mich am Mast fest; die Sirenen singen wieder! Aber die Crew würde sie bloss verständnislos anschauen – sie und unkultur nehmen nicht dieselben Frequenzen wahr.
2008-07-10
Achtung, sentimentaler Titel: Das klinget so herrlich…
Ich bin kein Opernfan. Ich besuche ungefähr einmal im Jahr eine Oper, entweder weil ich in einer fremden Stadt mal die Atmosphäre des dortigen Opernhauses miterleben möchte, oder weil mich eine Freilichtaufführung reizt. Mit höflicher Gelassenheit höre und sehe ich zu und kann der ganzen Chose sogar etwas abgewinnen; fast etwas Exotisches haben für mich diese seltenen Abende. Allerdings nichts Sentimentales oder Bewegendes.
Ganz anders ist meine Reaktion, wenn durch ein offenes Fenster eine Opern-Arie dringt. Sofort habe ich das Gefühl, etwas ganz Berührendes als Zaungast mitzuerleben. Die Menschen, die in diesem Haus leben, haben bestimmt ein aufregendes Dasein; ja, das Leben im Allgemeinen erscheint mir plötzlich dramatisch und süss. Die Opernmusik, die ich eigentlich nicht besonders mag, finde ich in diesem Augenblick göttlich.
Ich frage mich dann jeweils: Was löst diese Reaktion aus? Kulturelle Prägung? Oder habe ich zu viele Filme gesehen, in denen Opernmusik dramatische Momente untermalt? Nein – es ist wohl eher zu vergleichen mit dem Reflex, der einsetzt, wenn wir eine aussergewöhnlich schöne Landschaft sehen. Oder ein „herziges“ junges Tier, das wir aber um keinen Preis zu Hause haben möchten.