Weshalb Kulturlobbying von Kulturmanagern und nicht von Kulturschaffenden betrieben werden sollte
| Von unkultur @ 15:19 | [ Kulturpolitik ] |
Kulturschaffende, die sich ans Lobbying wagen, tun dies leider oft mit der Einstellung: „Die Politiker haben keinen Sinn für Kunst und Kultur; wir müssen ihnen beibringen, was Kunst und Kultur bedeuten, damit sie lernen, in unseren Massstäben zu denken.“ – Falsch! Versucht ein Bauer, der Politik macht, etwa die anderen Politiker dazu zu bewegen, wie er zu denken? Versucht das ein Lehrer?
Nein, das tun sie beide nicht. Wenn sie erfolgreich sein wollen, versuchen sie die Überzeugung zu verbreiten, dass ihre Branchen für unser Land in wirtschaftlicher und/oder gesellschaftlicher Hinsicht von grosser Bedeutung sind. Dabei ist es von Vorteil, wenn sie nicht verächtlich auf ihre Politikerkollegen herunterschauen, weil diese von der jeweiligen Materie weniger verstehen.
Leider ist dieses Hinabblicken – diese Verachtung für Menschen mit weniger Sinn für Kunst und Kultur – unter Kulturschaffenden gang und gäbe. Kulturschaffende, die Politik machen wollen, grenzen sich von „den Politikern“ ab, statt zu Politikern zu werden. Eine Sozialarbeiterin, ein Angestellter eines Reisebüros, ein Klempner oder eine Ärztin darf gerne nebenbei Politiker sein, aber ein Kulturschaffender? Das wäre doch unter seiner Würde.
Da in naher Zukunft keine Änderung dieser Einstellung absehbar ist, wäre es für die Anliegen der Kunst und Kultur besser, wenn sich Kulturmanager um das Politisieren und Lobbyieren kümmern würden. Ein guter Kulturmanager weiss nämlich, wie er sich für seine Anliegen verschiedenen Zielgruppen gegenüber einzusetzen hat. Er ist frei von Berührungsängsten und von falschem Standesdünkel. Sein Hauptanliegen ist es, die Menschen für etwas zu begeistern – aus welchen Motiven heraus sie begeistert sind, überlässt er ihnen. Er versucht nicht, ihnen vorzuschreiben, wie sie einen Sachverhalt wahrnehmen sollen – Hauptsache, sie nehmen ihn wahr und anerkennen seine Wichtigkeit.
____________________________
*Selbstverständlich ist es auch möglich, dass jemand Kulturschaffender und Kulturmanager in einer Person ist. Umso besser; für diese Personen stellt sich das Problem nicht.
Kommentare
2007-09-26 15:41:35
Einig heisse ich mich bezüglich, dass, entsprechend überlieferter, insbesondere deutscher Tradition, «Kultur» und Politik unvereinbar sind, worauf implizit die künstlerische Abgrenzung, das Individuum des Künstlers, das Wahrnehmungssystem mitsamt Selbstverständnis desselben, stützt.
Dass dergestalt Unterscheidung, und zwar eine strikte, bishin neurotische, überholt wird vom Kapital, dass die «Kultur» verwaltet, - weil die «Kultur» ohne Verwaltung ziellos hindämmere, zeitlos verflüchtige - und die Politik wiederum das Kapital untertänigst repräsentiert, verblüfft nicht, stattdessen sollte man nunmehr dieser Entwicklung gefällige Gehorsamkeit erweisen.
Aber, soviel Uneinigkeit fortdauert, dass man für etwas lobbyieren muss, das nicht mehr amtet, künstlich konserviert wird, um dessen Tod zu vertrösten, will ich zwar, könnte ich jedoch verstehen. «Kultur», wo ist «Kultur»? Zeige sie mir bitte! Ich bin ratlos und trotzdem suchend.
2007-09-26 15:48:27
Ratlos? Suchend? Neurotisch? Vor sich hindämmernd? -- Vielleicht könnte in diesem Fall ein guter Psychiater weiterhelfen? ;-)
2007-09-26 21:21:09
Mein Psychiater hat mich abgewiesen, er droht mir fortan mit Liebesentzug, leider will er den mir fehlenden Vater nicht ersetzen.
Was du machst, ist das Grab der «Kultur» zu schänden, eine Totengräberin gewissermassen, anstatt «Kultur» ruhen zu lassen, willst du sie reanimieren, oder wie darf ich deine Wehen interpretieren?
2007-09-26 21:26:21
Was ich vergessen hatte: Von Misanthropie im Endstadium befallen.
2007-09-27 21:45:33
Erstens ist es interessant, welche Verwandlung Menschen durchmachen, die in die Rolle des Politikers wechseln. Dabei spielt es gar keine Rolle, in welchem Bereich wir uns bewegen. Ich erinnere an den Fall des Burgschauspielers, der plötzlich Kunststaatssekretär war. dabei geht es gar nicht um eine Bewertung im Sinne von gut oder schlecht. Nein, es ist einfach faszinierend zu sehen, wie Macht die Menschen verändert.
Zweitens ist die Feststellung sehr wichtig, dass es beim Lobbying um das Überzeugen geht. Nicht mehr und nicht weniger. Die Haltung "Politiker haben keinen Sinn für Kunst und Kultur" impliziert eine herablassende Haltung, die nicht unbedingt der Überzeugung dient.



