Balanceakt Theatersport
Neulich war ich mal wieder an einer Theatersport-Veranstaltung – genauer am
7. internationalen Theatersport Festival im
Miller’s Studio –, und es hat sich gelohnt. Meine Lachmuskeln im Gesicht und im Bauch ächzen noch heute.
Bild von der Website des EIT.
Es gibt kaum eine künstlerische Ausdrucksform, die dermassen spontan und ungeschminkt ist und den Auftretenden so wenig Vorbereitung gewährt. Bei improvisierter Musik wird den Musikern keine kurzfristige Aufgabe gestellt – sie können sich also auf Abläufe verlassen, die sie schon oft miteinander durchgespielt haben. Und an
Poetry Slams / Spoken Word Veranstaltungen wird längst nicht mehr improvisiert.
Natürlich greifen auch beim Improvisationstheater die Schauspieler immer wieder auf ihr Repertoire an Ausdrucksmitteln zurück. Kurze Momente der Ratlosigkeit werden mit quietschenden Türen (sehr beliebt), bohrenden Blicken und ruckartigen Bewegungen elegant überbrückt. Mitreissend werden die Szenen aber stets dann, wenn in äusserster Not auf absurde, waghalsige Ausdrucksmittel oder Wendungen zugegriffen wird. Unwillkürlich kommen uns die spontanen Theateraufführungen unserer Kinderzeit in den Sinn.
Hier liegt die grosse Anziehungskraft, aber gleichzeitig auch die Schwierigkeit
von Theatersport-Veranstaltungen. Dünn ist die Linie zwischen herrlichem, dadaistischem Ausdruck und stumpfem Geblödel, zwischen gekonnter Konfusion und traurigem Chaos. Hut ab vor den Gruppen, die diese Herausforderung annehmen!
An diesem Abend kam den Schauspielern der verschiedenen internationalen Gruppen das Element der babylonischen Sprachverwirrung zugute. Es liess sich sehr reizvoll einsetzen.
Das einheimische Team, das Eidgenössische Improvisationstheater (E.I.T.), wird bereits ab März wieder im Kampf gegen ausländische Gruppen im Miller’s Studio zu beobachten sein. Und im Papiersaal mit "Nackt".Der Myspace-Zwang
Wenn ich an professionelle Online-Netzwerke denke, fallen mir beispielsweise
LinkedIn oder
XING ein.
Facebook gehört ganz bestimmt nicht dazu – nach den ersten Vampirbiss-Einladungen habe ich mein Profil gelöscht –, und
Myspace eigentlich auch nicht. Werden also Musiker pauschal als nichtprofessionelle Wesen abgestempelt? Denn von ihnen wird erwartet, über ein Myspace-Profil zu verfügen, auf dem ihre Musik vor sich hindudelt und das möglichst viele alberne Sprüche von überflüssigen unbekannten Freunden aufweist. In letzter Zeit höre ich immer wieder die Klage von Musikern, sie hätten es satt, ihr Profil auf einer hässlichen Plattform im Schuss zu halten, statt in eine wirklich attraktive Website zu investieren.
Trotzdem hat noch keiner von ihnen zu einem Myspace-Boykott aufgerufen. Denn die Geldquellen sind es, die von ihnen Myspace-Profile erwarten: Produzenten, Veranstalter, Fans. Also wird Myspace als notwendiges Übel unserer Zeit hingenommen wie das tägliche Fahren im vollgestopften, stinkenden und bakterienverseuchten Bus oder die Anrufe von Marktforschungsinstituten. Spass machen kann das fröhliche Kreuz- und Querkommentieren und das Versenden und Erhalten von Smalltalk-Nachrichten nämlich längst keinen mehr.
> Kulturmanagement-Blog: Lassen sich mit Hilfe von Blogeinträgen mehr CDs verkaufen?
> Ein Hoffnungsschimmer? Blog „Beobachtungen zur Medienkonvergenz“: Warum Amazon.com wichtiger ist als Google, eBay, Facebook und und iTunesDie Urenkel der Haidamaken oder: Volksmusik muss intellektuell sein
Die ukrainische Band
Haydamaky spielte gestern Abend im gerammelt vollen
Moods einen mitreissenden Mix aus Ska, Dub, Funk und verschiedenen Volksmusik-Einflüssen (oft zusammengefasst als „Karpaten-Ska“). Die weitausgebreiteten tätowierten Arme von Frontmann Oleksandr Yarmola schienen uns sagen zu wollen: Wir sind alle Brüder! Denn tatsächlich wollte er uns etwas zu verstehen geben; eine politische und soziale Botschaft. Aus akustischen Gründen – und weil sein Englisch etwas schwierig zu verstehen war – bekam ich zwar mit, dass er sehr viel Wert darauf legte, dass Volksmusik intellektuell sein müsse. Aber die Erklärung, weshalb das so sei, entging mir.

Bild von der
Website von Haydamaky
Ich suchte daher im Internet nach der Botschaft von Yarmola, und ich wurde in einem Interview auf
keletizene.de fündig:
„Verständigung ist uns schon deshalb wichtig, weil es doch mitunter vorkommt, dass wir und andere osteuropäische Folkbands auf die Dreifaltigkeit Wodka-Polka-Party reduziert werden - das ist uns etwas zu einfältig...Es gibt viele wichtige Dinge in der osteuropäischen und ukrainischen, polnischen und belorussischen und der Kultur des Balkan, die wir gern vermitteln möchten - wesentlich mehr als das Klischee vom Wodka trinken im Unza Unza -Rhythmus oder der Bier & Balalaika-Seligkeit...“
Oleksandr Yarmola in einem Interview für rockradio.de und keletizene.de
Aber was genau möchte er vermitteln? Er möchte, dass die Welt besser wird. Dass die Menschen frei sind. Dass es keinen Krieg mehr in der Welt gibt. Alles edle, aber sehr universale und somit etwas beliebige Wünsche. Welchem politischen und kulturellen Hintergrund entspringen sie?
Haydamaky, das ist Musik der Aufständischen: Haidamaken nannte man die Bauern und Kosaken im ukrainischen Bauernaufstand gegen die Feudalherrschaft im 18. Jahrhundert. Die nach ihnen benannte Band wurde kurz nach der Erlangung der ukrainischen Unabhängigkeit gegründet; ihre Mitglieder glaubten daran, dass Musik in der Gesellschaft etwas bewegen konnte. Haydamaky engagierte sich auch in der „Orangen Revolution“ im Jahr 2004.
Hätten wir die Musik anders wahrgenommen, wenn wir das alles gestern Abend gewusst hätten?
(Warum genau Volksmusik intellektuell sein muss, weiss ich allerdings noch immer nicht.)
> Kostprobe der Musik auf dem interessanten Blog „Krusenstern“Die Wirkung der Marke »Che« nicht unterschätzen
Die republikanisch gesinnten Blogger stürzen sich auf jedes bisschen Information, das Obama schaden könnte. Nachdem sie den Vorwurf äusserten, Obamas Beraterin
Samantha Power sei antiisraelisch eingestellt, empören sich seit gestern mehrere Blogger über ein grosses Portrait von Che Guevara und eine kubanische Flagge, die
in Obmas Wahlkampfbüro in Texas hängen. Obama hat offenbar die Macht der Marke »Che« unterschätzt...
Dass er die Hand nicht aufs Herz legt, wenn die Nationalhymne ertönt, ist mir übrigens sehr sympathisch.
Der Reiz des Unexotischen
Zweimal in den letzten Tagen konnte ich an mir selbst wieder diesen seltsamen Reflex beobachten: Beim Lesen der Bücher von
Petra Ivanov (Krimis, die in Zürich spielen), und beim Schauen des
Films „Der Freund“ von Micha Lewinsky. Sobald sich die Figuren auf Schauplätzen bewegten, die ich kannte, kam diese unerklärliche Freude in mir auf. Ich kann nicht genau beschreiben, woraus sie besteht. Heimatliebe? Zu einfach. Viel eher das Gefühl, dass ich mich in
dieser Stadt bewege, und um mich herum, direkt hinter mir, dort drüben, in einer Art Parallelwelt spielen sich die Ereignisse des Buchs / des Films ab.
Das Einjährige / Veränderungen
In wenigen Tagen feiert unkultur das einjährige Jubiläum. Ich weiss, andere Blogs können auf mehrere Jahre zurückblicken, aber ein Jahr konstant bloggen ist schon mal ein guter Anfang, daher die Feierstimmung!
Der richtige Zeitpunkt, um eine Veränderung anzukündigen: Ab dem 13. Februar – dem Jahrestag – wird hier nicht mehr wie gewohnt 4-5mal pro Woche gebloggt, sondern nur noch 1-2mal.
Ich, unkultur, würde ja gerne in hoher Frequenz weiterbloggen, aber die Person aus Fleisch und Blut, die hinter mir steht, pfeift mich aus zwei Gründen zurück:
1) Sie hat ein randvolles Pensum wie schon lange nicht mehr:
1 80%-Job mit Herzblut + 1 spannender 20%-Job (in Kürze, wahrscheinlich)
+ 1 Kulturprojekt (%-Zahl unbekannt) + 1 regelmässige journalistische Verpflichtung + 1 Weiterbildung + 1-2 Engagements in Netzwerken. Plus die Überreste eines Soziallebens und einiger Hobbies. Und natürlich unkultur.
2) Obwohl die Besucherzahlen des Blogs seit dem Start kontinuierlich auf über 13'000 pro Monat stiegen, gab es in letzter Zeit nicht mehr so viele Reaktionen wie auch schon. Das kann an einem sinkenden Bedarf für die immergleichen Themen oder an einer Qualitätsminderung des Blogs liegen – so oder so ist es das Signal dafür, vorübergehend die Aktivität herunterzuschrauben und sich ein neues Vorgehen zu überlegen.
unkultur wird erhalten bleiben, ob in dieser Form (vorläufig auf jeden Fall) oder in Form eines andern Blogs, das wird sich herausstellen. Ich danke allen Blogger-Kollegen, Kommentatoren, aktiven und passiven Lesern für ihre Kommentare, Anregungen und Kritik während des vergangenen Jahres!
Gotteslästerliches und ausgestochene Augen
Weshalb dieser Titel? Nun, beim Poetry Slam im
Stoffwechsel, dessen Sieger
Christoph Simon vor knapp zwei Stunden die Krone aufgesetzt bekam, wurden sowohl Gotteslästerliches als auch ausgestochene Augen auffallend häufig thematisiert. Diese profanen Gegenstände sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Niveau der zehn Slampoeten hoch war. Die heimliche Heldin des Abends, die leider wegen eines schwächeren zweiten Textes nicht das Finale erreichte, war
Lara Stoll.
Vielversprechend, dass Lara Stoll an ihren U20-Siegertext anknüpfen kann und weiterhin Slam Poetry vom Feinsten präsentiert – überschäumend mit absurder Phantasie, in präzisen Worten ausgedrückt und gekonnt ans Publikum gebracht. Während die beiden Finalisten entweder bei der Performance (Christoph Simon) oder bei den Texten (Frédéric Zwicker) mit Schwächen kämpfen, bewies Lara Stoll mit der beeindruckenden Leistung ihre ersten Auftritts, dass bei ihr beide Elemente – Text und Perfomance – gleich ausgeprägt sind. – Zwischen den Runden tischte uns einer der "Stoffwechsler", der versierte Slampoet
Simon Libsig, einen seiner augenzwinkernd-salbungsvollen Slamtexte auf.
Atmosphäre im
Stoffwechsel in Baden schufen auch das zum Bersten volle Kellergewölbe, die Bar und das moderierende
Duo Liebestoll – Letzterem muss selbst
unkultur als Anhängerin von Ko Bylanzky und Rayl Patzak ihre grosse Anerkennung aussprechen. Einzige Schwäche: Die Jury war zu klein; das Urteil fiel tendenziös aus. Abgesehen davon: Zum Wiederbesuchen. (Tipp: Es gibt genau 60 Plätze, knapp die Hälfte davon sind Sitzplätze. Unbedingt Tickets vorbestellen!
unkultur musste für ein Ticket an der Abendkasse wie ein Löwe kämpfen.)
> unkultur-Eintrag: Laurin Buser vs. Christoph SimonIntegrierte Entsorgungskultur mit Zwischenlagerung und Jöö-Effekt
unkultur sitzt am See und lässt sich die Sonne auf die Nasenspitze scheinen. Neben ihr eine Gruppe von 15- oder 16-Jähringen (Jungs und Mädels), protzige HipHop-Kleidung, rauchen, hören Musik, reden Einwanderer-Dialekt, begrüssen sich mit „Ey, gangsta!“. unkultur belauscht ihre Gespräche (der Einfachheit halber ins Deutsche übersetzt).
Männlicher Gangsta 1 lässt eine Plastiktüte zu Boden fallen
Männlicher Gangsta 2 (vorwurfsvoll): „Du weisst, dass Du das nicht darfst?“
Männlicher Gangsta 1: „Weiss ich doch. Ich mach’ nur Zwischenlagerung.“
(Das Wort „Zwischenlagerung“ ist ein Originalzitat)
unkultur unterdrückt ein Grinsen. 5 Minuten verstreichen.
Weiblicher Gangsta 3: „Hey, wer von Euch hat eine Zigi ins Wasser geworfen?“
Männlicher Gangsta 2 (zerknirscht): „Ich…“
Weiblicher Gangsta 3: „Weisst Du eigentlich, wie schädlich das für die Umwelt ist? Willst Du unseren See kaputtmachen?“
Wie soll sich ein Kulturliebhaber während der EM verhalten?
…fragt sich
unkultur ratlos.
1) Weiterhin kulturelle Anlässe besuchen und die EM ignorieren? – Das tun nur elitäre Freaks und Snobs.
2) Zu einem fanatischen Fussballfan werden? – Zu aufwändig, weil mit viel Büffeln verbunden.
3) Zu einem mittelmässig begeisterten Fussballfan werden? – Zu langweilig, das tun alle.
4) Die Spiele mitverfolgen in der Hoffnung auf eine künstlerische Guerilla-Aktion? – Zu kleine Chance, dass wirklich was passiert.
5) Sich selbst an einer künstlerischen Guerilla-Aktion beteiligen? – Wir wollen doch nicht von Fussballfans gelyncht werden.
6) Sich in der Badi Enge mit einem guten Buch genüsslich breitmachen? – Die werden garantiert auch in der Badi Enge einen Bildschirm aufstellen.
7) Verreisen? – Zwecklos; die EM wird uns auch im hintersten Winkel der Welt einholen.
Dann versuchen wir doch einfach, die Sache gelassen zu nehmen, und irgendwann werden wir schmerzlos und spiessig in Variante 3) hineinrutschen, zwischen Xenix und einer Bar mit Fernseher in der Langstrasse hin- und herschlendern und wieder mal feststellen, dass es ganz angenehm ist, mittelmässig zu sein.
> Kulturblog: Euro08: Kultur darf Fussball nicht konkurrenzierenEs muss nicht immer Züri-Kultur sein
Wer in Zürich bei immer-ähnlichen Anlässen den immergleichen Leuten auf den Converse herumstolpert und bei jeder Konversation ein Déjà-vu-Erlebnis hat, sollte einen Ausflug in die Provinz in Betracht ziehen. Zwei Tipps auf die Schnelle:
Künstlerapéro in der
Villa am Aabach in Uster:
Bettina Carl, bildende Künstlerin und Kuratorin, stellt ihre Zeichnungen vor.
Donnerstag, 7. Februar, ab 17.30 Uhr
Poetry Slam im
Stoffwechsel, Baden: "Ein Abend für Abenteurer und Wort-
fetischisten" (Website Stoffwechsel). Jury spielen und Wort-Sport im Untergrund miterleben!
Samstag, 9. Februar, 21 Uhr
Keine Bange, der Bahnhof ist nah und mindestens die Hälfte des Publikums aus Zürich importiert.