kultur pur: Liebe
unkultur, wir hatten jetzt schon drei Gespräche, und noch immer ist mir nicht klar, was Du mir sagen willst.
unkultur: Dann lass mich nochmals zusammenfassen. Menschen, die in der Kulturbranche arbeiten, tendieren dazu, sich zu sehr mit ihrem Arbeitgeber zu identifizieren. Ein solches Klima fördert eine unprofessionelle Arbeitsweise. Arbeitnehmer im Umfeld von Kunst und Kultur nehmen sich und ihre Arbeit als etwas „Besonderes“ wahr. Dabei stecken sie gewissermassen in einer zerstörerischen Liebesbeziehung mit ihrem Arbeitgeber.
kultur pur: Und was resultiert aus all dem?
unkultur: Aus all diesen Faktoren entsteht eine gefährliche Kultur der Selbstaufopferung.
kultur pur: Was meinst Du denn mit „Kultur der Selbstaufopferung“?
unkultur: Beobachte mal das Verhalten von Dir und Deinen Arbeitskollegen. Es gibt mehrere Symptome. Erstens: Die Arbeitnehmer stecken immer mehr persönliche Substanz in ihre Arbeit – sie beginnen, ihre Ressourcen aufzubrauchen, die sie dringend für die Regeneration in der Freizeit benötigten.
kultur pur: Geht’s auch mit weniger komplizierten Formulierungen?
unkultur: Ich versuch’s. Zweitens: Je mehr Opfer jemand bringt, desto überlegener fühlt er sich gegenüber den anderen im gleichen Umfeld, desto mehr latenten Vorwurf spüren diese im Verhalten des „sich Aufopfernden“; desto mehr versuchen sie, ihn zu übertrumpfen, undsoweiter. Ein Teufelskreis, siehst Du?
kultur pur: Ich verstehe nur Bahnhof.
unkultur: Drittens: Dieses Klima wird gefördert, indem selbstaufopferndes Verhalten für selbstverständlich genommen, rational-organisiertes Verhalten hingegen eher argwöhnisch betrachtet wird. Denn letzteres könnte Schwachpunkte im System und bei den verantwortlichen Personen entlarven.
kultur pur: Du hast zu viele Psychologiebücher gelesen,
unkultur.
unkultur: Ich habe überhaupt keine Psychologiebücher gelesen. Ich habe nur beobachtet. Und Du, liebe
kultur pur, stellst Dich bloss dumm. Du verstehst genau, wovon ich rede, willst es aber nicht wahrhaben. Deshalb erkläre ich unser Gespräch für beendet.
kultur pur: Aber...
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> Erste Runde: „Bitotop der Unprofessionalität“, 12.8.08
> Zweite Runde: "Arbeitsbeziehung, nicht Liebesbeziehung", 4.10.08
> Dritte Runde: "Illusionen", 2.12.08