2008-11-29

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 01:10 [ unkultur und die Banker ]
unkultur hatte genug. Ihr erster Reflex war, mit dem Banker auf die Hardbrücke zu steigen, ihn autostoppen zu lassen und zu hoffen, dass ihn ein Fahrzeug so weit wie möglich davontrüge. Aber dann fiel ihr auf, dass der Banker inzwischen einen beträchtlichen Geruch nach Kebab verströmte, und dass ihn vermutlich niemand in seinem Auto wollte. Sogar seine Arbeitskollegen, seine Freunde, seine Frau, ja sein Auto würden sich weigern, ihn mitzunehmen.

Langsam wurde es dunkel – und um die Hardbrücke herum wird es immer auf besonders düstere Weise dunkel –, und unkultur war unendlich müde.

Da hatte sie einen Geistesblitz. Es gab in der Nähe einen ungemein kreativen Kulturraum: Dort wurde experimentelles Tanztheater gemacht, kombiniert mit avantgardistischen Installationen und virtuellen Detonationen. Oder so ähnlich. Jedenfalls alles sehr ernsthaft. Sie führte also den Banker zu diesem Ort, nicht ohne ihm vorher einzuschärfen, er sei jetzt von Beruf Kreativer. „Einfach irgendetwas Kreatives, ok?“. Der Banker ächzte nur leise.

In dem kreativen Kulturraum waren ein paar Frauen am Proben oder Besprechen oder an einem Schöpfungsvorgang, das konnte man nicht genau erkennen. Sie schenkten den Eintretenden ein geistesabwesendes Lächeln. Der Banker steuerte schnurstracks auf die Bühne zu, stellte sich in die Mitte und begann, irgendwelche Verrenkungen zu machen, während er kabbalistisch-archaische Laute von sich gab.

unkultur war verblüfft. Die ernsthaften Kulturfrauen waren es nicht minder. Als der Banker drei Stunden später immer noch keine Ermüdungserscheinungen zeigte, konnte unkultur die Kulturfrauen überreden, ihm bis am nächsten Morgen Zeit zu geben, bevor sie den psychiatrischen Dienst anrufen würden. Er würde es sich bestimmt anders überlegen im Laufe der Nacht. Die Frauen löschten das Licht und gingen nach Hause.

Auch unkultur ging nach Hause und legte sich todmüde ins Bett. Doch dummerweise konnte sie nicht einschlafen. In ihrem Kopf ertappte sie eine Gehirnregion nahe beim Unterbewusstsein dabei, wie sie an den Banker dachte, der ganz allein in der stockdunklen, kalten Halle in seinem Wahn gefangen war. Und irgendwie, ein kleines Bisschen, fühlte sie sich schuldig.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-28

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 18:52 [ unkultur und die Banker ]
Bevor sich der Banker fragen konnte, was unkultur wohl im Schilde führe, verkündete sie: „Wir gehen weiter einkaufen. Aber auf meinem Territorium. Und diesmal kaufst DU ein.“

Mit dem Banker im Schlepptau spazierte sie in Richtung Langstrasse. Bei der ersten Kebab-Bude hiess sie ihn Kebab mit extra viel Zwiebeln und viel Scharf bestellen. „Und jetzt iss!“, befahl sie. Der Banker ass brav auf; dasselbe tat er mit den folgenden drei Kebabs aus den folgenden Buden, auch wenn er inzwischen ächzte und schwitzte und sich deutlich schwerfälliger fortbewegte. unkultur beobachtete ihn grinsend, während sie sich ein paar Sushi genehmigte, die sie bei Yooji’s an der Ecke holte. „Wenigstens etwas Gutes, was Ihr Banker Zürich gebracht habt“, sagte sie und fuchtelte dem Banker mit den Stäbchen vor der Nase herum.

Jetzt standen sie vor einem Secondhand-Shop. Die nächste Station. unkultur kleidete den Banker komplett neu ein, von den richtigen Sneakers über die altrosa Manchesterhose bis zur Adidas-Jacke. Als Tüpfelchen auf dem i fehlte noch eine dieser sündhaft teuren Strickmützen, die sie bestimmt bald in einem der kleinen Designerläden finden würden. Die alten Kleider des Bankers liess unkultur gleich im Secondhand-Shop zurück; nur das schwarze Hemd nahm sie noch ein Stück weit mit und schwenkte es wie eine Piratenflagge. Dann verlor sie das Interesse daran und warf es irgendwo in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes ins Gebüsch.

Eine wankende Gestalt näherte sich ihnen, und bevor die obligate Frage „Hesch mir en Schtutz?“ kam, herrschte unkultur den Banker an: „Siehst Du nicht, dass er Geld will?“. Der Banker stammelte: „Ach entschuldigen Sie, ich habe kein Kleingeld. Nehmen sie Kreditkarte?“. Der Penner, der plötzlich sehr nüchtern aussah, tippte sich an die Stirn und warf unkultur einen mitleidigen Blick zu, bevor er sich aus dem Staub machte.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-21

Die Nerds kommen!

Von unkultur @ 13:46 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Slampoeten, die über Herzschmerz und über das Elend der Welt erzählen, gibt es genug. Macho- und Starke-Frauen-Sprüche, elegant verpackt, ebenfalls. Auch die Ästheten, die mit kompliziert konstruierten Versen einen Hauch von Nichts verhüllen, sind uns hinlänglich bekannt. Deshalb war es eine Erfrischung, ja Erleichterung, gestern Abend am SLAM 08 mitzuverfolgen, wie die neuen Nerds die Bühne stürmten.

Es war die Vorrunde des Teamwettbewerbs, die Stimmung war - brodelnd. Und die Nerds lösten nicht etwa Langweile aus, im Gegenteil: Sie entlockten dem Publikum laute Lacher und Zwischenrufe und der Jury hohe Noten. (Einschub: An alle Sprachpuristen, es tut mir leid, dass ich das englische Wort "Nerd" verwende, aber im Deutschen gibt es nun mal kein Wort, das die Persönlichkeit eines Nerds so facettenreich widergibt.)

Die Nerds jonglierten mit Zahlen und Wörtern, und zwar auf eine souveräne und unverkampfte Art, immer mit einem Verblüffungs-Auslöser an der richtigen Stelle. Allen voran das zu einem Viertel schweizerische* Team SMAAT, das mit Statistiken um sich warf. Dann das Team Tübingen mit seinem wunderbar heimtückischen Zahlen, die sich langsam in die Sprache des einen Bühnenpoeten einschleichen und sie untergraben, bis der Geplagte aus der Not eine Tugend macht und die Zahlen "integriert". Das Team Krém, Sahne extrem! bot Dada vom Feinsten, und Allen Earnstyzz stellte sich und uns existentialistische Fragen. Und jetzt habe ich vermutlich mindestens zwei der Teams verwechselt... Man verzeihe mir das und belehre mich!


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*genau ein Viertel! Das ist statistisch belegt.

2008-11-19

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 00:27 [ unkultur und die Banker ]
Heute stehen unkultur und der Banker tatsächlich an der Bahnhofstrasse. Der Banker hat sich extra unangestrengt schick gemacht. unkultur muss zugeben, er sieht schon fast sexy aus in seinem schwarzen Hemd ohne Krawatte.

Zuerst ist das Vorwärtskommen etwas schwierig; die beiden bleiben in einem Demonstrationsumzug stecken. „Wir wollen unsere Leuchtröhren behalten!“, wird lautstark skandiert, und unkultur fühlt sich wie eine Verräterin, denn unter normalen Umständen hätte sie sich den Demonstranten sofort angeschlossen.

Der Banker, der sich diskret im Hintergrund hält, weist unkultur auf einige Schaufensterauslagen hin. unkultur versucht, ihr Desinteresse im Schach zu halten. Schmuck aus Gold und Perlen? Trifft weder ihren ästhetischen noch ihren begehrlichen Nerv. Chanel-Kostüme? Igitt.

Dann endlich ein Schaufenster mit tollen Kleidern. unkultur betritt das Geschäft und wird von der Verkäuferin misstrauisch beäugt. Stimmt irgendetwas nicht an unkulturs Outfit? Sie mustert sich unauffällig im Spiegel. Nein, sie sieht gut aus.

Der Kragen platzt unkultur, als sie die Verkäuferin fragt, ob es denn diese Hose auch in Grösse 40 gebe, und zur Antwort bekommt: „Sie müssen sich nicht wundern, dass Sie keine eleganten Kleider finden, wenn Sie bei knapp über 1.70 Körpergrösse eine 40 tragen.“

Wutentbrannt stürmt unkultur aus dem Laden, um irgendwo eine Leuchtröhre zu finden, die sie der schnippischen Mickerspriesse über den Kopf ziehen könnte. Da sieht sie den Banker zerknirscht auf dem Trottoir sitzen. Warte nur, das wirst Du mir büssen, denkt sie und sagt trocken: „Ich ändere jetzt die Spielregeln“.

(Fortsetzung folgt)

2008-11-16

unkultur und die Banker (Fortsetzung)

Von unkultur @ 00:30 [ unkultur und die Banker ]
Banker: Der Preis ist lächerlich klein.

unkultur: Ja, das heisst es an dieser Stelle immer, und dann verliert der Held seine Seele.

Banker (grinst charmant): Nix mit Seele. Ich will lediglich etwas Fleischliches von Dir.

unkultur (grinst durchtrieben): Du wirst enttäuscht sein, an mir ist nichts Fleischliches. unkultur ist lediglich eine Idee oder eine Wolke von Ideen. Das Konkreteste an mir ist, dass ich auch ein Blog bin.

(Die Banker-Kollegen im Hintergrund tuscheln erwartungsvoll.)

Banker: Genau das wollen wir: Deinen Blog-Power. Setz ihn einen Tag lang für uns, die Banker, ein. Wir wollen wieder als menschliche Wesen wahrgenommen werden. Belebe uns.

unkultur (lacht schallend): Du überschätzt mich masslos. Wir kleinen Blogger haben kaum einen Einfluss auf die Gesellschaft!

Banker: Wir können jede noch so unwichtige Stimme brauchen, die sich für uns einsetzt. Ich weiss, dass Du etwas Anregendes schreiben kannst.

unkultur: Natürlich kann ich das. Etwas Anregendes und letztlich Wirkungsloses. Aber schau mal, wenn es nur das ist: Ich mach’ das; schon nur, weil die Reaktionen der Leser mich bestimmt amüsieren werden.

Banker: Deal! Ein Blog-Eintrag, eine Shopping-Tour in der Bahnhofstrasse.

unkultur: Aber die Shopping-Tour will ich zuerst. Und den Blog-Eintrag schreib’ ich nur, wenn ich mit der Tour zufrieden bin. Und jetzt schwirrt ab! (wedelt ungehalten mit den Händen)

(Banker schwirren ab.)


(Fortsetzung folgt)

2008-11-13

Unbeblogbare Gefilde und fröhliches Geldverbrennen

Von unkultur @ 08:58 [ Dada (im Alltag) ]
Es ist Weltbewegendes geschehen, aber unkultur weilte in letzter Zeit in unbeblogbaren Gefilden. Physisch und psychisch. Sie möchte es allerdings nicht verpassen, auf das fröhliche (oder düstere?) Geldverbrennen hinzuweisen, das morgen von 17 bis 20 Uhr bei der Alten Börse stattfindet! Eingefädelt ist die Aktion vom Cabaret Voltaire (von wem sonst?), und die Einladung lautet vielversprechend:

„Während der Verbrennungszeremonie lässt der junge Künstler Robert Wolf seinen nackten Körper mit der Asche des verbrannten Geldes schwarz anmalen. Er stellt sich als Schwarzer Peter zur Verfügung und übernimmt die gesamte Schuld des Finanzdebakels.“

Quelle: pixelio.de, hmeberhardt

Jeder Zuschauer verpflichtet sich, eigenhändig eine mitgebrachte Banknote zu verbrennen. Wenn sich unkultur überlegt, dass sie jene Zehnernote wahrscheinlich in unnötigen Junkfood investieren würde, ist Verbrennen gar nicht die schlechteste Option...

2008-11-05

Bye bye, KNILCH und MILF

Von unkultur @ 00:19 [ Standortvorteil ]
Noch einmal schlafen (kurz). Und sich dann über eine Welt freuen, die zwar immer noch düster ist, aber immerhin nicht vom KNILCH und von der MILF regiert wird.

2008-11-02

Die Vorteile des Daseins als langweiliger Blogger

Von unkultur @ 23:54 [ The Web ]
99.9% der Blogger in der Schweiz sind offenbar zum Gähnen. Langweiliges, abgestandenes Mittelmass.

Nun, unkultur ist froh, dass sie kein Promi-Blogger ist, denn sonst müsste sie sich mit allerlei Widrigkeiten herumschlagen:

- Dieser dauernde Starkult, Verfolgungsjagden mit Paparazzi, Tausende von Fans, die um Unterschriften betteln, die Hausangestellten, die Informationen über einen für teures Geld verkaufen. Und wehe, wenn man einmal ohne Make-up aus dem Haus geht!

- Man wäre dauernd heftigen Attacken ausgesetzt, entweder via Kommentare oder auf anderen Blogs. (Rührende kleine Schimpftiraden wie diejenige von Konkwest Kriäitiws zählen ja nicht wirklich als Attacken). Anonymes Bloggen könnte man sowieso vergessen.

- Man wäre ja dann durch Werbeverträge und Ähnliches reich geworden und hätte sein Geld in Aktien angelegt, die durch die Finanzkrise ihren ganzen Wert verloren hätten, und nun wäre man plötzlich mausarm. Wie man richtig arbeitet, hätte man inzwischen vergessen; daher müsste man nun von der Sozialhilfe leben, würde aus Frust und Scham sein Leben immer mehr ins Internet verlegen, den Bezug zur Realität verlieren, würde schlussendlich immer depressiver, bis man seinen eigenen Selbstmord auf Youtube ankündigte. Davon hielte einen in letzter Sekunde eine pseudo-selbstlose Cybersekte ab, in deren Fänge man in der Folge geriete, und die einen zu Internet-Porno drängen würde, worein man natürlich einwilligen würde, denn inzwischen hätte man sein letztes Bisschen Widerstandskraft und Würde verloren. Wenn man nicht gerade am Aufnehmen von Internet-Pornos wäre, wäre man damit beschäftigt, dem Sektenchef virtuell die monströs stinkenden Füsse zu küssen und sich zu wünschen, man wäre doch ein unauffälliger kleiner Blogger geblieben.

Und das alles nur, weil man besser sein wollte als die 99.9% der Schweizer Blogger!