2008-06-29

Was haben Kulturschaffende bloss gegen das Internet?

Von unkultur @ 10:12 [ The Web ]
Klar ist die Frage verallgemeinernd – selbstverständlich haben nicht alle Kulturschaffenden etwas gegen das Internet. Aber wenn man als „Internet-savvy“ Mensch in der Kulturbranche arbeitet, kommt man sich manchmal wie ein getigerte Kuh vor. Auch mein Kollege Christian Henner-Fehr vom Kulturmanagement-Blog hat sich die Frage nach der mysteriösen Internet-Ablehnung in der Kulturwelt schon wiederholt gestellt.

Nicht, dass ich jetzt eine Antwort oder eine Lösung für das Problem hätte. Ich bin mir nur mal wieder (immer wieder) bewusst geworden, wie weit dieses schon fast verachtende Desinteresse, diese Ablehnung des Internets als ernstzunehmendes Medium in Kulturkreisen geht. Neulich schickte ich zum Beispiel einem Kunstschaffenden den Hinweis zur Onlineversion eines Artikels, mit der Bemerkung, dass er die gedruckte Version ja erst in ein paar Wochen erhalten würde. Ein Projekt von ihm wurde im Artikel lobend besprochen, und ich dachte, er möchte ihn so bald wie möglich sehen. Seine Antwort: „Herzlichen Dank – ich lese es dann gern, wenn die gedruckte Ausgabe herauskommt.“

Der häufigste Grund für die Ablehnung des Internets in der Kulturwelt ist: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Selbstverständlich geht es bei dieser Aussage nicht um Zeit, sondern um Prioritäten. Das Internet ist irgendwo weit, weit unten auf der Prioritätenliste. Ich versuche niemanden mehr zu bekehren. Ich sage nur: Es ist schade. Schade für alle, die sich nicht rechtzeitig mit dem Medium vertraut machen – oder sich sogar einen Vorsprung erarbeiten im Umgang mit ihm –, auf das sie irgendwann angewiesen sein werden.


> unkultur: Der Myspace-Zwang

2008-06-26

Mein Widerstreben gegenüber dem Aufhängen von Bildern

Von unkultur @ 19:09 [ Erdungsgarnitur ]
Ein eher sperriger Titel, aber wie soll ich es sonst umschreiben? Seit über einem Jahr stehen und liegen in meiner Wohnung diverse Bilder, die mir eigentlich gefallen und die ich gern aufhängen möchte. Zum Teil bereits fixfertig im Wechselrahmen.

Als mildernder Umstand für meine Verzögerungstaktik kann gelten: Meine Wohnung bietet nicht die optimalen Voraussetzungen. Zu viele Dachschrägen dort, wo senkrechte, behängbare Flächen sein sollten. Zu wenige senkrechte Flächen überhaupt.

Aber das sind Ausreden; wenn ich wirklich wollte, könnte ich problemlos Platz schaffen. Der Grund – ich bin nun schonungslos mit mir – ist ein anderer: Wenn ich sie mal aufgehängt habe, dann sind die Bilder plötzlich so endgültig. Nicht mehr frisch. Nicht mehr eindringlich (befürchte ich). Ich habe Angst, sie würden verblassen, obwohl sie das natürlich auch tun, wenn sie auf dem Boden stehen. Aber verblassen im übertragenen Sinn.

Auch hasse ich Spuren von Nägeln in weissen Wänden, und ich hasse es, diese Spuren zuzustopfen und zu übermalen. Und um nochmals zum unangenehmen Gefühl der Endgültigkeit zurückzukommen: Es ist dasselbe Gefühl, das mich beschleicht, wenn ich mir vorstelle, ein Haus zu besitzen. Zuviel Ballast.


(Was ich übrigens schon immer wissen wollte: Ist im Deutschen der korrekte Ausdruck „Bilder aufhängen“ oder „Bilder hängen“?)

2008-06-22

Warum Kultur der neue Sport ist

Von unkultur @ 09:21 [ Erdungsgarnitur ]
Viele Leute hierzulande sind schon vor Ende der Euro euromüde. Müde, weil sie merken, wie emotional anstrengend das Mitfiebern, die dauernden Enttäuschungen und Entscheidungen für einen neuen persönlichen Favoriten sind. Müde, weil sie feststellen, dass danach nichts bleibt. Ausser einen Berg von zu entsorgenden Abfällen, derer man sich mithilfe ihrer Steuergelder entledigt.

Die seichten, von Karteikarten abgelesenen Sprüche der Kommentatoren am Schweizer Fernsehen gestern Abend – etwa „Die Russen haben unglaublich viel Energie, sie werden ja auch von einem Energiekonzern gesponsert, harhar“ – dürften Vielen den Rest gegeben haben.

Wir sind euromüde – Kultur, spring’ in die Bresche! Werde der neue Sport!

Die Vorzüge der Kultur sind mannigfaltig:

1) In der Kultur herrscht kein Bierzwang. Auch andere Getränke werden geduldet.
2) Kulturfans produzieren weit weniger Abfall als Sportfans und sind somit umweltschonender.
3) Beim Kulturkonsum werden mehr Kalorien verbrannt als beim Sportkonsum.
4) In der Kultur gibt es zwar auch unfaire oder unfähige Schiedsrichter, aber das subjektive (Gegen)urteil des einzelnen Zuschauers gilt ebenso und wird, wenn der selbsternannte Schiri sich als kompetent und konstant erweist, auch wahrgenommen.
5) Einen Dresscode gibt es zwar in der Kulturwelt auch, aber er wird nicht offiziell ausgesprochen. Wer sich ihm also widersetzen will, der spiele den fröhlichen Ignoranten.
6) Die Kulturlobby steckt noch in den Kinderschuhen und ist daher noch nicht beängstigend.
7) Alles, was sich in der Kultur nicht an die Spielregeln hält, ist herrlich subversiv, Subkultur pur oder sogar – das höchste Lob – Unkultur.
8) Unsportlichkeit ist ein Makel – Unkultur ist ein Gütesiegel.
9) Kürzt man Kultur um eine Silbe, wird es zum Kult – Sport wird zum Nichts.
10) Gefühlsausbrüche werden zwar in der Kulturwelt gern gesehen, aber auch der stille Geniesser wird nicht als Muffel verschrien.

Bestimmt gibt es noch weitere Gründe. Vorschläge von unkultur-Lesern sind willkommen!


> Verrückte Story über Fussball und Kultur beim Kulturblogger

2008-06-18

Manche Dinge verpasst man leichten Herzens – manche nicht

Von unkultur @ 23:57 [ Kluturbanause ]
An einem lauen Sommerabend speist unkultur in einem pakistanischen Restaurant in Paris und macht eine himmlische Entdeckung: Kulfi. Kardamon, Pistache und viele andere Aromen versetzen alle Geschmacksnerven in Ekstase. Eher als nebensächliche Tatsache wird da hingenommen, dass offenbar in der Schweiz gerade ein Wunder geschieht: „Schweiz – Portugal 2:0“, verkündet ein SMS lapidar. Damit kann sich unkultur auch später befassen.

Mit Herzschmerz vernimmt unkultur allerdings am folgenden Tag beim Stöbern in der Buchhandlung „Shakespeare & Company“ an der Seine, dass hier – kaum 200 Meter vom erwähnten Restaurant entfernt – am Vorabend der grosse Lawrence Ferlinghetti zu Gast war. unkultur wusste nichts davon und war folglich nicht dabei - eine Strafe für den hochmütigen Verzicht, am weltbewegenden Fussballereigneis teilzunehmen?

2008-06-10

Exotisches in Berlin: Gebratener Pudding

Von unkultur @ 19:43 [ Literatur/Sprache ]
unkultur lässt sich heute von Blogwiese inspirieren, das täglich Sprachunterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland aufdeckt:

Berlin vorgestern Abend, 33 Grad im Schatten. Wir haben in einem Gartenrestaurant soeben vorzügliches, asiatisch inspiriertes Essen genossen; jetzt geht es zum Dessert, das tatsächlich auch hier Dessert heisst. Der Kellner empfiehlt „gebratenen Pudding“. unkultur blickt ratlos: „Was ist denn gebratener Pudding? Etwa eine Art Crème brûlée?“. Der Kellner verneint indigniert: „Gebratener Pudding eben!“.

Vor unkulturs innerem Auge nimmt ein Engländer einen Pudding und schmeisst ihn in die Bratpfanne. Neugierig bestellt sie die exotische Speise. Sie entpuppt sich als Crema catalana, die einfach himmlisch schmeckt. Mut wird eben belohnt!


P.S. Die Deutschen stossen eine Tür nicht auf, sie drücken sie auf. Jedenfalls suggerieren das in öffentlichen Gebäuden die Schilder, die uns signalisieren, in welche Richtung wir die Tür öffnen sollen. Ziemlich brachial!

2008-06-06

Kunst-Overkill?

Von unkultur @ 00:32 [ Kluturbanause ]
Art Basel und Diplomausstellung ZHdK an ein und demselben Tag – zuviel des Guten?

Nun, an der Art Basel nehme ich die Kunst nicht mehr wahr. Ich registriere nur einen schwammigen Gesamteindruck.
Ich glaube, das Problem heute war, dass irgendjemand direkt neben meinem Ohr eine schwindelerregende Zahl nannte - Zahlen hatten schon immer eine hypnotische Wirkung auf mich. Ich fiel also in eine Trance, während ich mich durch die vollgestopften Räume schleusen liess, sah Fragmente von Gesichtern, Objekten, Bildern, Kleidungsstücken für Sekundenbruchteile sehr scharf; darauf verschwanden sie sofort wieder aus meinem Gedächtnis. Die Leute bewegten sich dicht aneinander vorbei, und trotzdem gab es nirgendwo einen Zusammenprall zu beobachten – es war, als wären wir alle Tänzer, die sich zu lautloser Musik nach den unsichtbaren Regeln einer riesigen Choreographie bewegten.

Kleine Insel der klaren Wahrnehmung: Bei einer Installation roch es intensiv nach Zimt und Kardamon. Kleine Beobachtung: Ich wusste, dass früher die vornehmen Berner allerlei französische Wörter und Ausdrücke in ihre Rede einflochten. Aber dass sie es heute noch tun, ist faszinierend. Beobachtet bei Mutter und Tochter aus gutem Hause, beide in Bluse und Foulard.

An der Finissage der ZHdK-Diplomausstellung wurde ich dann wieder zum Leben erweckt. Jede Betrachtung von Kunst sollte grundsätzlich durch unverkrampfte Gespräche, gut gewürztes Essen und Bier eingeleitet werden. Die Räume im alten Güterbahnhof waren herrlich leer, gaben uns den Raum, uns auf einzelne Werke einzulassen und uns vorzustellen, welche Gedankengänge der Künstler damit verfolgt hatte. Es gab Spielerisches, Ironisches, Verblüffendes, Lebendiges. Wir standen vor einer Reihe von Fotos und bewunderten die selbstbewussten Posen der abgelichteten Männer. Plötzlich schlich sich die Fotografin von hinten an uns heran und flüsterte uns ins Ohr: „Alle von ihnen waren früher Frauen!“

Niemand warf einem im Güterbahnhof einen bösen Blick zu, wenn man auf ein Werk zeigte und krähte: „Das mag ich! Würde es nicht perfekt in mein Badezimmer passen?“. Es gab auch jede Menge Frauen in lila-giftgrün gestreiften Leggings und hellblau-karierten Röcken, die frau hemmungslos schräg anschauen konnte. Da war unkultur wieder ganz in ihrem Element.


> Über den Besuch der Kunstszene Zürich im Januar
> Übers letztjährige ZHdK-Sommerfest mit Diplomausstellung

2008-06-02

Die heimlichen Sieger in St. Gallen

Von unkultur @ 10:25 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Samstagabend in der Grabenhalle in St. Gallen. Beim grossen Schweizer Best of Slam gab’s wieder mal heimliche Sieger. Klar waren die üblichen Verdächtigen, Gabriel Vetter, Ato Meiler, Simon Libsig, Renato Kaiser und Lara Stoll – na eben, toll. Aber da ich ihre Texte schon etwas zu oft gehört habe, konzentriere ich mich diesmal auf ein paar Slampoeten, die nicht viele Schlagzeilen machen, mich aber überzeugt haben:

4. Dari Hunziker: Durchdachter, gut aufgebauter Text mit der richtigen Prise Humor und Dramatik. Die Frau kann texten, und sie kann performen. Etwas überkandidelt, aber das gehörte wohl zum Auftritt.

3. Elsa Fitzgerald: Ihren Text hörte ich zwar zum drittenmal, aber er ist einfach köstlich. Die lächerliche Polizei, die mickrigen Autonomen, und mittendrin „s’Gabi“, das sich resolut um seine eigenen Probleme kümmert.

2. Das 6 Titten Team: Ich überlege hin und her, ob der Special Effect – die frech gelüpften T-Shirts – überflüssig war, weil er von der genialen Performance ablenkte. Auch wenn er gut reinpasste. Wie auch immer, ein 1A-Auftritt: Gut einstudierte Dramaturgie, unheimliche Momente, dann wieder selbstironisch und unbeschwert.

1. Patrick Savolainen: Für mich die grosse Überraschung des Abends. Ihn hatte ich nie zuvor gehört; warum? Sein Text war Poesie pur. Nachdenklich, witzig, mit raffiniertem Textrhythmus und eindringlichen Bildern. Danke, Patrick Savolainen, für den schönsten Moment des Abends.