2008-12-29
Mysterium in der S-Bahn
Neulich gelesen in der S-Bahn: Das mysteriöse Wort
Sitz ¦ platz ¦ fahr ¦ plan
Das könnte bedeuten:
- Ein Fahrplan, der auf oder neben dem Sitzplatz liegt.
- Ein Plan für platzsparendes Fahren im Sitzen.
- Planmässiges Fahren auf geplatzten Sitzen.
- Plan zum Fahren auf Plätzen mit Sitzstreik.
- Plan für die Erziehung von Schlittenhunden („sitz!“ – „platz!“ – „fahr!“).
- In Planung: Sitzplätze für Fahrende (aufgepasst, Rassentrennung!)
- Plätze für Sitzende fahren plangemäss.
- Spitzenplätze für Festgefahrenes und Geplantes.
Das Wort ist ziemlich verwirrend, oder etwa nicht?
2008-12-27
unkultur und die Banker (Fortsetzung) oder: Der modrige Geruch des Subversiven
Der arme Banker hat lange genug in der zugigen Industrie-/Kulturhalle ausgeharrt! Aber wir haben ihn nicht vergessen. So ging’s weiter:
unkultur wälzte sich also schlaflos im Bett. Das entging dem unkultur-Liebhaber – ein Kulturmensch durch und durch und daher sensibel – natürlich nicht. „Gib es zu, Du denkst an einen anderen!“, warf er ihr vor. unkultur gestand, dass dem so sei, „allerdings nicht so, wie Du denkst“. Gleich darauf hätte sie sich ohrfeigen können für die dumme Floskel. Aber der Kulturmensch war bereits eingeschnappt. Sie wartete, bis er grummelnd eingeschlafen war, und schlich sich dann auf Zehenspitzen aus der Wohnung.
unkultur hatte schon immer gerne Wanderungen durch die nächtliche Stadt unternommen. Heute war sie allerdings nicht besonders gut ausgerüstet: Es war -7 Grad und schneite leicht, und nach einigen Minuten stellte unkultur fest, dass sie bloss einen Kimono und Hausschuhe trug. Aber sie wollte jetzt nicht mehr umkehren. Unbeirrt strebte sie auf die Hardbrücke zu und überquerte diese. Auf der Hardbrücke bekommt man die schönsten Sonnenuntergänge zu sehen – und man spürt die Bise besonders stark.
unkultur lief auf ihren gefrorenen Fusssohlen gerade an dem halbtoten Gelände vorbei, wo der Prime Tower gebaut werden sollte, als sie plötzlich Stimmen zu hören glaubte. Gleichzeitige meinte sie auf dem Baugelände einen Lichtschimmer wahrzunehmen, der von tief unter der Erde kam. Neugierig kletterte sie über die Abschrankung und fand nach kurzem Horchen ein von Bauschutt verborgenes Treppenhaus, das wohl in den ehemaligen Keller führte. Am Fuss der Treppe führte eine Leiter noch weiter in die Tiefe, und nach kurzem Zögern wagte sich unkultur noch weiter vor.
Hier war offensichtlich eine Verschwörung im Gange! unkultur konnte es von weitem riechen – der modrige, aufregende Geruch des Subversiven – und verbarg sich in einem dunklen Winkel des Kellerraums, in dem die bläulichen Bildschirme einiger iPhones die einzige Lichtquelle waren. „Denkt daran“, sagte eine der Gestalten mit vermummten Gesichtern eindringlich, „das Wichtigste ist, dass niemand davon erfährt. Sie haben uns die Subkultur geraubt, haben sie sich einverleibt, einfach in ihre Massenkultur integriert. Aber sie wissen nicht, dass wir jetzt noch eine Ebene tiefer graben. Eine Ebene unter die Subkultur.“ Alle nickten und murmelten zustimmend.
unkultur wurde schwindlig. Eine Ebene tiefer? Was befand sich da? Etwas Namenloses? Oder die Sub-Subkultur? Oder einfach die neue Subkultur, weil die bisherige ja keine mehr war? Bedeutete das, dass man immer tiefer und tiefer graben müsste, weil ja die Subkultur immer wieder von der Massenkultur einverleibt wurde?
Der Vermummte, der am nächsten bei unkultur sass, schnupperte und sah sich um. unkultur duckte sich in ihre Ecke und hielt der Atem an. Hoffentlich war sein Geruchssinn nicht so ausgeprägt wie ihrer.
Er aber wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Anführer zu. „Um keinen Verdacht zu wecken“, fuhr dieser weiter, „müssen wir die Hüter der wohltemperierten Kultur auf eine falsche Fährte lenken. Als Lockvogel werden wir einen möglichst ahnungslosen, kulturlosen Menschen verwenden, den wir willenlos machen und mit genau den Inhalten füllen werden, auf welche die Hüter abgerichtet sind“. Anerkennendes Raunen.
„Und das Beste: Wir haben bereits einen geeigneten Lockvogel. Er befindet sich nicht weit von hier. Ich habe ihn vorerst mit einem Bann belegt. War kinderleicht. Ein Mensch aus einem kulturell wertlosen Wirtschaftszweig.“
unkultur gefror das Blut in den Adern: Damit konnte nur der Banker gemeint sein. Was sollte sie unternehmen? Die Subkulturellen unterstützen, mit denen sie schliesslich verwandt war? Den Banker retten, weil sie ihn per Zufall persönlich kannte? So tun, als hätte sie nichts gesehen, und sich wieder im Bett verkriechen?
(Fortsetzung folgt, falls unkultur jemals eine Lösung einfällt)
2008-12-18
Neuster Coup von Bitnik? SVP für sich gewonnen!
Auf „
Opera Calling“ folgt „Bundeshaus Broadcasting“. Die Künstlergruppe
Bitnik konnte offenbar Toni Brunner davon überzeugen, dreist mit einem
Mikrophon die intimen Vorgänge im Nationalratssaal festzuhalten. Wer hätte gedacht, dass sich die SVP für derart subversive, linke Kunst begeistern kann?
© Yosev / PIXELIO2008-12-17
Die Jungen und die Frischen
Ich habe
Laurin Buser in diesem Blog schon
überschwänglich gelobt. Nun, im „Back to the Rote Fabrik“ am vergangenen Freitag wirkte er... nein, nicht wie eine Karikatur seiner selbst, aber wie eine
Stilisierung seiner selbst. Ja, er ist grossartig auf der Bühne, aber er läuft Gefahr, all seine Kniffs und Stilmittel schon bald zu routiniert einzusetzen.
Gegen ihn wirkte der Sieger
Christian Bartel, der gut und gerne zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel hat, nun... nicht jünger, aber frischer. Auf jeden Fall erfrischend. Er hat dieses Vertrauen, dass er auch gut sein kann, wenn er nicht in jedem Augenblick perfekt ist. Dass er sich nicht stylen muss, um cool zu sein. Und dass er ganz einfach eine mitreissende Geschichte erzählen muss.
Ich weiss, ich plädiere oft für die Form und dass sie mindestens so wichtig sei wie der Inhalt. Aber hier muss ich mir ausnahmsweise widersprechen. Vielleicht bringt „Back to the Rote Fabrik“ den Slam nicht nur zurück in subkulturellere Gefilde, wie die Moderatoren Etrit Hasler und Patrick Armbruster andeuteten, sondern auch zurück zu den Inhalten.
2008-12-14
Wenn die Weihnachtszeit so weitergeht, ist sie gar nicht so übel
Heute mehrere Stunden wühlend verbracht – an einem
kleinen privaten Flohmarkt mit alten und neuen Büchern.
Ein paar Bücher gekauft. Das Glanzstück meiner Beute
aber geschenkt bekommen, 3 KG schwer, wenn man meiner Personenwaage glauben will:
„The Complete Book of Covers from the New Yorker,
1925-1989“, mit einem Vorwort von John Updike.
Damit werde ich die Weihnachtstage unbeschadet
überstehen! |
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Gegraust
Je länger man lebt, desto mehr Magazine erhält man ungefragt zugesandt, und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sie ignoriert. Diese Magazine müssen eine Titelseite haben, die mich sozusagen anschreit: Mach mich auf! Mit „anschreien“ meine ich nicht, dass sie reisserisch oder bunt gestaltet sein sollen – im Gegenteil: Ich meine ein dezentes Anschreien.
Jedenfalls erhielt ich vergangene Woche ein Magazin der ZHAW. Das Magazin heisst [impact]. Auf der Titelseite lächelt mich ein Mann in Business-Anzug vor orangefarbenem Hintergrund freundlich an. Es ist eine extreme Nahaufnahme. Sein Gesicht und seine Hand zeigen mehrere gut sichtbare Hautrötungen, und zwischen seinen Vorderzähnen steckt dezent ein kleiner Essensrest. Das Magazin lag ein paar Tage lang ungeöffnet auf meinem Küchentisch. Irgendwann merkte ich, dass mich davor grauste. Nicht mal auf seinen Inhalt war ich neugierig. Es fand ein vorzeitiges Ende im Altpapier.
2008-12-13
Gegähnt
Neulich habe ich mir im Kaufleuten die Show von „Oropax“ angesehen. Ich habe mich redlich um ein mildes Urteil bemüht – ohne Erfolg. Die Show mag für ein 5- bis 10-jähriges, nicht allzu aufgewecktes Kind ganz in Ordnung sein, auch wenn es nach dem dreizehnten Witz langsam etwas gelangweilt wäre. Für einen Erwachsenen ist die Show eine Tortur, welche die falschen Muskeln aktiviert: Nicht die Lachmuskeln, sondern die Gähnmuskeln. Nur durch ständiges Nachschütten von Prosecco konnte ich einen Gähnkrampf verhindern.
Die einzigen lustigen Momente waren die, in denen das Duo absurde und dadaistische Töne anschlug – ob freiwillig oder unfreiwillig, ist mir nicht ganz klar. Meistens war es aber einfach plumpe Komik, aufgepeppt mit etwas Fäkalhumor und missglückten Ironie- und Slapstick-Versuchen. Im Gegensatz zu Spoken Word Performern, die ununterbrochen Wortspiele präsentieren, bot Oropax höchstens mal alle 20 Minuten ein Wortspiel, worauf die beiden jeweils für 5 Minuten verstummten, bis man ihnen gehörig applaudiert hatte.
Gestaunt
Sha’s Banryu live gesehen und gehört – und aus dem Staunen nicht herausgekommen. Natürlich kennen wir
Nik Bärtsch und sein „Ronin“, deren Auftritte ein kleines Wunder sind; natürlich wissen wir, dass Sha ihm musikalisch nahe steht. Trotzdem auch hier wieder das Staunen darüber, dass Musik so streng sein kann und doch so mitreissend (auch wenn wir es ahnten). Dass die Ausdruckskraft grösser wird, je stärker die Musiker sich selbst bändigen. Dass der Groove unsere Emotionen packt, während der Kopf die komplexen Rhythmen lustvoll analysiert. Lustvoll analysieren – nein, das ist kein Widerspruch in sich, wenn man sich auf einen Live-Auftritt von Sha’s Banryu einlässt.
2008-12-09
Timing
Das Jahresende ist die Zeit des Timings, dieses Jahr mehr denn je.
- Wann sagen wir unseren Familienmitgliedern, dass sie dieses Jahr keine Weihnachtsgeschenke erhalten?
- Wann sage ich meinen Angestellten, dass sie dieses Jahr keinen Bonus erhalten?
- Wann verlange ich einen Bonus?
- Wann gehe ich zum Coiffeur?
- Wann beantragen wir höhere Subventionen?
- Wann teilen wir mit, dass wir weniger Subventionen erhalten werden?
- Wann teilen wir mit, dass wir ein Projekt nicht weiterführen können?
- Wann teile ich mit, dass mir etwas Liebes zur Last geworden ist?
- Wann teile ich ihm mit, dass ich meine Ferien nicht mit ihm auf Sardinien verbringen möchte?
- Wann teile ich mit, dass eine Beziehung gescheitert ist?
- Wann gebe ich den Versuch auf, die Beziehung wiederzubeleben?
- Wann habe ich keine Angst mehr?
- Wann sage ich meinen Parteikollegen, dass ich anders als sie wähle?
- Wann sagen wir unseren Parteikollegen, wen wir wählen werden?
- Wann wecke ich den Banker im kreativen Kulturraum aus seiner Trance auf?
- Wann soll morgen mein Wecker klingeln?
2008-12-02
Die dritte Runde der Debatte
kultur pur: Weisst Du, ich frage mich, weshalb Du immer noch als Kulturmanagerin arbeitest. Wenn Du doch alles so mies findest an dem Arbeitsumfeld.
unkultur: „Alles mies finden“ ist masslos übertrieben. Niemand kann einen Job haben, an dem er alles gut findet. Ich habe eine realistische Einstellung gegenüber meinem Job und mache mir keine Illusionen.
kultur pur: Keine Illusionen?
unkultur: Nun gut, fast keine. Du hingegen, Du wirst irgendwann mal von heute auf morgen alles hinschmeissen. Weil Du Dir selbst nicht eingestehst, dass Du Dich ausbeutest.
kultur pur: Wie bitte? Ich bin überglücklich mit meinem Job!
unkultur: Ach ja? Hast Du mir nicht gestern vorgejammert, dass Du total erschöpft bist? Hast Du mir nicht vorgestern geklagt, wie schwierig es ist? Warst Du nicht vor drei Tagen kurz vor dem Zusammenbruch? Hast Du nicht letzte Woche gesagt, dass Du Dich aufopferst?
kultur pur: Ja, aber das ist es doch alles wert!
unkultur: Was
es?
kultur pur: Na, das Privileg, hier zu arbeiten! Die Momente des Glücklichseins!
unkultur: Ich habe den Verdacht, dass Du Dir etwas vormachst. Und dass Du eine Meisterin darin bist, Dir etwas vorzumachen. Du benimmst Dich wie jemand, der in einer zerstörerischen Liebesbeziehung steckt und es sich nicht eingestehen will.
kultur pur: Wie kannst Du es wagen, so mit mir zu reden? Du kennst mich doch gar nicht!
unkultur: Ich rede ja gar nicht so mit Dir. Dieses Gespräch ist fiktiv. Weil ich weiss, wie Du reagieren würdest.
kultur pur (atmet erleichtert auf): Ah, fiktiv...
> Erste Runde: „Bitotop der Unprofessionalität“, 12.8.08
> Zweite Runde: "Arbeitsbeziehung, nicht Liebesbeziehung" 4.10.08