2008-07-30

Was man alles so sieht unter der Hardbrücke

Von unkultur @ 23:52 [ Erdungsgarnitur ]
(und das an einem einzigen Tag)

- ein Polizist auf dem Velo, der bei Rot eine Kreuzung überquert und mir einen bösen Blick zuwirft, weil ich ihn beobacht habe

- eine Aufschrift auf einem Abfallcontainer, die offensichtlich ein Basler für Zürich getextet hat: „Für e suubers Züri“ heisst es da – das „e“ verrät den Texter; ein Zürcher hätte „Für es suubers Züri“ geschrieben

- ein knapp 20-Jähriger, der mich treuherzig anlächelt und sagt: „Du bist sicher aufgeschlossen für Menschenrechte“, was ich ja grundsätzlich bin, wenn ich nicht gerade den Bus erwischen muss – dann bin ich regelrecht zugeknöpft

2008-07-26

Rätsel: Wo war unkultur gestern Abend?

Von unkultur @ 11:20 [ Erdungsgarnitur ]
Hinter mir, zwischen den Eisenstangen, hatten sich um die fünf Spinnen eingenistet und bastelten an ihren Netzkunstwerken. Stimmengewirr. Vor mir Dunkelheit, durchbrochen von Glitzern und bunt beleuchteten Sonnenschirmen – was tun Sonnenschirme in der Dunkelheit? – dahinter die Kulisse, der Schatten der Hotel Marriott mit seinem rotweissen Logo.

Eine Frau, deren Kleid in Farbe und Form einer umgekehrten Mohnblume ähnelte, schwebte zu uns hoch. Ihr Begleiter verblasste neben ihr. Sie sah sich kurz um, sah keine standesgemässe Sitzgelegenheit und verschwand wieder.

Unten an der Bar knallte ein Champagnerkorken. Sekunden später ein Stups auf mein Knie, von oben, aus dem Nichts. Das Schleudergeschoss hatte seinen Weg zu mir gefunden. Wenn das kein Glück bringt!

Wie versprochen: Die enthusiastische-vernichtende Enge-Slam-Kritik

Von unkultur @ 11:05 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Simon Chen – Deine poetische Crocs-Hasstirade spricht mir aus dem blutrünstigen Herzen! Oh ja, auch ich möchte diese ästhetische Missgeburt vom Antlitz der Erde getilgt wissen…

Kilian Ziegler – Fulminanter Einstieg ins unkultur-Radarfeld mit dem Text „Sitzstreik“. War eigtl. nach der ersten Hälfte mein Favorit, aber was kümmert’s das übrige Publikum?

Daniel Gräsl (?) – Habe mich wieder mal schmerzhaft fremdgeschämt. Ich konnte nicht mehr zuhören und zuschauen. Bitte, mag ihn irgendjemand überreden, seine Texte nicht mehr vorzutragen?

Philip Vlahos – Gar nicht schlecht… Der Trick mit der Publikumsbeteiligung erinnert an den von mir verehrten Ato Mailer. Und die alles überschwemmenden Brusthaare im Final waren unschlagbar.

Nico Herzig/Carlo Spiller – Was beim grandiosen „6 Titten Team“ funktioniert, dieser Effekt des Wechsels zwischen verschiedenen Sprechern, rasantes Synchronsprechen etc., funktioniert bei „Sex on the Speech“, wie sie sich nennen, nicht. Warum? Ganz einfach: das „6 Titten Team“ macht gute Texte.

Simon Libsig – wie er leibt und lebt! Er beschenkt uns mit einem neuen – bzw. mir vorher unbekannten – Text, dem ich das Zitat von vorgestern entnommen habe.

2008-07-24

"lieber es Läbe ha näbedra, as vergäbe en Blog blogge und nüd z'säge zha"

Von unkultur @ 09:55 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Wer gestern Abend nicht am Slam in der Badi Enge war, der hat etwas verpasst! Meine messerscharfe Kritik zu den einzelnen Slampoeten folgt später, Ehrenwort. Ich kann's aber nicht lassen, schon heute ein Zitat aufzuführen, das so wunderbar in die Bloggerwelt passt:

lieber es Läbe ha näbedra, as vergäbe en Blog blogge und nüd z'säge zha
(Simon Libsig)

Ich werde sofort in mich gehen...

2008-07-20

Auf dem Land braucht es keine Kultur

Von unkultur @ 12:30 [ Kluturbanause ]
Nein, unkultur will nicht provozieren mit diesem Titel, wo denken Sie hin! Genau wie Sie hat sie bisher immer Volkskultur und ländliche Kunst und Vielfalt in der Kunst und all das befürwortet, wie das ein braver Schweizer eben tut. Ja, es ist sogar unkulturs selbstgewählter Auftrag, sich für Nischenkultur einzusetzen – wenn sie sich auch auf die urbane Nischenkultur konzentriert.

Woher also der abrupte Gesinnungswandel? Warum sagt unkultur plötzlich, Kultur (i.e.S.) auf dem Land sei nicht mehr nötig?

Nun, unkultur war wieder mal in den Bergen, um der Natur willen selbstverständlich. Da gab es auch ein wenig Kultur, die so beschaffen war, dass sowohl die Einheimischen als auch die halbwegs intelligenten Touristen einen grossen Bogen um sie machten.* Erstere gehen für Kultur sowieso ins Unterland, Letzere wanderten wacker darum herum. Das stimmte unkultur traurig – für die Kultur.

Sie dachte sich: Verständlich, dass man früher in den Bergdörfern auch ein Kulturangebot brauchte. Man war ja abgeschnitten von der restlichen Welt. Aber heute, wo dank dem ausgeklügelten öffentlichen Verkehr und guten Strassen alle Distanzen in der Schweiz geschrumpft sind – warum besinnen sich die ländlichen Gegenden nicht auf ihre Kernkompetenzen?

In Zürich schütten wir schliesslich auch keinen Hügel in der Bäckeranlage auf und installieren dort einen Skilift und siedeln Murmeltiere an.

Besser würde man die kulturellen Ressourcen, die man auf dem Land hat, in neue Projekte in den Städten stecken. Es herrscht schon jetzt eine ständige Pendelbewegung zwischen Stadt und Land; es wird zur Natur bzw. zur Kultur gepilgert und zurück. Um den Anschluss noch mehr zu vereinfachen, liesse sich ein Natur-Kultur-Shuttle einrichten. Zwischen einzelnen Stätten der Natur und der Kultur gäbe es Freundschaften, ähnlich wie Städtefreundschaften, die durch moderne Technologien (s. „Whispering Wall“ von Greg Niemeyer) durch die Besucher erlebbar wären. Als Tüpfelchen auf dem i müsste des Ganze, dem Zeitgeist entsprechend, auch noch interaktiv sein und die Besucher zu Machern machen.

Vielleicht steht ja das "un" in "unkultur" für "Natur (statt bemühte Volkskultur)".


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*Das ist jetzt sehr absolut formuliert; selbstverständlich gibt es Ausnahmen wie z.B. den Nietzsche-Weg auf der Halbinsel Chasté, der in der Stadt nie so gut zur Geltung kommen würde. Oder Skulpturenparks, wo die Skulpturen in Beziehung mit der Landschaft stehen.

2008-07-16

Im Vorbeigehen gesehen

Von unkultur @ 09:10 [ Erdungsgarnitur ]
Kunst im öffentlichen Raum auf Schritt und Tritt: Gestern Abend gesehen am See, die guten alten Steinmännchen. Und heute im „Blick" den Schrotthaufen aus der Limmat.

> Kunst im öffentlichen Raum bei Haruki Murakami

2008-07-15

Schmunzeln, brüllen und mundwinkelzucken

Von unkultur @ 08:18 [ Dada (im Alltag) ]
Frühmorgens im Tram. Vor unkultur steigt in Blinder aus. Er verabschiedet sich beim Chauffeur und sagt: „Merci“! Und: „Auf Wiederhören!“

unkultur schmunzelt.

unkulturs Über-Ich (streng): „Was gibt es da zu schmunzeln? Ist doch logisch!“


***

Abends im Kino, der Film „Interview“ läuft. Bei den makabersten Witzen brüllt unkultur vor Lachen.

unkulturs Über-Ich (stupst sie mit dem Ellbogen an): „Jetzt reiss Dich zusammen; vor uns sitzt Bundesrat Leuenberger!“

unkultur schaut nach vorn. Tatsächlich, da sitzt ihr Bloggerkollege Moritz. Dort, wo unkultur brüllt, sieht man höchstens das legendäre Zucken seines Mundwinkels. Dort, wo unkultur nur lacht oder pöbelhaft grinst, bleibt sein Gesicht unbeweglich.

2008-07-12

World Blog Forum ebenso sang- und klanglos abgesagt wie grosspurig angekündigt

Von unkultur @ 00:01 [ The Web ]
Ich bin wohl einfach nicht blogszenig genug. Alles, was ich mitbekommen habe, ist Folgendes: Das „World Blog Forum“ in Bern wurde vor ziemlich langer Zeit grosspurig und enthusiastisch angekündigt. Dann hörte man ziemlich lange: nichts. Niemand von meinen Online-Kollegen wusste etwas von diesem Forum. Und dann, eine knappe Woche (!) vor dem festgelegten heutigen Beginn, wurde es lakonisch wieder abgesagt, bzw. "verschoben", bzw. „schliesst sich in einem Joint Venture mit dem US Blog World zusammen“ (das ist wohl einer dieser Witze von der Maus und vom Elefanten). Die Blogs-Szenis wussten das sicher schon lange vorher. Immerhin: Irgendwo in den Weiten des Web werden noch Tickets für diesen Event für stolze 800 Franken pro Stück verkauft.

2008-07-10

Achtung, sentimentaler Titel: Das klinget so herrlich…

Von unkultur @ 23:31 [ Musik ]
Ich bin kein Opernfan. Ich besuche ungefähr einmal im Jahr eine Oper, entweder weil ich in einer fremden Stadt mal die Atmosphäre des dortigen Opernhauses miterleben möchte, oder weil mich eine Freilichtaufführung reizt. Mit höflicher Gelassenheit höre und sehe ich zu und kann der ganzen Chose sogar etwas abgewinnen; fast etwas Exotisches haben für mich diese seltenen Abende. Allerdings nichts Sentimentales oder Bewegendes.

Ganz anders ist meine Reaktion, wenn durch ein offenes Fenster eine Opern-Arie dringt. Sofort habe ich das Gefühl, etwas ganz Berührendes als Zaungast mitzuerleben. Die Menschen, die in diesem Haus leben, haben bestimmt ein aufregendes Dasein; ja, das Leben im Allgemeinen erscheint mir plötzlich dramatisch und süss. Die Opernmusik, die ich eigentlich nicht besonders mag, finde ich in diesem Augenblick göttlich.

Ich frage mich dann jeweils: Was löst diese Reaktion aus? Kulturelle Prägung? Oder habe ich zu viele Filme gesehen, in denen Opernmusik dramatische Momente untermalt? Nein – es ist wohl eher zu vergleichen mit dem Reflex, der einsetzt, wenn wir eine aussergewöhnlich schöne Landschaft sehen. Oder ein „herziges“ junges Tier, das wir aber um keinen Preis zu Hause haben möchten.

2008-07-08

Achtung, kitschiger Titel: Jazz unter Palmen

Von unkultur @ 10:07 [ Musik ]
Kann sich eine arme Kulturmanagerin hochkarätige, weil überteuerte (?) Kultur leisten? Das war eine rhetorische Frage. Nein, natürlich kann sie das nicht. Deshalb pilgerte unkultur am letzten Wochenende nicht nach Montreux, sondern nach Lugano. Dort genoss man dank CS, Manor, Swisscom & Co. in subtropischer Atmosphäre ganz annehmbare Musik.

Und wenn man sich einen „All Access“-Pass ergaunert hatte, konnte man sogar vorne auf den Holzbänken Platz nehmen, die bequemer sind als die teuren Stehplätze in Montreux. Von dort aus konnte man die Jazzsängerin Rachelle Ferrell hautnah beobachten – sie besitzt nicht nur eine grossartige Stimme, sondern auch eine höchst unterhaltsame Mimik.

> unkultur hört Jazz in Stans und Cully

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