2008-10-30

Liegen die Wurzeln des Jazz vielleicht doch in den Schweizer Alpen? (Lyoba)

Von unkultur @ 22:35 [ Musik ]
Wir meinen zu wissen, wo die Wurzeln des Jazz liegen. Thierry Lang scheint da eine andere Auffassung zu vertreten. Aber eins nach dem anderen: Am Eröffnungsabend des jazznojazz trat als Erstes das Vera Kappeler Trio auf, das eher ein intellektuelles Jazzpublikum anspricht. Als totales Kontrastprogramm schritt dann ein kompletter Greyerzer Männerchor auf die Bühne – durchgestylt vom Wurzelstock bis zum Käppi – und zeigte, dass er auch mit schlotternden Knien vor vollem Saal seine Harmonien beherrschte.

Und dann war Thierry Lang an der Reihe, gemeinsam mit vier Celli, dem Kontrabass (Heiri Känzig) als Rhythmusinstrument und dem Trompeter Matthieu Michel. Die Art, wie sich das Ensemble der Schweizer Volksmusik annähert, ist gleichzeitig mutig und einfühlsam. Da hört man Rhythmen heraus, die eindeutig mit dem Flamenco verwandt sind. Dann wieder schmelzende Melodien, die hin und wieder in den Kitsch abdriften. Und plötzlich Klänge, die einen in die Welt zurückversetzen, als man als Kind in der Nähe des Waldes wohnte und abends den mysteriösen Trompeter am Waldrand spielen hörte.

2008-10-27

unkultur und die Banker

Von unkultur @ 23:58 [ unkultur und die Banker ]
Das war so: Eines Tages sass unkultur gemütlich zwischen Betonwänden und rostigen Eisenstangen und kultivierte ihre Kultigkeit. Von der Kultigkeit angezogen wie Motten vom Licht, schwirrten ein paar Banker in schicken grauen Anzügen durch die leeren Industriehallen, bis sie unkultur fanden. Einer der Banker setzte sich ihr gegenüber auf einen Betonsockel, wobei er zuerst schön säuberlich eine Weltwoche auf die staubige Oberfläche legte.

unkultur“, begann er, „es ist bewundernswert, was Du da machst. Aber empfindest Du nicht manchmal Überdruss? – Nein, sag jetzt nichts. Ich weiss, dass Du früher mal eine von uns warst. Du kannst Deine Vergangenheit nicht verleugnen. Wie auch immer, gegen den Überdruss hätten wir Dir ein hübsches therapeutisches Spielzeug. Es heisst Bahnhofstrasse. Probier’s doch einfach mal aus.“

Misstrauisch beäugte unkultur die Besucher und fragte: „Und was ist der Preis dafür?“. Der Banker lächelte beruhigend und sagte: ....

(Fortsetzung folgt)

2008-10-24

Der Missbrauch des Wortes Unkultur

Von unkultur @ 23:58 [ Dada (im Alltag) ]
In letzter Zeit liest unkultur immer öfter in Zeitungen und Blogs das Wort „Unkultur“. Als Schimpfwort für böse Banker und irregeleitete Politiker. Dabei hat doch unkultur nichts, aber auch gar nichts mit diesen Bankern und Politikern zu tun.

unkultur ist verwirrt und stürzt in eine Identitätskrise. Während andere in die Bankenkrise stürzen. Wenn es so weitergeht, muss sich unkultur bald in die Arme eines Kulturklempners werfen.


> Wie unkultur Unkultur definiert

2008-10-19

Mandala und Regenschirm

Von unkultur @ 21:29 [ Erdungsgarnitur ]


Jeden Morgen und jeden Abend, an vier Tagen, werfe ich einen Blick ins Schaufenster der Apotheke am Albisriederplatz. Ich verfolge mit, wie das Mandala heranwächst. Vier buddhistische Mönche in safranroten Roben arbeiten tief gebückt daran.

Eigentlich schäme ich mich, dass ich dort stehe und schaue, während sie im Schaufenster „ausgestellt“ sind. Immerhin hat mein Schauen etwas Andächtiges – die Farben des Mandalas sind überwältigend. Ist es ethisch vertretbar, dass die Apotheke die Mönche für PR-Zwecke braucht? Oder sehen es die Mönche auch als PR für die eigenen Anliegen und bemühen sich sogar darum, in der Öffentlichkeit aufzutreten?

An einem Abend regnet es; ich stehe da unter dem Regenschirm und schaue. Die Mönche legen gerade ihre Werkzeuge nieder. Einer von ihnen, er ist etwas jünger als die anderen, schaut nach draussen. Ich lächle ihm unwillkürlich zu. Er lächelt zurück – und sein Lächeln ist weder gütig noch segnend, sondern irgendwie... spitzbübisch?

Darf er das, spitzbübisch lächeln? Sehr wahrscheinlich schon. Was weiss ich denn schon über seine Religion.

2008-10-14

Senfgelb ist senfgelb ist senfgelb

Von unkultur @ 22:44 [ Erdungsgarnitur ]


Die Farbe Senfgelb wird mir niemals stehen. Daran kann keine noch so professionell lügende Heuschrecke von einer Verkäuferin etwas ändern. Und nein, auch die Kombination mit anderen Farben ändert nichts an der Farbe Senfgelb. Auch violett steht mir äusserst schlecht, es sei denn, das Violett ist sehr dunkel. Wenn ich mal einer Verkäuferin begegne, die dieser Tatsache mutig ins Auge sieht, werde ich ihr um den Hals fallen und ihr überschwänglich danken.

Die Stiefeletten mit den Knöpfen, die ich vor vier Jahren gekauft und seitdem sorgsam gepflegt habe, sind mir verleidet, weil ich seit einigen Wochen dauernd Komplimente erhalte, was für ein nettes modisches Schnäppchen ich da gemacht hätte. Ich werde sie in den Schrank stellen und in ein paar Jahren wieder hervorholen.


> unkultur über Mode 1
> unkultur über Mode 2
> unkultur über Mode 3
> unkultur über Mode 4

2008-10-12

Spröd plus kitschig ist OK

Von unkultur @ 22:49 [ Musik ]
Ich habe noch nicht herausgefunden, wer die Instanz ist. Aber irgendjemand – oder eher ein Kreis, eine Szene – entscheidet, welche Musik gebildete und trotzdem coole Leute mit Geschmack gut finden sollen.

Ob es Electro, Klassik, Jazz oder Rock ist, das spielt keine grosse Rolle mehr. Es gibt da vielmehr Attribute, die Musik auf jeden Fall haben oder nicht haben sollte, um akzeptabel zu sein. Diese Attribute sind je nach Kombination gut oder schlecht.

Z.B. „kitschig“: Ist an sich schlecht. Wenn es hingegen mit „spröd“ oder „sehr eigenwillig“ kombiniert ist, kann es unter Umständen gut sein.

Im Übrigen ist das Gegenteil von „gut“ nicht „schlecht“, sondern „peinlich“. Besonders peinlich ist eine Person, die peinliche Musik nicht sofort als peinlich entlarvt.

2008-10-10

Die Jööös und die Bösen

Von unkultur @ 22:17 [ Dada (im Alltag) ]
Neulich habe ich im Blog von Perez Hilton gestöbert – ja, auch das gehört zu meinen Aufgaben als unkultur, auch wenn ich jetzt die Frage, ob Perez Hilton unter die Definition von Unkultur fällt, nicht erörtern möchte – und mir ist aufgefallen: Perez und der Papst haben eine auffallende Gemeinsamkeit.

Beide sitzen sie da und entscheiden darüber, wer als lieb und wer als verwerflich, wer als „cute“ und wer als „bitch“ zu gelten hat, und häufig ist nicht nachvollziehbar, was die Gründe für diese Urteile sind. Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten in ihren Urteilen:

- Kinder, Tiere und sehr alte Menschen sind grundsätzlich jööö
- Sehr junge Frauen, die hübsch sind und noch keine Skandale hatten (sozusagen jungfräulich) sind lieb
- Frauen, die einen starken Willen haben und sich nicht nach den Massstäben seiner Hoheit hübsch machen, fallen in Ungnade; auf ihnen wird fortan erbarmungslos herumgetrampelt
- Leute die Drogen nehmen, sind böse, und man soll auch erbarmungslos auf ihnen herumtrampeln

Bei den Männern sind sich die beiden allerdings nicht ganz einig: Für Perez sind grundsätzlich Schwule OK; Heteros werden eher skeptisch beäugt. Ich bezweifle, dass der Papst diese Sichtweise teilt.

2008-10-04

Die zweite Runde der Debatte

Von unkultur @ 01:15 [ Erdungsgarnitur ]
kultur pur (setzt ein palineskes Lächeln auf): Weisst Du, ich habe Dich neulich beobachtet. Du sasst ganz zuhinterst in einer Ecke, während einer Veranstaltung.

unkultur: Tatsächlich?

kultur pur (enthusiastisch): Ja, und Du hast das Publikum beobachtet, das begeistert, ganz ausser Rand und Band war. Und ich könnte schwören: Du hast diesen stillen Stolz für Dich allein genossen – dass Du dazugehörst. Dass Du indirekt etwas dazu beigetragen hast. Ich könnte schwören: In diesem Moment empfandest Du starke Gefühle für Deinen Arbeitsort.

unkultur: Etwas rührselig ausgedrückt, aber in groben Zügen stimmt Deine Beobachtung.

kultur pur (triumphierend): Na siehst Du! Das sage ich ja immer: Das entschädigt uns für alle Entbehrungen, für die schlechte Entlöhnung, für die speziellen Arbeitszeiten...

unkultur: Jetzt muss ich mal was klarstellen: Ich habe mit meinem Arbeitgeber keine Liebesbeziehung. Das ist eine Arbeitsbeziehung. Kennst Du den Unterschied, oder muss ich ihn Dir erklären?

kultur pur (mit gequältem, wieder leicht palineskem Lächeln): Warum bist Du denn so aggressiv?

unkultur (mit aggressivem Unterton): Ich bin nicht aggressiv, rede nur Klartext. Ich will kein Sonderfall sein! Ich will nach meinen Qualifikationen beurteilt werden und nicht nach der Branche, in der ich arbeite! Ich bin nicht Kulturmanagerin geworden, weil ich „etwas Besonderes“ sein will. Oder, Gott bewahre, „etwas Kreatives machen will“.

kultur pur (zerknirscht): Was ist Dir denn heute über die Leber gekrochen?

unkultur: Du! Mit Deinen unsäglichen Fragen!


> Erste Runde: „Bitotop der Unprofessionalität“, 12.8.08

2008-10-02

„Wenn ich über etwas schweige, schweigst Du über etwas anderes“

Von unkultur @ 08:51 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Wenn ich im Folgenden Jürg Halter mal falsch zitiere – ich habe ihn immerhin vorgestern Abend im Kaufleuten live gehört und gesehen – dann liegt das an meinem schlechten Erinnerungsvermögen und an dem geheimen Wunsch, dass mir jemand sein neues Buch schenken möge.

Aber diese Zeile weiss ich garantiert noch richtig: „Wenn ich über etwas schweige, schweigst Du über etwas anderes“. Ja, Jürg Halter ist etwas anspruchsvoller geworden und liefert uns nicht mehr bildhafte Aussagen wie diejenige mit dem Zahnarzt und dem Krokodil aus Malachit. Dafür hält er unser Gehirn auf Trab, während er aufreizend langsam liest und wir damit beschäftigt sind, die Assoziationen, Anspielungen und Bestandteile der Logik seiner Texte einzuordnen.

Unaufdringlich begleitet wird er von Julian Sartorius, der auch schon mal Schneeflocken auf sein Schlagzeug niederschweben lässt und dann den Text unvermittelt zu einem eindringlichen Song verdichtet („Das Fallen des Regens / Das Fallen an sich / Das Fallen des Regens / Das Fallen an sich“).

Am Schluss sagt dann Jürg Halter viele kryptische Dinge, unter anderem auch, dass er die Emos als neue Zielgruppe entdeckt habe. unkultur wirft einen beunruhigten Blick in die Runde und auf sich selbst: Ist sie unbemerkt zum Emo mutiert?