2008-03-29

Künstlerversteher

Von unkultur @ 17:38 [ Kluturbanause ]
Wer die Künstler am ehesten versteht, das sind oft die Leute hinter den Kulissen, z.B. in der Musik die Techniker. Aber die hängen es nicht an die grosse Glocke. – Posaunt dagegen ein Agent oder Kulturmanager in die Welt hinaus, er würde Künstler verstehen, erfüllt mich das mit grossem Misstrauen. (Als Frau möchte ich ja auch nicht von einem „Frauenversteher“, sondern von einem Mann bzw. Menschen verstanden werden).

Diese Kollegen haben ein verdrehtes Verständnis ihres Berufsbildes – wir Kulturmanager sollen nämlich Künstler gar nicht verstehen. Wir sollen höchstens verstehen, wie sie funktionieren; was sie erreichen wollen. Aber wenn wir sie in ihrem Kern verstehen würden, würde uns das bei unserer Arbeit nur behindern.

Solange die Sprache der Künstler eine gut beherrschte Fremdsprache bleibt, können wir von ihr in die Sprache anderer Menschen (Veranstalter, Galeristen, Journalisten, Finanzpartner, Publikum) übersetzen und umgekehrt. Wäre sie jedoch unsere Muttersprache, würden wir andere dazu bekehren wollen, sie ebenfalls zu übernehmen.

> unkultur über die Aufgaben der Kulturmanager

Eindrücke leben weiter als Wörter und Wortkreationen

Von unkultur @ 17:24 [ Literatur/Sprache ]
unkultur war kaum je zu Hause, um die Erlebnisse der letzten Zeit zu dokumentieren – nur ein paar Wörter bzw. Wortkreationen haben sich in ihrem Kopf festgesetzt.

Das Verb gnomen. Sollte ich es patentieren lassen? Es fiel mir spontan zu während eines Konzerts, bei dem einer der Musiker – klein und bartbewehrt – im Zentrum der Bühne ständig vornübergebeugt an verschiedenen Instrumenten und Lauterzeugungsobjekten herumhantierte und sich dabei ununterbrochen im Rhythmus der Musik hin- und herwiegte. Ein schlaues Lächeln schien auf seinem Gesicht zu liegen. Er gnomte während des ganzen Konzertes herum, auf und ab, vor sich hin.

Effortless“ kam mir in den Sinn an einem Konzert, das ich ansonsten eher langweilig fand. „Effortless“ war hingegen die Stimme der Sängerin, und das meine ich als Kompliment. Ich musste danach lange nach dem deutschen Wort suchen. „unangestrengt“? Klingt allerdings leicht verkrampft, das Wort…

2008-03-23

Nächtliche Herausforderung

Von unkultur @ 09:39 [ Erdungsgarnitur ]
Welchen Gesichtsausdruck soll eine Interviewerin aufsetzen, wenn – nach einem langen Arbeitstag wohlgemerkt – um 1 Uhr früh ihr Interview-Gegenüber über jambische Pentameter zu referieren beginnt, in einer Fremdsprache wohlgemerkt? Was, wenn sie den lässigen „Natürlich weiss ich, wovon Du sprichst, hatte das mal kurz vor der Matur zwischen zwei geschwänzten Stunden“-Gesichtsausdruck nicht mehr hinkriegt?

2008-03-21

Was ist bloss in Hanif Kureishi gefahren?

Von unkultur @ 13:59 [ Literatur/Sprache ]
„The Black Album“, ein meisterhafter Roman: Schon dort hat Hanif Kureishi seine Figuren sehr extrem, z.T. überzeichnet dargestellt, aber trotzdem glaubwürdig.

Von seinem neusten Roman „Something to tell you“ bin ich aber masslos enttäuscht: Die Gestalten in dem Buch verkommen zu einer Freakshow, weil er sich nur noch darauf konzentriert, sie möglichst grell darzustellen. Die psychologischen und gesellschaftlichen Beobachtungen, die immer noch da sind, haben dadurch an Sorgfalt und Schärfe verloren. Hanif Kureishi scheint nur noch auf eine peinliche Weise seine Nachfolgerin Zadie Smith nachzuahmen, die ihn in jeder Hinsicht längst überflügelt hat. So wird er sie nicht mehr einholen.

Zu meinem negativen Urteil trägt wohl die Tatsache bei, dass ich das Leseexemplar in der deutschen Übersetzung erhielt („Das sag ich dir“) und es dann in dieser Sprache las, obwohl ich englische Bücher sonst in der Originalsprache lese. Leider ist die Übersetzung unglaublich schlecht. Schade, dass ich mir keine Beispiele notiert habe, aber da wurden Anfängerfehler gemacht…

Nachdem ich mir überlegt hatte, das Buch wegzulegen, las ich es trotzdem zu Ende. Es war unterhaltsam, mehr nicht.

Darüber hinwegtrösten wird mich wahrscheinlich Siri Hustvedt. Nach den ersten 30 Seiten ihres neuen Romans „The Sorrows of an American“ freue ich mich aufs Weiterlesen. Auch hier geht es um einen Psychiater (bei Kureishi ist es ein Psychoanalist), der sich nach einer langjährigen Beziehung von einer Frau getrennt hat, sich mit dieser neuen Situation und mit seiner Herkunft auseinandersetzt. Aber wie viel differenzierter und abgründiger geht sie das Thema an! Ich bin gespannt, ob sie an das grandiose „What I Loved“ anknüpfen kann.

2008-03-17

Haruki in Lissabon oder Die wilde Entschlossenheit, einen Bestseller zu machen

Von unkultur @ 12:54 [ Literatur/Sprache ]
Lissabon ist die Stadt der vielen antiquarischen Buchhandlungen. In Lissabon lässt sich in kommerziellen Buchhandlungen aber auch der unbedingte Wille erkennen, einen Bestseller zu machen – mit mehreren mannshohen „Stelen“, die niemand übersehen kann:



Diese Werbung findet sich übrigens in mehreren Buchhandlungen, die zu unterschiedlichen Ketten gehören. Die Konkurrenz inspiriert in diesem Fall nicht zu Kreativität; im Gegenteil. Ich frage mich, ob diese aufdringliche Werbung nicht kontraproduktiv wirkt und vielen Leuten die Lust, Haruki Murakamis Buch zu kaufen, vergällt.


> unkultur über Haruki Murakami

2008-03-10

Dekonstruktion ist hip

Von unkultur @ 22:29 [ Erdungsgarnitur ]
Ceci n’est pas une pipe – La Suisse n’existe pas – I’m not there…



Ach ja, Dekonstruktion ist eine coole Sache und zieht Publikum an. Auch ich konnte mich nicht widersetzen – und der Film I’m Not There hat mich in seinen Bann gezogen. Zum ersten Mal habe ich den Song Ballad of a Thin Man bewusst wahrgenommen. Dann Dutzende von unterschiedlichsten Interpretationen des Songs gegooglet. Aber meine eigene Wahrnehmung bleibt dieselbe: Da bewegt sich jemand – Mr. Jones, Du, ich? – in einer Gesellschaft und wird den Durchblick niemals haben: Werden wir dauernd übers Ohr gehauen? Was geht vor sich? Was wird von uns erwartet? Sind alle anderen verrückt oder sind wir es? L'enfer, c'est les autres. Bildlicher, surrealer und schöner als in Ballad of a Thin Man kann man es kaum ausdrücken.


> Replik von Glaukothyr

2008-03-09

Origami-Girlanden auf dem Friedhof Sihlfeld

Von unkultur @ 12:37 [ Standortvorteil ]
Zum gestrigen Tag der Frau gab es eine Führung durch den Friedhof Sihlfeld, während der hauptsächlich auf die bekannten Frauen eingegangen wurde, die dort begraben liegen. Am auffälligsten präsentierte sich aber das Grab von Henri Dunant: Unzählige farbenfrohe Papiergirlanden schmücken es (auf dem Bild ist nur ein Teil davon zu sehen). Von den Friedhofskundigen liess ich mir erklären, diese würden jeweils von japanischen Bewunderern zurückgelassen.


Haltbarer als Blumen: Origami-Girlanden

2008-03-08

Ein Traum (Verwirrte Welt) (2)

Von unkultur @ 11:23 [ Dada (im Alltag) ]
Ich führe ein Geschäft mit Blogger-Artikeln an bester Lage, am Rennweg glaube ich. Ich handle mit Gerüchten, Beschimpfungen, Niederträchtigkeiten, Verleumdungen, ja ausgewachsenen Verleumdungskampagnen.

Mein Blogger-Kollege Moritz L. betritt das Geschäft. Interessiert mustert er die Verleumdungskampagnen in den Regalen. Dann fragt er mich: „Habt Ihr auch Wahrheitstests?“. Ich rümpfe die Nase: „Solche Dinge verkaufen sich schlecht. Obwohl… Gestern ist eine Lieferung mit neuartigen Wahrheitstests eingetroffen. Schauen Sie, hier. Man muss in dieses Röhrchen blasen. Auf der Anzeige erscheint dann der Wahrheitsgehalt der zuletzt gemachten Aussage in Promille“. Moritz L. ersteht den Wahrheitstest und verabschiedet sich zufrieden.

Kurz darauf stürmt Michèle Roten in den Laden. „Schliess den Laden und komm mit!“, befiehlt sie: „Wir demonstrieren! Gegen Mobility!“. Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. „Gegen Mobility?“. – „Ja! Ist es nicht heuchlerisch, nicht zu seinem Offroader zu stehen? Immer mit einer ganzen Mobility-Flotte zu prahlen und das Gefühl zu haben, man sei etwas Besseres?“. – „Tut mir leid, aber Du musst alleine weiterdemonstrieren; ich habe hier zu tun. Muss noch 50 virtuelle Messer wetzen, für eine Bestellung.“

Verständnislos verlässt sie das Geschäft. Keine Minute später kommt ein komischer Kauz mit Schnauz herein und verkündet: „Ab sofort herrscht die Diktatur der Kunst! Dieser Laden wird geschlossen!“. Ich entgegne höflich: „Sie irren sich. In diesem Laden herrscht die Diktatur der Unkultur, und ganz allgemein haben wir ab heute eine Diktatur der Frauen“. Der Mann ist total verwirrt; ich nutze das aus, um ihm einen Blogger-Artikel namens Image-Ruin Hinterrücks aufzuschwatzen. Dann entlasse ich ihn wieder in den Rennweg.

Eine einsame Fliege grummelt im Schaufenster vor sich hin. Ich beschliesse, ein Nickerchen zu machen.

2008-03-05

Ein Traum (Verkehrte Welt)

Von unkultur @ 22:24 [ Dada (im Alltag) ]
Ich stehe an der Tramhaltestelle am Stauffacher. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Penner auf einer Bank sitzen. Ich gehe zu ihm, lächle ihn an und frage: „Bruuchsch en Schtutz?“. Ich schlendere in eine nahegelegene Galerie, wo gerade eine Vernissage stattfindet. Forschen Schrittes trete ich durch die Tür, durchmesse den Raum und verlange unverzüglich Prosecco und Häppchen, denn ich möchte nicht zu viel von meiner wertvollen Zeit vergeuden.



Zuerst nehme ich mir vor, alle Anwesenden zu ignorieren. Alle sind sehr stylish angezogen. Allerdings nicht im Vergleich zu mir, denn ich sehe aus wie eine Mischung aus Miranda July und den Leuten, die Playlust jeweils portraitiert. Dann erspähe ich eine potentielle Sponsorin und entscheide mich, doch mit jemandem zu sprechen. Ich gehe auf sie zu und sage höflich: „Ich bewundere Ihre finanzielle Kreativität!“. Sie zieht eine elegante Augenbraue hoch, nimmt mit einer geschmeidigen Bewegung zwei Hosomaki-Sushi vom Buffet und klatscht mir je eins auf beide Wangen. Es fühlt sich angenehm kühl an.

Ich trete zu einem Kulturjournalisten, der in der Nähe steht. Er sagt bewundernd: „Sehr origineller Gesichtsschmuck!“. Pius Knüsel nähert sich uns und räuspert sich. Er möchte etwas sagen, aber offensichtlich fehlen ihm die Worte. In diesem Augenblick regt sich mein Geist im Hintergrund und droht die Situation als Traum zu entlarven, denn irgendetwas kann hier nicht stimmen. Aber noch träume ich weiter.

Durch die Hintertür verlasse ich die Galerie und befinde mich in der Langstrasse. Ein Polizist spricht mich an: „Sie haben etwas verloren!“. Er deutet auf die beiden Hosomaki-Sushi, die am Boden liegen. Ich antworte: „Nein, das ist Instant-Kunst! Berühren Sie das Kunstwerk nicht, sonst werden Sie zu einem Teil davon!“. Er tritt erschrocken einen Schritt zurück und stösst mit einer alten Frau zusammen, die zu keifen anfängt. Ich gehe weiter, befreit, beschwingt.

2008-03-01

Das Google-Denkschema

Von unkultur @ 18:08 [ The Web ]
Während ich dies am Schreiben bin, kaufe ich ein Album im iTunes Store: Mike Ladd & Vijay Iyer, „In What Language?“. Ich habe einige Minuten mit Stöbern verbracht, mir ein paar Fetzen Musik und Spoken Word angehört, das Profil von Mike Ladd überflogen, und mir war klar: Das kaufe ich. Während des Lesens/ Hörens hat mein Gehirn einzelne Wörter und Klänge herausgefiltert, zusammengesetzt und in eine ganz bestimmte Kategorie abgelegt, die unter anderem die Kennzeichnung „gefällt mir/mein Stil“ trägt. Ich weiss schon jetzt, dass dies ein Album ist, das ich mir sehr oft anhören werde.

Früher hätte ich für diese Entscheidung viel länger gebraucht. Ich hätte mehrere Artikel über Mike Ladd gelesen; irgendwann wäre ich in einen CD-Laden gegangen und hätte mir mehrere Songs/Stücke ausführlich angehört.

Man könnte mein Vorgehen beim Auswählen von Musik mit einem Dienst wie pandora.com, lastfm.de oder auch Amazon vergleichen. Aber das ursprüngliche Denkschema, das dahinterliegt, findet sich bei Google.

Irgendwer hat mal geschrieben, wir würden heutzutage wie eine PowerPoint-Präsentation denken. Ich aber sage, wir funktionieren einen Teil unseres Gehirns zu einer Google-ähnlichen Maschine um: Wenn ich beispielsweise Musik suche, die mir gefällt, dann funktioniere ich, als wäre ich Google und irgendjemand würde verschiedene Suchbegriffe eingeben. Unzählige Begriffe treiben virtuell in meinem Gesichtsfeld herum; ich greife mir blitzschnell diejenigen heraus, die zum Gesuchten passen, sozusagen diejenigen mit einem „+“ vor dem Suchbegriff, dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

Bedrohlich? Ich nehme es als Tatsache hin und versuche, es für mich zu nutzen. Früher war man schnell, wenn man gut querlesen konnte; heute verschlagwortet man Gehörtes, Gesehenes und Gelesenes noch viel schneller. Früher wandelte man durch Nachdenken Wörter in Assoziationen um; heute arbeitet man mit viel öfter mit den „unverdauten“ Wörtern.

Oberflächlich? – Vielleicht; aber glücklicherweise gibt es noch die Diskussion. Damit die anderen Diskussionsteilnehmer unsere Gedankengänge nachvollziehen können, müssen wir die Schlagwörter wieder in eine zusammenhängende Form bringen und sie verständlich formulieren. So ist die Gefahr gebannt, dass jeder von uns in seinem selbstgeschaffenen kleinen Google-Universum davondriftet.


> Mike Ladd tritt am 22. März mit Leo Tardin & Grand Pianoramax im Moods auf