2009-09-27
Die Insel
Inmitten von sattem Bassgewummer, Discokugelreflexen und Saxophon-Loops, zwischen gebrüllten Unterhaltungsfetzen und schlingernden Körpern sitzt in einer beinah sichtbaren Insel der Stille ein Typ an der Bar und löst Sudokus.
Er ist ein Bild höchster Konzentration, wie er den Kopf in die Hände stützt, reglos auf das Blatt vor sich starrt und hin und wieder mit befriedigtem Blick eine Zahl aufs Papier kritzelt.
„Recht hat er“, denke ich, „Verdammt, wie Recht er hat!“. Ich weiss allerdings nicht genau, was ich damit meine – dass er was anderes tut als alle anderen? Dass es ihm egal ist, was man von ihm denkt? Dass er sich eingesteht, wie langweilig das Leben im Allgemeinen und Parties im Besonderen sind?
Wie auch immer, ich wünschte mir, diese Insel der Stille würde mich aufnehmen. Tut sie natürlich nicht. Stattdessen nehme ich noch einen Schluck und bewege vorsichtig meine Füsse in den schmerzenden Schuhen, ohne eine Miene zu verziehen.
2009-09-22
Die allmächtige Liste
Da ist sie nun also, die Liste, unsichtbar zwar, aber als alleinige moralische Instanz unter den Kadazz mit einer enormen Macht ausgestattet. Wie so oft bei Göttern hat eine Idee, die von den Menschen selbst erschaffen wurde, plötzlich eine Eigendynamik entwickelt und ist übermächtig geworden.
Das Kadazztum hat seine Blüte noch nicht erreicht: Es hat noch keine Prophetin. Ja, eine Prophetin müsste es sein, denn obwohl dem Kadazztum ebenso viele Männer wie Frauen angehören, ist es ganz klar eine weiblich geprägte Glaubensgemeinschaft. Natürlich gibt es einige Aspirantinnen aus Zürich, aber die sind noch nicht reif. Natürlich gibt es Miranda July, die aber einen entscheidenden Makel hat: Dass sie nicht Zürcherin ist.
Da stehen also die Kadazz ziemlich verloren mit ihrer Liste und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Sie warten auf eine heisere, Züri-Slang sprechende Frauenstimme, die ihnen sagt, dass die Liste legitim ist. Dass sie auf dem richtigen Weg sind. Damit sie nicht mehr täglich zweifeln müssen und sich fragen, ob sie nicht auswandern sollten nach Kopenhagen oder Amsterdam oder sogar ins Bündnerland.
2009-09-21
Die Kadazz haben nicht achtgegeben
Eine Kadazz ist beispielsweise im Mittelland-Mittelstand aufgewachsen, FDP-reformiert-imprägniert. (Es gibt da noch diverse mögliche Zusammensetzungen, aus denen Kadazz hervorgegangen sind, zu ergänzen durch meine geschätzte Leserschaft). Alles, was die Kadazz wollte, war: Da raus! In ihrem ersten Moment der Klarheit im zarten Alter von ungefähr 12 Jahren schwor sie sich: „Niemals, niemals werde ich sagen: Man macht das so.“
Aber die Kadazz hat nicht achtgegeben. Wo steht sie jetzt, und wo stehen all ihre Kadazz-Kollegen? Wohl sagen sie nicht „Man macht das so“; sie wagen es nicht mal zu denken, aber irgendwo in ihrem Kopf haben sie diese Doktrin wieder eingeführt, mit eigenen neuen Parametern sich selbst überlistet, und nun leben sie ständig nach einem unhörbaren, unsichtbaren „Das mag man“ oder „Das mag man nicht“.
Die Kadazz sind konservativ. Auch wenn sie es sich niemals eingestehen würden.
Sie leben mit einer Liste von Dingen, die man mögen darf und Dingen, die man nicht mögen darf. (Selbstverständlich würden sie auch unter Folter nicht zugeben, dass diese Liste existiert). Auf der Liste der Dinge, die man mögen darf, stehen die voraussehbaren Dinge wie Flohmärkte (nicht alle, aber der Flohmi am Helvetiaplatz ganz bestimmt), Ethno-Schals, Rennvelos, Stuckatur-Decken, Vintage-Designmöbel (es gibt da eine ganz bestimmte Marke, aber als nicht-eingeweihte Nicht-Kadazz kenne ich die nicht), Musu Meyer, Miranda July (wenn sie in Zürich lebte, wäre sie die Essenz des Kadazztums), Wasabi-Nüsse, das Playlust-Blog, Istanbul, das Helsinki, Tischfussball.
Gewisse Dinge auf dieser Liste werden bedauerlicherweise nach einer gewissen Zeit von einem zu breiten Mainstream gemocht. Einige werden dann aus der Liste gekippt, während andere problemlos weiterhin gemocht werden dürfen, weil sie unverzichtbar sind (z.B. Mac, Ballerinas, zu Handtaschen umgebaute Plastik-Einkaufstaschen). Allerdings muss die Kadazz von nun an ein ironisch gebrochenes Verhältnis zu diesen Dingen demonstrieren; sie muss dann Aussagen machen wie „Ich mag ja den Geschmack von Trüffelöl, aber es riecht wie Schweiss“ oder (frei nach Michèle Roten) „Seit ich 30 bin, fühle ich mich zu erwachsen für mein iPhone“. Oder, was der Wahrheit am nächsten kommt: „Ich komme mir etwas langweilig vor, weil das Rosso immer noch zu meinen Lieblingsrestis zählt.“
Selbstverständlich gibt es auf jeder Kadazz-Liste etliche Joker-Positionen, die ganz kreativ besetzt werden dürfen, damit das Eklektische und der exotische, eigenständige Geschmack nicht zu kurz kommen. Wenn eine Kadazz ein ausgewogenes Innenleben hat, darf sie ohne Scham folgende Dinge mögen und sich auf ihre Kühnheit etwas einbilden: das Schweizer Alternativ-Volksmusik-Quartett Quantensprung, den Zirkus Monti, Zahnarztbesuche, wollene handgestrickte Unterhosen, Rinderhälften direkt vom Bio-Bauern (wird schon bald zur obligatorischen Liste wechseln), Antarktistouren, Kutteln, Durian-Früchte, das Nichtrauchen, alte Mercedes, türkis-hellgelb-gestreifte Unterwäsche, Landhockey.
Und nun zur kilometerlangen Schwarzen Liste, der berühmt-berüchtigten Liste der Dinge, die eine Kadazz verachten muss: Sie beginnt bei French Nails, führt über Dan Brown und Motorräder mit Seitenwagen und endet bei weisser Schokolade. Selbstverständlich sind da sehr viele Namen von Politikern aufgeführt, wobei diejenigen, die von der Mehrheit der Bevölkerung sowieso gehasst werden (beispielsweise die 3 Bs), nicht extra erwähnt werden müssen.
Als Regel gilt: Wer die Existenz dieser Liste am vehementesten abstreitet (wir werden’s in den Kommentaren lesen), lebt am striktesten nach einer Liste. Auch wenn die vielleicht etwas anders aussieht. Der Kadazz, der die Liste zu ignorieren vorgibt, ist Meister der Bigotterie. Aber was wäre anderes zu erwarten, bei dieser Herkunft.
2009-09-15
Über Selbstausbeutung und Selbstbestimmung
Hochinteressant, was
Frau Zappadong heute über die Situation von Kulturschaffenden
geschrieben hat, und auch was
Bruder Bernhard darauf antwortet.
Ich nehme mir die Freiheit heraus, anstelle einer beeindruckend strukturierten Abhandlung einige lose Gedankenfragmente dazu in die Welt zu setzen.
Die Unzertrennlichen
Die Schlüsselwörter in Zappadongs Beitrag sind ganz klar „Selbstbestimmung“ und „Selbstausbeutung“. Die beiden sind in der Welt der Kunst und Kultur – und auch in vielen anderen Bereichen – ein unzertrennliches Paar. Letztendlich läuft es auf die Frage hinaus: Ist Selbstbestimmung ohne Selbstausbeutung möglich? (
Bruder Bernhard würde wohl sagen: Ja. Ich würde sagen: Nein.)
Séraphine
Man schaue sich den grossartigen Film „
Séraphine“ an (auch empfehlenswert, wenn man sich nicht für dieses Thema interessiert). Die wirklichen Probleme von Séraphine fangen in dem Moment an, in dem sie alle Mittel zur Verfügung hat, die sie sich nur vorstellen kann. Zugegeben, die meisten Künstler haben eine robustere Psyche als sie. Der Fall ist überzeichnet, und trotzdem ist es aufschlussreich zu beobachten, wie der Grössenwahn langsam einsetzt.
Woher kommt die Freiheit?
Zappadong spricht das Gefühl der Freiheit an. Nur: Woher kommt die Freiheit? Offenbar nicht von der Selbstausbeutung, denn „Ausbeutung“ hat mit „Zwang“ zu tun oder zumindest mit „Manipulation“. Allerdings auch nicht vom Geld, siehe Séraphine. Vielleicht findet sich ein kleines Fitzelchen Freiheit irgendwo in dem heiklen Balanceakt zwischen den beiden Extremen.
2009-09-11
Die erlösende Kraft der Musik
Heute mal was Rührendes. Wer Kitsch nicht mag, bitte nicht weiterlesen. Und übrigens: Dieser Blog-Eintrag ist BodeständiX gewidmet.
Als ich neulich im feierabendlichen, mit dem Geruch von Müdigkeit und latentem Schweissgestank imprägnierten Tram sass und meinen Kopf leicht nach rechts drehen wollte, um nicht einem zynisch-kultivierten, auf Schleudertraumata spezialisierten Versicherungsdetektiv ins Gesicht schauen zu müssen, fiel mir auf, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Offenbar liefen die Grundfunktionen des Körpers weiter – das Herz schlug, ich atmete, und meine Augenlider schlossen sich hin und wieder. Aber ich konnte nicht den kleinen Finger rühren oder den Kopf um einen Millimeter bewegen, geschweige denn ein Bein anheben oder das leiseste Geräusch von mir geben.
Stumm flehte ich meine Mitfahrenden um Hilfe an, sogar den Versicherungsdetektiv, der jetzt allerdings ausstieg und sich nicht im Geringsten darüber zu wundern schien, dass ich nicht zur Seite rutschte, um ihm Platz zu machen. Vielleicht hielt er das für normal; vielleicht dachte er aber auch, ich simuliere. Wofür war dies hier die Strafe? Ich dachte an den Banker, den ich vor über einem halben Jahr skrupellos im Stich gelassen hatte, und der vermutlich in die Hände von brutalen subkulturellen Aktivisten gefallen und von ihnen skalpiert worden war, und flehte ihn stumm um Verzeihung an. Innerlich liefen mir die Tränen über die Wangen.
Das Tram leerte sich, das Tram füllte sich. Niemand bemerkte etwas. Irgendwann stieg ein Strassenmusiker ein, der sich mutig über das Verbot hinwegsetzte und fröhlich anhub, auf seiner Fiedel ein Liedchen zu spielen. Eigentlich mag ich Strassenmusiker sehr; manche sind virtuos, aber es gibt welche unter ihnen, die ihre Töne nicht treffen – sei es singender- oder spielenderweise. Dieser Strassenmusiker hier spielte seine Töne so falsch, dass es mir durch Mark und Bein fuhr. Es schüttelte meinen Körper spastisch durch, und ein Knurren entstieg meiner Kehle. Während mich die anderen Fahrgäste mit erhobenen Augenbrauen anschauten, lächelte ich sie an: Ich konnte mich wieder bewegen! Ich gab meinem Sitznachbar aus Übermut eine kleine Kopfnuss, dem Strassenmusiker aus Prinzip kein Trinkgeld und stieg aus, in die Freiheit.
2009-09-08
Ist der TheaterSpektakel-Effekt erwünscht?
Die Lange Nacht der Museen habe ich bis zum letzten Porzellanteller ausgekostet – als ich aber um 3 Uhr morgens im Foyer des Kunsthauses stand und mir die Stimmbänder kaputtschrie, damit ein paar banale Worte über die Giacometti-Ausstellung meine Begleitung erreichen mögen, fragte ich mich, was genau das Ziel der Aktion sei. Nicht dass ich als unkultur etwas gegen die Vermischung von Kultur und Kommerz, Unkultur und Subkultur, dröhnenden Bässen und Nebelspalter-Zitaten hätte; im Gegenteil, nur zu! Trotzdem, wunderte ich mich – nach meinen Ohropax tastend und nach Luft schnappend –, ob die teilnehmenden Häuser wohl ihr Ziel, worin es auch immer bestand, an diesem Abend erreicht hätten.
Das (nachhaltige) Ziel könnte sein, eine Gruppe von Leuten zu erreichen, die sonst kaum Museen besuchen, sie von der Welt der Museen zu begeistern und sie dazu zu bringen, häufiger vorbeizuschauen. Ich bezweifle, dass es erreicht wurde, denn die Leute sind nicht dumm: Sie wissen, dass die Museen für eine Nacht ein anderes Gewand übergestreift haben.
Das (weniger nachhaltige) Ziel könnte auch sein, Museumsmuffel dazu zu bewegen, wenigstens einmal im Jahr ins Museum zu gehen. Danach heisst es aber: Auf Wiedersehen bis in 365 Tagen, wenn es im Schauspielhaus wieder tönt und riecht wie im Helsinki oder in der Hafenkneipe oder meinetwegen im St. Germain. Das ist der TheaterSpektakel-Effekt: Viele Leute gehen einmal pro Jahr ins Theater – wenn es ihnen in einem gefälligen Rahmen geboten wird.
Kollateral wurde wohl hauptsächlich eine dritte Gruppe erwischt, die nicht im Visier war: Die Kadazz*, die dann ins Museum gehen, wenn sich möglichst viele andere ihrer Gattung da tummeln, damit sie auch bestimmt gesehen werden. Ich habe ein Gespräch zwischen zwei Kadazz belauscht. Kadazz 1: „Warst Du schon an der Englischviertelstrasse, bei den Skeletten?“ Kadazz 2 (geistesabwesend): „Bei den Skeletten, nein... Ist Dir da vielleicht Kadazz 3 über den Weg gelaufen?“ Kadazz 1: „Nein; da würde ich sie auch nicht erwarten. Sie passt eher zu den Buddhas, findest Du nicht?“
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*Was ein(e) Kadazz ist, wird in absehbarer Zeit erklärt – vielleicht.