2008-04-24

Dem Individuum den Wert von Kunst und Kultur ins Bewusstsein bringen

Von unkultur @ 22:58 [ Kulturpolitik ]
Ich möchte hier eine interessante Diskussion wieder aufgreifen, die Christian Henner-Fehr auf seinem Kulturmanagement-Blog vor zwei Wochen ins Leben rief. Er beschrieb die Entwicklung, dass Kunst- und Kultureinrichtungen in den letzten Jahren immer stärker nach unternehmerischen Modellen stromlinienförmig und markttauglich gemacht wurden. Dieses System habe aber versagt. Nun sei klar, dass Kunst und Kultur nicht einfach zur Ware getrimmt werden können. Sie seien viel eher eine Gabe an die Gesellschaft, die diese schätzen und mit einem Gegengeschenk entlöhnen sollte. Die Frage: Wie kann man erreichen, dass die Gesellschaft das versteht?

In der Folge diskutierten wir, dass Kunst/Kultur heute wie eine natürliche Ressource für selbstverständlich genommen würde. Im Umweltschutz gäbe es Kampagnen – weshalb nicht auch für Kunst/Kultur? Prominente und glaubwürdige Menschen müssten sich dafür einsetzen. Nur: Viele von diesen sind zwar Kulturliebhaber, schätzen aber gerade das Private, etwas Elitäre daran.

Ich warnte davor, die „Kunst-Konsumenten“ einfach als schlecht abzustempeln und die Kunst/Kultur in einen allzu scharfen Gegensatz um „Konsumismus“ zu setzen. Christian Henner-Fehr war einverstanden und ergänzte, dass man den Leuten auch nicht vorschreiben dürfe, wie sie Kunst/Kultur einstufen sollten; wieviel sie ihnen bedeute. Jeder müsse das für sich selbst erkennen.

Wie verhilft man zu schnellerer Erkenntnis?

Ich möchte aber nicht ein halbes Jahrhundert warten, bis die Menschen erkennen, was Kunst/Kultur für sie bedeutet. Wie könnte man nachhelfen? Ich fange mal an mit dem Brainstormen:

Denkanstösse geben. An kulturellen Orten/Anlässen einfache, aber auffällige Fragen platzieren (Plakat? Persönliches Gespräch? Kurze Ansprache vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung? Aufdruck auf Eintrittskarte?).

Fragen:
- Wieviel bezahlen Sie für ein Abendessen in einem Restaurant?
- Wieviel Parkgebühr werden Sie heute Abend bezahlen?
- Bzw. was kostete Ihr SBB-Billett von St. Gallen nach Zürich?
- Wieviel geben Sie heute aus für Kultur?
- Vergleichen Sie die Preise. Ist Ihnen die Kultur weniger wert als das Abendessen? Die Parkgebühr? Das SBB-Billett?

Oder:
- Wissen Sie, ob die kulturelle Einrichtung, die Sie gerade besuchen, subventioniert ist?
- Wenn ja, was denken Sie, verdient ein Kulturschaffender, der Vollzeit arbeitet, pro Monat?
- Wenn nein, was denken Sie, verdient ein Kulturschaffender, der Vollzeit arbeitet, pro Monat? (Finden Sie es hier heraus: www.kulturwert.ch)
- Finden Sie, dass auch Kunst, die nicht subventioniert ist, wichtig ist?

Oder:
- Wenn Sie wählen müssten: Nie wieder ein Konzert besuchen oder nie wieder Unterhaltungssendungen im Fernsehen schauen?
- Wenn Sie wählen müssten: Nie wieder einen Roman lesen oder nie wieder in einem Restaurant essen gehen?
- Wenn Sie wählen müssten: Nie wieder eine Kunstausstellung besuchen oder nie wieder zu einer Zirkusaufführung gehen?
- Wenn Sie wählen müssten: Nie wieder im RiffRaff einen Film schauen oder nie wieder mit Kreditkarte bezahlen?

Ich bin gespannt auf weitere Ideen!


> Der konträre zu meinem Grosskampagnen-Ansatz: Die Grassroots-Methode (Kulturmanagement-Blog)


Kommentare

Christian - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2008-04-25 13:29:04

Super, dass Du das Thema aufgreifst. Da sind schon jede Menge Ideen in Deinem Beitrag.

Was mir auffällt: Kunst arbeitet ganz stark mit Emotionen und spricht uns auch auf dieser Ebene an. Organisationen wie AI, Greenpeace, etc. nutzen dieses Wissen und produzieren z.B. schon seit längerer Zeit Videos, die unter die Haut gehen. Das könnte auch ein möglicher Weg sein.

Ganz generell, denke ich, war Dein Vergleich mit der Umwelt sehr klug und wahrscheinlich sollten wir uns anschauen, wie Kampagnen dort ablaufen. Welche Ziele verfolgt, welche Instrumente eingesetzt werden und wie das Zusammenspiel zwischen ihnen funktioniert. Ich bin da kein Experte, aber ich bin mir sicher, da ließe sich viel lernen.

philipp meier - philipp.meier [at] cabaretvoltaire.ch - http://www.cabaretvoltaire.ch
2008-04-26 17:06:22

da wird hoffentlich(!) unsere von profis gemachte abstimmungskampagne massstäbe setzen... :)

unter dem label «kunst» wäre es doch ein einfaches, guerilla-aktionen auf die beine zu stellen..., ohne gleich gebüsst zu werden.
bei einer klassischen «plakatkampagne» oder «postkartenpromo» befällt mich das grauen (ohne zu wissen, wie wir gegen herbst hin für uns werben werden...;)

eine weitere schwierigkeit ist die definition von «kunst/kultur». welcher kinofilm ist gute kunst und welcher schlechte unterhaltung? oder noch schwieriger: dieselbe frage bei der musik. so gesehen ist mir beispielsweise eine intelligente tv-unterhaltungssendung viel lieber als eine schlechte l'art-pour-l'art-ausstellung.

wenn ich grad so dabei bin und (hier wieder mal:) wild drauf los schreibe, merke ich grad, dass mich der zeigefinger stört, der da irgendwie (aber ganz grudsätzlich;) mitschwingt.

aber eben: (nicht nur) im hinblick auf unsere abstimmung im herbst interessiert mich diese frage sehr... :)

unkultur
2008-04-26 18:49:29

@ Philipp: Stimmt, das mit dem Zeigefinger ist mir auch aufgefallen. Ich habe versucht, ihn zu eliminieren, aber es ging einfach nicht ;-)

Ich meine eigtl. nicht eine "klassische Plakatkampagne". Wie gesagt, persönl. Ansprechen wäre eine Option, oder weitere Möglichkeiten...? "Guerilla" hat inzwischen auch so etwas Festgefahrenes; eine Guerilla-Aktion muss so und so aussehen... Ist bereits persönliches Ansprechen keine Guerilla, weil zu zahm?

Ich bin ja gespannt auf Eure Abstimmungskampagne!


@ CHF: Wahrscheinlich hat es auf der Welt einfach keinen Platz für eine andere grosse Bewegung wie Greenpeace & Co. ;-) Die würden sich vielleicht sogar bedroht fühlen, wenn die Kultur ihnen Aufmerksamkeit wegnehmen würde. Natur vs. Kultur, wie in den guten alten Zeiten...

Christian - c.henner-fehr [at] teleweb.at - http://kulturmanagement.wordpress.com
2008-04-27 18:03:37

Greenpeace und Co würden sich unter Umständen bedroht fühlen, aber sie müssen sich keine Sorgen machen, denn das Greenpeace im Kunst- und Kulturbereich gibt es nicht. :-(

burkhard - burkhar.rosskothen [at] einfallsreich.net - http://www.einfallsreich.net/index.php?category=115802&_0=12&sid=du9onm8mdacgb6hgd21m7csse7
2008-05-03 09:51:29

Das klingt hier ein bißchen pessimistisch. Ich selbst bin Unternehmer, aber arbeite viel mit der Kunst und Künstlern.Ich spüre oft ein Widerstand bei Kulturschaffenden, wenn man mit "populären" Instrumenten daher kommt. Ich behaupte manche Kulturschaffende hängen an einem Qualitätsanspruch, der über alles geht, selbst auf die Gefahr, daß damit jeder Dialog vermieden wird.(Ich glaube jetzt hört sich das irgendwie pessimistisch an).Ich würde solche Kampagnen begrüßen. Aber gespannt, wer da überhaupt mitziehen würde.

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