unkultur ist bekanntlich
pro Strichpunkt und
contra Ausrufezeichen – speziell contra Ausrufezeichen in Titeln. Aber hinter diesen Titel gehört ein Ausrufezeichen.
Es ist nicht so, dass das
Interview von Anuschka Roshani im TagiMagi mit dem grauenhaften Titel „Frauen haben das falsche Beuteschema“ das Schlimmste war, was ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen habe. Im Gegenteil, der interviewte Stefan Woinoff sagt ein paar Dinge, die gar nicht so dumm sind.
Aber die Menge der anmassenden, dümmlichen, halbschlauen, gedankenlosen und mitläuferischen Artikel und Bücher zum Thema „Mann – Frau – Beute – Jäger“ berechtigt mich zu einem masslos ungerechten Urteil. Es berechtigt mich dazu, all diesen Schwachsinn in einen Topf zu werfen. Ich will keine solchen Artikel mehr sehen! Das ist ja schlimmer, als von Sektenanhängern bedrängt oder von Marktforschungsinstituten drangsaliert zu werden!
Ich bin zufällig eine Frau. Na und? Zufällig bin ich körperlich etwas anders als die Männer und vielleicht seelisch etwas anders gewickelt als viele Männer, aber zuallererst mal bin ich ein MENSCH, dann vielleicht privilegierte weisse Mitteleuropäerin, aus protestantischer Mittelschichtfamilie, überhaupt „mittel“ in vielerlei Hinsicht, Wahl-Bergkind, überzeugte Stadtbewohnerin, Atheistin, Internet-Freak, überzeugte und masslose Verschlingerin von Büchern und schwarzer Schokolade – und irgendwann, nach einer langen Liste von Attributen, bin ich eine Frau und kein Mann.
Ich bin weder Beute noch Jägerin, ich bin weder neurotisch noch langweilig, ich bin weder typisch noch atypisch. Ich will nicht mehr lesen „die Frauen sind…“, „die Männer sind…“. Ich will nichts mehr über Höhlenbewohner hören. Wir haben die Höhlen, das Mittelalter, die Aufklärung und den zweiten Weltkrieg hinter uns. Wir haben uns mit anderen Dingen herumzuschlagen.
Alles, was ich gut können will, kann ich genauso gut wie ein Mann, wenn nicht besser; ich will das aber nicht dauernd feststellen müssen. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Falls ich – was höchst selten vorkommt – das Gefühl habe, ich wäre auf Grund meines Geschlechts benachteiligt, dann kämpfe ich dagegen.
Die meisten Männer, die ich kenne, sind weder Machos noch weichgespülte Männer und haben auch keinen psychischen Knacks, weil sie mit ihrer ach so schwierigen Rolle des „neuen Mannes“ nicht zurechtkommen würden. Es gibt keinen neuen Mann; es gibt nur einen Mann, der aus den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen das Beste macht, und so war es schon immer.
Die meisten Frauen, die ich kenne, haben es schwer im Leben – wie auch die Männer –, unter anderem deshalb, weil so viele Anforderungen an sie gestellt werden. Und weil sie selbst so viele Anforderungen an sich stellen. Hatten wir es jemals nicht grundsätzlich schwer im Leben? Waren wir jemals nicht überfordert? Jede Generation hat ihre Überforderung. In unserer Zeit sind es halt die vielen verschiedenen Rollen, die wir uns abverlangen.
Die meisten Frauen, die ich kenne, kommen ganz gut zurecht damit, Karriefrau und Partnerin und was auch immer zu sein, ohne darüber gleich in eine Krise zu stürzen. Schon immer hatten alle Menschen männliche und weibliche Anteile in sich, nur wurde noch nie so viel Aufhebens darum gemacht. Wir müssen heute um die Zukunft der Menschheit auf diesem gebeutelten Planeten bangen. Wir stehen einer grossen Ungewissheit gegenüber angesichts der nächsten Völkerwanderung. Was kümmert uns da die banale und nichtige Frage, ob wir genau die richtige Balance zwischen „männlich“ und „weiblich“ hinkriegen?