2007-09-04

Ist Bloggen Volkskultur?

Von unkultur @ 10:45 [ The Web ]
Ich kann’s nicht lassen – die Volkskultur geht mir nicht aus dem Sinn. In seinen Kommentaren auf meinen letzten Beitrag zum Thema hat der Volkskultur-Kundige Hanspeter Gautschin den Begriff nochmals detailliert erläutert. Er versteht Volkskultur so, dass es sich um traditionelle, überlieferte Kultur handelt, die sich allerdings während des Überlieferns von Generation zu Generation wandelt.

Auch wenn diese Deutung einleuchtet, möchte ich mich einer anderen Inter-
pretation zuwenden: Ich habe hier mal über das „Aussterben der Experten“ geschrieben. Es ging mir beispielsweise um die Kunsthistoriker, Kuratoren, Literatur- oder Theaterkritiker, um die Musikjournalisten, die für Zeitungen schreiben, um Verleger, Galeristen, Veranstalter von renommierten Messen, etc.* Diese Experten, die sich im Idealfall jahrzehntelang mit der Materie befasst haben und sich auskennen, stehen zwischen uns und der Kunst (aller Sparten): Sie vermitteln, deuten, werten, empfehlen. Die Kulturschaffenden müssen sich in den Augen all dieser Experten bewähren, bevor sie von einem breiteren Publikum akzeptiert werden.

Kunst ohne Vermittler

Ich denke mir, dass die Grenze zwischen der „Elitekultur“ bzw. „Elitekunst“ und der „Volkskultur“ bzw. „Volkskunst“ genau hier verläuft: Die Volkskultur kennt diese Experten oder Vermittler nicht. Die Kultur fliesst unmittelbar vom Sender zum Empfänger, ohne dass die Wahrnehmung durch dazwischen liegende Medien (Medien im Sinne von „Übermittlern“) beeinflusst wird.

Selbstverständlich kann auch „Elitekultur“ ohne Vermittlung wahrgenommen werden. Früher war das nicht ganz einfach; heute wird es immer mehr zum Normalfall: Jeder kann sein eigenes Buch herausgeben. Wenn es ein Künstler geschickt macht, kann er seine Kunst ohne die Hilfe von Galeristen, Kunsthistorikern etc. bekannt machen. Dasselbe gilt für die Musiker. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Internet. - Jeder kann heute ein Künstler sein und obendrein gleich sein eigener Experte.
Gehört die Zukunft somit der Volkskultur?

Ungefiltertes Bloggen

Auch wenn das Bloggen wohl in den meisten Fällen keine Kunst ist**, so ist es auf jeden Fall eine kulturelle Äusserung. Ist Bloggen Volkskultur, da ja die meisten Blogs ungefiltert auf diversen Plattformen abrufbar sind und ungefiltert zum Rezipienten dringen? Oder wird sich auch die Welt des Bloggens in „Elitekultur“ und „Volkskultur“ aufspalten?

Es gibt einerseits zahlreiche Plattformen, die Blogs in Ranglisten stellen, bewerten, empfehlen, in exklusive Gemeinschaften aufnehmen etc. Ich kenne mich da nicht besonders gut aus und muss auf Experten wie Yoda's Weblog verweisen; der schreibt hin und wieder über solche Plattformen. Ambitiöse Blogger möchten in möglichst vielen dieser Verzeichnisse erwähnt werden.

Andererseits gibt es Blogs, die über lose Links miteinander verbunden sind und sich überhaupt nicht um solche Massstäbe scheren: Die Blogger kennen sich meist untereinander, schreiben über Persönliches und über den Alltag und haben keine hohen Ansprüche an sich.

Elitär auch im Internet

Wird sich die Schere zwischen den beiden Arten von Bloggern*** weiter öffnen? – Interessant ist ja, dass sich dieses elitäre Element auch im Internet durchgesetzt hat, wo doch die Online-Welt ursprünglich als die ultimativ demokratische Welt gepriesen wurde. Dass dem nicht so ist, haben wir schon vor einer Weile festgestellt, als beispielsweise „Experten“ wie der Usability-Papst Jakob Nielsen auftauchten. Aber was heute mit den Blogs passiert, finde ich höchst spannend. Wie lange dauert es, bis es zwei parallele Internets gibt, und in einem davon dürfen nur noch von Experten getestete und genehmigte Inhalte stehen?



*Im Gegensatz zu all den oben erwähnten Experten steht übrigens der moderne Kulturmanager: Seine Aufgabe ist es nicht, Kulturerzeugnisse zu werten; er kümmert sich lediglich um den wirtschaftlichen, organisatorischen und PR-Aspekt.

**Bitte hier keine Diskussion starten, was Kunst ist und was nicht. Können wir das ein andermal besprechen? ;-)

***Mein Blog unkultur befindet sich konsequenterweise zwischen Stuhl und Bank: Er trägt Charakteristiken beider Gruppen und möchte sich auch in Zukunft nicht klar einordnen lassen.


Nachtrag am 5. September:
Reaktionen auf die beiden Volkskultur-Beiträge

Normalerweise setze ich keine Links zu den Reaktionen anderer Blogs, aber in diesem Fall gab es ungewöhnlicherweise innert weniger Tage gleich vier sehr unterschiedliche Blogs, die einen meiner beiden Volkskultur-Beiträge erwähnten:

> Kulturmanagement-Blog
> Gedankenblitze
> Die Blogdenunzianten
> "Bodeständigi Choscht" (Volkskultur-Blog)
> "Bodeständigi Choscht" zu Zweiten - inzwischen etwas eingeschnappt


Link:
> Und hier noch der Volkskultur-Diskussionsblog der Pro Helvetia
(auf dem nichts läuft).


Kommentare

dailytalk
2007-09-04 15:39:43

Mich interessieren Ranglisten von selbsternannten Experten nicht. Mir ist meine Leserschaft und das Rating bei Google wichtig.

Schweizer Blog-Ranglisten sind meiner Ansicht nach parteiisch und politisch gefärbt. Was zählt ist weniger der Inhalt als vielmehr die Gesinnung. Unabhängige Blogger, die nicht links angehaucht sind, bzw. der Wahrheit verpflichtet sind, haben in der Schweizer Blogosphäre einen schweren Stand.

Bleibt also nur die treue und ständig wachsende Leserschaft und deren Komplimente. ;-)



unkultur
2007-09-04 16:43:59

"unabhängige Blogger, die nicht links angehaucht sind"? Wenn ich mir Deinen Blog anschaue, ist wohl so ziemlich alles andere links angehaucht - rechtser geht's ja nicht. Du leidest unter dem gleichen Reflex wie die Weltwoche: "rechts" mit "unabhängig" oder sogar mit "Wahrheit" gleichzusetzen. Diese Gleichung geht aber nicht auf.

philipp meier - philipp.meier [at] cabaretvoltaire.ch - http://www.cabaretvoltaire.ch
2007-09-05 09:31:51

«der gleiche Reflex wie die Weltwoche: "rechts" mit "unabhängig" oder sogar mit "Wahrheit" gleichzusetzen. Diese Gleichung geht aber nicht auf.»
hahaha..., sehr gut gekontert, werte unkultur!

unkultur
2007-09-05 10:03:51

Ach ja, die Kommunikation von rechts *kopfschüttel*
Mangelndes Kommunikationstalent lässt sich offenbar nur durch das Deponieren und Zünden von Sprengsätzen in Briefkästen überspielen... Wobei solche Aktionen schon fast wieder Kunst sind, oder etwa nicht, Philipp? ;-)

Christian Henner-Fehr - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2007-09-05 15:41:28

mmhhh, mir gelingt es nicht ganz, die Analogie zwischen der Elitekunst und dem elitären Internet herzustellen. Heißt das, um ein "elitäres" Blog verstehen zu können, brauche ich einen Vermittler?

unkultur
2007-09-05 23:15:07

@Christian Henner-Fehr: Überspitzt formuliert, ja. Die "Vermittler" wären in diesem Fall die erwähnten "Ranglisten-Websites" und exklusiven Superblogger-Clubs, die es z.T. jetzt schon gibt.

Übrigens, ich nenne mich nicht "Miss Unkultur", nur "unkultur" reicht vollends. Ich wusste nur nicht, wie ich dem guten Herrn Gautschin sonst verständlich machen sollte, dass ich kein Mann bin.

Christian Henner-Fehr - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2007-09-06 10:11:03

Schade, "Miss Unkultur" klingt gut. :-)

Zu den Blogs: Das heißt aber, dass die Zugehörigkeit zur "Blog-Elite" aus der Quantität (Ranking) resultiert und nicht aus den Inhalten.

Bei der "Elite-Kunst" benötige ich die Vermittlung auf der inhaltlichen Ebene, denn ich "verstehe" die Kunst sonst nicht.

Sind das nicht sehr unterschiedliche Ebenen?

unkultur
2007-09-06 10:51:07

Ich kenne mich ehrlich gesagt in diesen "Elite-Blogger-Clubs" nicht so gut aus. Yoda könnte bestimmt Auskunft erteilen, aber er scheint unsere Diskussion (bis jetzt) nicht mitzulesen. Ich dachte mir aber eigtl., dass sie vor allem auf die Qualität und nicht aufs Quantitative achten würden... Wenn das nicht so ist, geht natürlich meine Theorie nicht auf!

Christian Henner-Fehr - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2007-09-06 15:33:25

Ich denke, dass es vor allem um Zugriffe und Links geht, also alles Kriterien, die mit Qualität nichts zu tun haben. Was nicht heißen soll, dass die Rankings von qualitativ schlechten Blogs angeführt werden.

Und die Tatsache, dass vor allem Mainstream-Themen die Listen anführen, spricht auch eher für quantitative Verfahren.

unkultur
2007-09-06 19:33:51

Sowas meine ich:

"Aus der damals mehr oder weniger homogenen Bloggergemeinschaft hat sich eine Gruppe von Bloggern [swissblogpress] stolz erhoben und verkündet, dass sie nun das Sahnhäubchen aller Blogger wären und einer elitären Tätigkeit nachgingen."
Zitat aus Yodas Blog

Und Swissblogpres schreibt über sich selbst: "Swissblogpress fördert die publizistische Qualität und damit auch die Glaubwürdigkeit von Blogs."
Quelle: Website von Swissblogpress


Christian Henner-Fehr - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2007-09-06 20:39:55

Doch, das geht dann schon in Richtung Qualität, wie es ja auch auf der Website von Swissblogpress heißt.

Die Frage ist dann halt, wie man so Dinge wie Elite oder einfach nur Qualität definiert.

Aber als "Vermittler" würde ich sie nicht sehen, da sie ja Teil der Bloggerszene sind. Was ich aber schade finde, ist die Tatsache, dass ein solcher Versuch gescheitert ist.

Für mich ist es aber auch ganz lehrreich, falls es mal Bestrebungen geben sollte, in Österreich einen ähnlichen Versuch zu starten.

unkultur
2007-09-06 20:45:39

Vielleicht sind sie genau deshalb gescheitert: Weil sie gleichzeitig Vermittelte (analog zu den Kulturschaffenden) und Vermittelnde (analog zu den oben erwähnten "Experten") sein wollten.
(Das ist allerdings nur eine spontane Vermutung, der keinerlei tiefere Beschäftigung mit dem Thema vorausgeht)

unkultur
2007-09-08 18:53:50

Es ist übrigens erstaunlich, wie sehr Herr Gautschin mit mir einer Meinung ist: "Die Volkskultur hat sich eine Freiheit bewahrt, die anderenorts längst verlorengegangen ist. Eine Volksmusikveranstaltung ist nicht auf Kritiker, Medienaufmerksamkeit und Marketing angewiesen. Es gibt sie nur aus einem Grund - weil Publikum und Darbietende diese Musik gleichermassen lieben. Hierin liegt wohl das Geheimnis der Volkskultur. " (Herr Gautschin auf seinem Volkskultur-Blog)

Genau dasselbe, nur mit anderen Worten, sage ich mit meinem obigen Beitrag. Schade, dass der sensible Herr so eingeschnappt ist, dass er es nicht merkt ;-)

Hanspeter Gautschin - hanspeter [at] gautschin.ch - http://volkskultur.blogspot.com/
2007-09-09 10:48:49

Doch, doch - habe ich in der Zwischenzeit auch gemerkt! Sensibel? Ja, das auch. So im Nachhinein würde ich mich sogar als 'griesgrämig' bezeichnen, obwohl ich ursprünglmit meinem Blog anderes plante. Doch jetzt möchte ich wirklich über 'Bodeständigi Choscht' schreiben, denn aus dieser bizarre (Zitat unkultur) Welt ist noch nicht viel Tinte die Limmat runtergeflossen...

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