2009-01-31
Verkehrte Welt
Ich mache diese Überlegung nicht zum ersten Mal, aber heute muss ich sie mit den
unkultur-Lesern teilen: Da kreiert eine junge Grafikerin einen tollen Flyer für mich, investiert ihre Ideen und Energie und Nachtstunden, damit alles genau meinen Vorstellungen entspricht und trotzdem das gewisse Etwas hat – und sie erhält dafür 200, höchstens 300 Franken. Am gleichen Tag bezahle ich einem grossen, wohlhabenden Medienhaus Tausende von Franken für ein Inserat, für das niemand einen Finger rührt. Ist das nicht eine verkehrte Welt?
Und: Ist sie, die bescheidene kleine Grafikerin, tatsächlich die vielgepriesene, blühende,
zukunftsträchtige Kreativwirtschaft unserer Stadt? Wird sie dazu nicht erst, wenn sie sich mit anderen zusammenschliesst? Gemeinsam auftritt? Gemeinsam die Bedingungen festlegt, zu denen ihre Arbeit in Anspruch genommen werden kann?
Und weshalb tut sie das nicht? Ist das kleine Bisschen Unabhängigkeit der Grund? Oder ein selbstzerfleischendes Konkurrenzdenken unter den Kreativen?
Es braucht dringend Orte, an denen sich die Kreativen zusammenschliessen können, wie z.B. das geplante
Kunsthaus Aussersihl, und Plattformen wie die
Creative Zurich Initiative, aber praxisbezogener. Im Kleinen geschieht dies ja bereits, und das bedeutet auf jeden Fall einen Fortschritt. Trotzdem, das Einzelkämpfertum ist immer noch weit verbreitet. Das Argument, dass man dadurch agil und flexibel bleibt, kann ich nachvollziehen. Aber wenn hier die alte Vorstellung des Kreativen in seinem Kämmerchen die Finger im Spiel hat, dann bringe ich kein Verständnis auf.
2009-01-26
Mysteriöse Schlagzeilen
„Türsteher verprügelt IV-Rentner – Arm drohte Amputation“
titelte – der
Blick? Nein, der
Tages-Anzeiger online aka
Newsnetz.
Da
unkultur durch eine unerklärliche Blockade daran gehindert wurde, weiterzulesen, rätselt sie jetzt: Was ist da passiert?
Wenn wir uns an die zeitliche Abfolge halten, dann kommt zuerst der Satz mit dem Arm und der Amputation. Sollte das nicht heissen „Arm drohte mit Amputation“? Oder etwa „Der Arme drohte mit Amputation?“. Mit „dem Armen“ ist ja wohl der IV-Rentner gemeint. Also lief das in etwa so ab:
Der Arm eines IV-Rentners machte sich selbständig und drohte einem unschuldigen Türsteher mit Amputation. Daraufhin verprügelte der Türsteher den IV-Rentner.
2009-01-25
Kultur: Lifestyle-Accessoire (Luxus) oder Sinngebung?
Nächste Woche geht unkultur allein ans Konzert von Esperanza Spalding in der Tonhalle, beste Platzkategorie, und es fühlt sich an, als würde sie sich einen Luxus leisten.
Das ist aus zwei Gründen ungewöhnlich: Erstens besucht unkultur normalerweise Konzerte gemeinsam mit Gleichgesinnten. Und zweitens stuft unkultur den Genuss von Kultur normalerweise nicht als Luxus ein.
Wo also bleiben die Gleichgesinnten? unkultur hat in den letzten Wochen und Monaten die Erfahrung gemacht, dass viele, vor allem gut verdienende Bekannte, die früher oft kulturelle Anlässe besuchten, plötzlich „aufs Portemonnaie schauen müssen“, und daher bedauernd ablehnen, wenn man ihnen z.B. einen Konzertbesuch vorschlägt. Was sie nicht daran hindert, im gleichen Atemzug vorzuschlagen: „Gehen wir wieder mal Shushi essen?“.
Wohlgemerkt, es handelt sich um Leute, die ihren Job (noch) nicht verloren haben. Sie sind in der Finanzbranche oder in ähnlich gut situierten Branchen tätig und spüren ein leichtes Unbehagen, wenn sie sich vorstellen, ihren Lebensstandard senken zu müssen.
Offensichtlich ist die Kultur für diese Menschen nicht Bestandteil des Lebensstandards, den sie wahren wollen, sondern wird plötzlich als „verzichtbarer Luxus“ klassifiziert.
unkultur, deren Monatslohn deutlich tiefer liegt, fasst Kultur in ihrem Leben nicht als Luxus auf – es sei denn, sie vergleicht sich mit Menschen, die mit viel weniger auskommen müssen, und für die es fraglos sogar Luxus wäre, jeden Tag auszuwählen, was sie essen. Aber wenn sich unkultur vor dem Hintergrund ihres Umfelds betrachtet, dann definiert sie Kultur für sich nicht als Luxus, sondern als genauso wichtig wie Atmen, Liebe, gutes Essen, Aufenthalte in der Natur. Ein Auto zu besitzen wäre vielleicht Luxus. Oder ein paar Wochen Ferien in Mauritius zu verbringen. Oder zur Pediküre zu gehen.
Ja, gewisse Veranstaltungen mit übertriebenen Preisen kann sich unkultur nicht (mehr) leisten, wie beispielsweise das Montreux Jazz Festival. Abgesehen von solchen Extremen aber hat die Kultur in ihrem Leben einfach eine hohe Priorität. Unabhängig von der Wirtschaftslage. So halten es auch die weniger gutbetuchten Bekannten von unkultur (wobei die individuelle Grenze des "Extremen" je nachdem etwas niedriger oder höher ist).
Was muss unkultur daraus schliessen? Schweren Herzens? Dass Kultur für die erwähnten „Gleichgesinnten“ ein Lifestyle-Accessoire ist bzw. war. Dass Kultur für sie in schwierigen Zeiten keineswegs sinnstiftend wirkt.
Glücklicherweise gibt es auch die anderen. Ein Bekannter erwähnte vor wenigen Tagen, dass er seinen Job bei einer Grossbank verloren hatte. Er hatte sich schon immer für Kultur interessiert, und sein Engagement ist in letzter Zeit gewachsen. Sein Kommentar zum Verlust seiner Arbeit:
„Jetzt werde ich mal etwas Sinnvolles machen“.
Die nächste Frage, die sich unkultur hier stellen müsste, ist: Und warum kann die Kultur gerade jetzt keine wichtigere Rolle übernehmen? Liegt es an den "Konsumenten"? Liegt es an den Kulturschaffenden? Liegt es an den Kulturvermittlern?
2009-01-21
Zu schweizerisch?
Die pompöse Zeremonie anlässlich der Amtseinführung von Barack Obama löste in mir Unbehagen aus – wie bereits die entsprechenden Zeremonien seiner Vorgänger. Bin ich einfach zu schweizerisch und würde mir darum etwas Bescheideneres, weniger monarchisch Anmutendes, angesichts des Zustands der Welt Angebrachteres wünschen?
P.S. unkultur ist ab sofort ein paar Tage auf uncool-Tour und kann daher keine Kommentare liveschalten.
2009-01-20
Degenerierte Kultur (2)
„Mit ihrer einzigartigen, unnachahmlichen und ungekünstelten Bildsprache erspürt diese Künstlerin Nuancen des Unausgesprochenen und des Unantastbaren. Sie macht die Schwingungen einer Gesellschaft sichtbar, die zwei Seelen in ihrer Brust vereint: diejenige des kühnen Weltumspannens und diejenige des zögerlichen, zaudernden Sich-Zurückziehens. Mit ihrer fast exhibitionistisch anmutenden Ausdruckskraft enthüllt uns die Künstlerin aber auch Aspekte ihres unsteten Innenlebens, das durch die strenge, radikale Darstellungsweise umso berührender wirkt.“
Immer noch no comment von unkultur.
2009-01-19
Degenerierte Kultur
„Diese authentischen Musiker erreichen durch die abgerundete Komplettheit ihres Klangs eine Spannweite der Soundwelten, die ihresgleichen sucht im Universum der radikalen, post-post-postmodernen, prä-finalen Musikszene.“
Von unkulturs Seite: No comment.
2009-01-11
Die kurze Nacht der kreativen Nasen
Eine gute Strecke vom Ort des Geschehens entfernt geht einer vor Dir auf dem Trottoir, und Du weisst, dass Ihr beide dasselbe Ziel habt. Du weisst nicht, ob Du Dich über dieses mühelose Erkennen eines Artgenossen freuen sollst. Ihr beide geht weiter, ausdrücklich-stumm die Nichtexistenz des anderen signalisierend; eine Verhaltensweise, die man etwa unter Schweizer Individualreisenden im Ausland beobachten kann, die dem Stempel des Rudeltouristen entgehen wollen. Nun, wir sind im Inland, genauer gesagt in Zürich und selbstverständlich im Kreis 4.
Der Typ trägt bei minus 5 Grad eine dünne Jacke mit einer Nonchalance, die signalisieren soll: Ich habe mir zu Hause einfach irgendwas übergezogen; mein Geist ist nämlich so absorbiert mit einem kreativen Prozess, dass ich die Kälte nicht spüre. Das alles sagt sein magerer Hintern deutlich, und erst wenn Du den Kreativen näher beobachten würdest, würdest Du bemerken, dass er vor Kälte schlottert, oder, noch schlimmer, dass er Thermo-Unterwäsche trägt. Alter Trick aus Fasnachtszeiten.
Der Typ hat eine Begleiterin, und auch sie trägt Kleider, die mit sorgfältigster Zufälligkeit und Nachlässigkeit zusammengewürfelt sind. Wenn Du hinter ihre Stirn sehen könntest, würdest Du merken, dass sie in Gedanken bereits ihren nächsten Besuch beim Edel-Secondhand-Shop plant (nein, nicht schon wieder ins 16 Tons, es gibt inzwischen Angesagteres). Wenigstens muss sie nicht frieren, denn zu ihrem Fashion Statement gehören wie von Oma gestrickte Fäustlinge und eine Mütze, die beim ungeschulten Beobachter glatt für bieder durchgehen könnte.
Am Ort des Geschehens angekommen, erspäht Dich jemand aus der Menge und stürzt auf Dich zu, äusserste Herzlichkeit verströmend. Nur ihre Augen, die verströmen gar nichts. Sie ist eine dieser alterslosen Mädchentypen, die scheinbar anstrengungslos immer toll aussehen. Nur weil Du weisst, wo Du hinschauen musst, siehst Du die Zeichen der Anspannung, die Anzeichen, dass sie schon nicht mehr auf die Vierzig zuschreitet.
Das Geschehen beginnt zu geschehen. Heute ist ein Wettbewerb angesagt: Welcher der Performer kann sich am ausdrucksvollsten die Nase schnäuzen? Renommierte Schnäuz-Künstler aus New York, Berlin, Barcelona und aus dem Zürcher Ghetto sind angereist. Das Publikum ist distinguiert ergriffen, darauf bedacht, nicht etwa enthusiastisch zu wirken. Die Siegerin ist selbstverständlich aus Zürich; sie ist übrigens hauptamtlich Gastro-Künstlerin und nimmt den Applaus abgeklärt entgegen.
Ein Vertreter der Stadt steht in einer Ecke und beobachtet alles. Einen Moment lang leistet er sich den ketzerischen Gedanken, wie es wäre, solche Events zu subventionieren. Dann fühlt er sich von einer gehobenen Augenbraue taxiert und verwirft den Gedanken wieder. (Was er nicht wissen kann: Die gehobene Augenbraue ist künstlerisches Mittel der Selbstdarstellung und beglückt an diesem Abend ausnahmslos alle Anwesenden.)
Du Deinerseits bist zu diesem Zeitpunkt auf dem Nachhauseweg. Natürlich hätte man noch ein Haus weitergehen können, aber Du hast heute keine Lust auf Déjà-vu-Erlebnisse. Ausserdem ist ein Haus weiter genau genommen bereits Dein Haus. Du bist sehr, sehr müde und irgendwie missgestimmt und hast irgendwie eine Überdosis Zürich. Du legst Dich ins Bett und träumst von einer Horde riesiger Nasen, die Dich anzuschnäuzen versuchen.
2009-01-05
Der erste Arbeitstag, erzählt von der global Community (Facebook Poetry)
Die folgenden Facebook-Statusmeldungen stammen alle von heute, dem ersten Arbeitstag des Jahres, und wurden unverändert übernommen. Lediglich die Reihenfolge wurde angepasst, damit ein nachvollziehbarer Tagesablauf entstand.
Der Tagesablauf der global Community als Persönlichkeit sozusagen...
... sonnt sich im bett sommerwärts.
... is superchilled, babies.
... is almost certain the holidays were only a dream...
... trinkt Tee.
... is cranberry almond rice pudding.
... has a "climate shock" - in every respect...
... is heading to Ktown. He can't believe it's Monday already. Ah man!
... findets der killer im bus neben einer vertilgten zwiebel sitzen zu müssen!!!
... is cranking the tunes on the way to the office
... fangt emol schüüch aa...
... Back to Bundeshaus...
... is back at work and the CSG stocks are going up.......well done!
... stöbert in seinem Gehirn nach Zellen und pflückt sie, und, und... oh nein, was wollte ich jetzt schon wieder?
... gibt den Tarif durch wie Omar Tarif...
... is HUNGRY.
... moschuskürbis.
... is content.
... kwvV lool //die wörter «kebaba loola» mit der linken hand um eine taste nach links verschoben geschrieben.
... braucht dringend einen funktionierenden USB-Stick.
... is really angry at fox searchlight's website.
... seit: höred uf jammere und schaffed.
... nyder det fyraften....! Efter en hård lang dag...!
... is playing tonight at the World Cafe Live and Fergie's.
... esch - tami - scho weder chrank.
... zahweh...
... HMPF!
(Der Schluss ist zugegeben etwas schwach, aber es handelt sich eben um fremdbestimmte Poesie...)
2009-01-04
Rekorde gebrochen
Das Jahr ist noch jung, und bereits hat unkultur diverse Rekorde gebrochen:
- Ihren eigenen Rekord im Dauerhusten (schätzungsweise 7.5 Std.)
- Ihren eigenen Rekord im Nichtkonsumieren von Kultur (ca. 7.5 Tage)
- Die Temperatur, bei der sie den Jahreswechsel im Freien verbracht hat (-7.5 Grad)
- Die Zeitspanne, die sie es auf ihrer unbeliebtesten Website* aushält (7.5 Millisekunden)
Unter diesen vielversprechenden Vorzeichen wünscht unkultur ihren treuen Lesern sowie ihren treuen Nichtlesern ein frohes neues Jahr!
*man darf raten