Von Leuchttürmen und Glühwürmchen
| Von unkultur @ 21:42 | [ Kulturpolitik ] |

Das Sponsoring durch Unternehmen hat zugenommen; das wird auch im neuen Kulturleitbild betont. Gerade grossen, international ausgerichteten Firmen liegt viel an den Leuchttürmen als Garant für die Standortattraktivität. Naheliegend wäre es doch, diesen finanzkräftigen Selbstvermarktungs-Giganten einen bedeutend grösseren Anteil an den für sie attraktiven Leuchttürmen zu überlassen und dafür den Strahl der öffentlichen Förderung stärker auf kleinere Projekte zu richten.
Diese tragen gemäss Kulturleitbild ebensoviel zur Attraktivität von Zürich bei wie die Leuchttürme, sind aber im jetzigen Entwicklungsstadium für potente Sponsoren aus der Privatwirtschaft noch nicht augenfällig genug. Vielleicht sollte es auch nicht ihr Ziel sein, das zu werden.
Solche kleinen Kulturprojekte reichen oft auch ins Feld der Kreativwirtschaft hinein. Im internationalen Standortwettbewerb bedeutet die Kreativwirtschaft für Zürich: Imagefaktor, Standortfaktor, Impulsgeber, Innovationsmotor, Wirtschaftsfaktor. Dies wurde durch diverse Studien untermauert*. Hier befinden wir uns im Bereich der kleinen kommerziellen Anbieter, die, so scheint es, wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Doch auch sie brauchen eine günstige Umgebung, sollen sie weiter als Standortvorteil zur Verfügung stehen, mit dem man sich brüsten kann.
Für die Kreativwirtschaft wie auch für die Kultur gilt: Die Faktoren der Standortattraktivität sind keine Ressource, die man beliebig ausbeuten kann – Nachhaltigkeit ist gefragt.
Zurück zur Kultur: „Quartierkultur“ wird zwar gefördert; das ist ein Zugeständnis ans Soziokulturelle. Aber wenn ein gefördertes Kulturprojekt zu stark ins Subkulturelle abdriftet, wird es suspekt. Da kommen plötzlich unberechenbare, unbezifferbare und mit einer Leistungsvereinbarung unvereinbare Elemente ins Spiel.
Dabei hat sich gerade in Zürich immer wieder gezeigt, wie die ersten Impulse zu einer wichtigen kulturellen Strömung aus einer Subkultur kamen. Dass reine Subkultur nicht gefördert wird, ist klar: Sonst wäre sie keine Subkultur mehr. Aber wo und wann wird die Subkultur zur Kultur? Dies vorauszusehen, erfordert Fingerspitzengefühl und Weitsichtigkeit. Auf Entwicklungstendenzen auch einzugehen, erfordert Mut.
Dass diese Eigenschaften vorhanden sind oder waren, beweisen verschiedene Förderprojekte in der Vergangenheit. Aber noch heute weist man Institutionen, die sich schon längst etabliert haben, als "neu", "experimentell" oder "subkulturell" aus. Die Beschäftigung mit den guten alten Leuchttürmen ist halt am sichersten und gemütlichsten.
Einige Fragen:
Wird künftig jedes Jahr der „Musterschüler“ unter den Kulturinstitutionen ermittelt, errechnet aus dem höchsten Durchschnitt aller qualitativen und quantitativen Messgrössen einer Institution? (Die qualitativen Grössen lassen sich wenn nötig auch in Zahlen übersetzen).
Wie viele Ressourcen/Arbeitsstunden werden benötigt, um all diese Erhebungen zu machen und die Zahlen auszuwerten?
Werden sich einzelne Institutionen und die Stadt in Zukunft via Medien Schlachten liefern, zu denen ihnen die Zahlen und dazugehörigen Interpretationen die Munition liefern?
Sollte in einem Jahr ein Projekt der Sparte „Diverses“, gemessen an allen qualitativen und quantitativen Kriterien, eine grössere Leistung erbringen als die Tonhalle – welche Konsequenzen hätte das für dieses Projekt? Welche Konsequenzen hätte das für die Tonhalle?
> Zwei Beiträge im Kulturblog (beide vom 24. Oktober)
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* u.a. „Kreativwirtschaft Zürich“, Studie I und II sowie Synthesebericht, diverse Autoren, Verlag des Museums für Gestaltung Zürich, 2005. „Zürich Themenwelt“, Weissbuch, arthesia, Hrsg: GZA AG, Zürich Tourismus, Diverse Autoren, 2003.
Kommentare
2007-10-25 16:36:19
du willst scheinbar beweisen, dass sich niemand für (lange blog-einträge und) kulturpolitik interessiert. das sieht man leider auch im kulturblog.
ich setze hier einfach mal einen kommentar, dass die eine oder der andere doch noch das kommentarfensterchen öffnet und dann vielleicht noch was hier hin töggelet (zum beispiel: das ist eine katastrophe, der film kriegt viel zu wenig geld, zürich will doch das neue hollywood werden, blablabla...:)))
2007-10-25 17:08:05
Ja, richtig, das wollte ich beweisen. Und jetzt hast Du meine Beweisführung untergraben ;-) Und weil ich Dir das mitteilen muss, stehen jetzt hier schon 2 Kommentare.
2007-10-25 18:37:50
dann schreiben wir hier doch noch ein bisschen weiter, damit alle die nur flüchtig reinschauen wenigstens das gefühl kriegen, dass da was unter den nägeln brennt...
2007-10-26 20:35:17
Ja stimmt, die "Beschäftigung mit den guten alten Leuchttürmen ist (...) am sichersten und gemütlichsten".
Aber nachdem es nicht unbedingt inhaltliche Gründe sind, die jemanden in die Politik treiben, ist es doch eigentlich logisch, dass den Leuchttürmen das Interesse gilt.
Viel erschreckender finde ich, dass diese Art von "Kulturpolitik" gar niemanden mehr stört. Noch nicht mal diskutiert wird sie, ganz zu schweigen von alternativen Vorschlägen.
Ich fordere daher die Abschaffung jeglicher Form von Förderung. Vielleicht weckt das jemanden auf? Oder lebt die freie Szene eh schon von Taxifahren und Kellnern?
2007-10-28 12:02:53
Ich lese deine Beiträge immer, auch die kulturpolitischen, und diese sogar aufmerksamer als all die andren. Aber von «Kultur» bin ich enttäuscht, seit dem Ersten Weltkrieg, als selbstdeklarierte «Kulturnationen» sich sinnlos bekriegten. Nur die EU lindert diese Enttäuschung. Deshalb kann ich mich kaum für «Kulturförderung» begeistern, ich will ja keine Gräber schänden.
2007-10-28 12:12:15
Hast Du im ersten Weltkrieg gelebt? Ich nicht...
Ich möchte nicht sagen, dass wir uns nicht mit unserer Geschichte beschäftigen sollten. Aber so viele Begriffe wurden missbraucht und geschändet - wenn wir sie heute alle meiden würden, könnten wir gleich unsere ganze Sprache ersetzen.
2007-10-28 13:42:49
Ich hatte nicht teilgenommen am vorauseilenden Untergang, gewiss, ich musste bislang keine Menschen töten, gewiss, ich musste nicht für «Kultur» sterben, gewiss. Ich wurde halt verschont, schmeckte die Köstlichkeit der Nachkriegszeit. Aber dies verbietet mir nicht, daran zu erinnern, was einst geschah und meines Erachtens bis heute fortdauert.
Ja, wir könnten kaum mehr sprechen, die Worte sind beschmutzt, hilflos und machtlos zugleich, unsere Realität zu wiedergeben, es ist mitunter hoffnungslos, die Realität zu beschreiben. Darum kann ich etwaige Ambitionen nachvollziehen, die eine komplett frische, unschuldige Sprache erfinden möchten.
Nein, wir können nicht diskutieren, du verdingst dich als Kulturirgendwas, ich hingegen verneine jegliche Kultur pauschal, wir teilen schlichtweg nicht denselben Hintergrund. Aber sei unbesorgt, dies reduziere ich nicht auf deine Person, du bist mir trotz aller Kulturgläubigkeit, sagen wir mal, sympathisch.
2007-10-28 13:55:46
Keine Sorge, ich bin unbesorgt. Ich könnte auch dann noch bestens schlafen, wenn ich Dir nicht sympathisch wäre.
Allerdings muss ich zwei Dinge richtigstellen: Erstens bin ich kein "Kulturirgendetwas". Ich mache Kulturmanagement und Kulturkommunikation. Das sind zwei klar definierbare Tätigkeiten und keine "Irgendetwas", auch wenn Du etwas gegen Kultur hast.
Zweitens ist "sich verdingen" ein sehr negativ aufgeladener Ausdruck, für den uns positive Alternativen zur Verfügung stehen. Nein, ich verdinge mich nicht. Ich arbeite für jemanden. Mit meinem Arbeitgeber identifiziere ich mich nur soweit, wie es für mich stimmt. Ich gehe gewisse Konzessionen ein, die jedoch auch Freischaffende eingehen müssen.



