2008-01-31

(Schimpf)Wort des Tages: Cüpli-Kulturpolitiker

Von unkultur @ 20:42 [ Literatur/Sprache ]
Man beachte den holprig-eleganten Rhythmus des Wortes, das nach einigen Hebungen und Senkungen gleichsam auf den Horizont zuschlendert.


(Aus aktuellem Anlass. Inspiriert durch ebendiesen NZZ-Artikel bzw. diesen Abschnitt daraus:

Die AL warf dem Stadtrat vor, nur jene Kultur für unterstützungs-
würdig zu halten, die mit «Cüpli» umrahmt, gut etabliert oder zumindest brav daherkommt.
Artikel von Gordana Mijuk, 31. Januar 2008, Neue Zürcher Zeitung, „Die Kultur und das liebe Geld“ )

2008-01-29

Nein, ein Blog ist kein Online-Tagebuch

Von unkultur @ 23:22 [ The Web ]
Einer meiner liebsten Slam-Poten, Simon Chen, verkündete unlängst via E-Mail:

„Ich blogge! Für die, die es nicht wissen (ich musste mich auch nochmal erkundigen): ein Blog ist ein Online-Tagebuch.“
Nun, dass es einen Literaturblog im Rahmen des UNESCO-Welttags des Buches geben soll, hat uns Beta im Alphablog bereits am 10. Januar verraten. Und dass da sieben Schweizer AutorInnen bloggen werden.

Aber, lieber Simon Chen: Ein Blog ist kein Online-Tagebuch! Weshalb?

1. Ein Charakterzug eines Tagebuchs ist, dass der Autor es nur für sich selbst schreibt. Viel mehr Öffentlichkeit als ein Weblog hingegen geht nicht. Die Mehrzahl aller Blogschreiber (inkl. Simon Chen) bemüht sich, ihren Blog so zu verfassen, dass er für (potentielle) Leser interessant und unterhaltsam ist.

2. Des Weiteren wird ein Tagebuch durch die Beschreibung alltäglicher Begebenheiten bzw. des Innenlebens des Autors charakterisiert. Nun, viele Blogs sind tatsächlich so aufgebaut. Die wirklich interessanten Blogs aber sind weit entfernt davon: Sie widmen sich einem bestimmten Themenkreis und präsentieren Informationen daraus. Oft ist ihre Perspektive zwar subjektiver als beispielsweise Artikel in Fachzeitschriften, aber diese Blogger muten ihren Lesern keine seelischen Ergüsse zu.

Immerhin macht sich Simon Chen in seinem heutigen Blog-Eintrag einige Gedanken über die Natur seines „Auftrags“, wie er es nennt. Und glücklicherweise schreibt er so, wie wir es von ihm gewohnt sind, und nicht irgendwie schluddrig-introspektiv. Die Tatsache, dass er in dem Blog "unliterarisch" schreibt, scheint ihn allerdings zu beschäftigen. Wir Leser wollen einfach interessante, gutgeschriebene Texte; ob sie nun in irgendeiner Fachsprache, hochpoetisch oder in astreinem dadaistischen Slang verfasst sind, ist uns einerlei!

Wintersport – ein Paradies für Wortfetischisten

Von unkultur @ 22:15 [ Erdungsgarnitur ]
Nächstes Jahr, wenn ich wieder Zeit für Freizeit habe, kauf’ ich mir die Super Shape Speed Skier, mit Liquid Metal Technology, Holzkern über die ganze Länge, Worldcup Sandwich Construction, Renn-Strukturschliff und Intelligent Vibes. Ob es die wohl auch in der „handgeschalteten“ Ausführung gibt?

(Tut mir leid, liebe Gloria, das musste sein.)


@ pixelio.de, Bild von fielperson

2008-01-27

Das Erhabene II (Wong Kar Wai)

Von unkultur @ 22:33 [ Kluturbanause ]
Heute in der Nachmittagsvorstellung des neuen Films von Wong Kar Wai, My Blueberry Nights. (Warum wohl läuft der Film im Corso statt im RiffRaff, und weshalb in einem winzigen Saal?). unkultur sitzt in Reihe 4 Mitte, in Reihe 5 Mitte sitzen drei kichernde Frauen.

Nach ungefähr einem Drittel des Films:

Kichernde Frau 1: „Dieser Film ist todlangweilig!“

Kichernde Frau 2: kichert

Kichernde Frau 3: „Da läuft ja überhaupt nichts!“

Kichernde Frau 2: kichert

Kichernde Frau 1 (halblaut): „Echt, so was von langweilig…“

unkultur möchte laut sagen: „Leute, das ist ein Wong Kar Wai Film. Logisch, dass man da keine Action erwarten kann. Wenn Ihr ein Problem damit habt, verzieht Euch schleunigst und lasst uns den Film schauen.“

unkultur sagt stattdessen halblaut: „Die sind wohl im falschen Film…“

Die drei kichernden Frauen: hören auf zu kichern


Sie bleiben bis kurz vor der Pause stumm. Dann:

Kichernde Frau 1: „So ein uh langweiliger Film!“

Kichernde Frau 2: „Ach was, mir gefällt er. Seit jetzt mal still!“

Kichernde Frau 3: kichert

Das Erhabene

Von unkultur @ 22:16 [ Kluturbanause ]
Kultivierter Konzertbesucher: „Wie fanden Sie das Konzert, Frau unkultur?“

unkultur: „Ganz toll. Ich habe mich grossartig unterhalten!“

KKB (wirft unkultur einen vernichtenden Blick zu): „Wie bitte?“

unkultur: „Ich meine, ich wollte sagen: Ich fand es erhebend! Und erhaben, natürlich auch erhaben.“

2008-01-26

„Ich griff mir einen Vogel aus der Luft und schmetterte ihn auf die Katze“

Von unkultur @ 00:33 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Der Satz stammt bekanntlich nicht von mir, sondern vom genialen Jens Nielsen, und ich habe das Zitat in diesem Blog schon mal gebracht. Nicht sehr originell, ich weiss. Aber er ist die perfekte Überschrift für meine Erwartungsliste an gutes Spoken Word.

Ich will überrascht werden.
Ich will brüskiert werden.
Ich will zu ketzerischen Gedanken verführt werden.
Ich will bezaubert werden.
Ich will abgestossen werden.
Ich will an der Nase herumgeführt werden.
Ich will zur Unersättlichkeit gezwungen werden.
Ich will inspiriert werden.

Ich will keine Buchstaben, sondern Bilder vor mir sehen.

Und das alles bitteschön sehr konzentriert. Am liebsten in einem einzigen Satz (oder wenn’s sein muss in maximal 10 Sätzen).

Geschafft haben das diese Nacht Lea Gottheil und Tania Kummer. Eine Gelegenheit für ein Lob kommt mir gerade recht, nachdem ich so viele niederschmetternde Urteile über Spoken Word Artists ausgesprochen und dafür ebenso niederschmetternde Kommentare erhalten habe.


(Gehört an der LesBar: Musenkuss in der Villa Sträuli: Lea Gottheil, Tania Kummer und Ruth Loosli.)

2008-01-23

Retournierungs-Poesie

Von unkultur @ 22:46 [ Dada (im Alltag) ]
ICH MÖCHTE DIESEN KATALOG NICHT MEHR ERHALTEN. NIE. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN. VERSTEHEN SIE? ICH MÖCHTE AUCH KEINE ANDEREN KATALOGE MEHR VON IHNEN ERHALTEN. WIE OFT MUSS ICH IHNEN DAS NOCH SAGEN/ SCHREIBEN/MAILEN? NEIN, ES IST NICHT MEINE AUFGABE, IHNEN MEINE KUNDENNUMMER HERAUSZUSUCHEN, DENN ICH HABE NIE EINE VERLANGT. STREICHEN SIE MICH EINFACH AUS IHRER DATENBANK, AUCH ALLFÄLLIGE FRÜHERE ADRESSEN UND NAMEN VON MIR. IST DENN DAS SO SCHWIERIG?

(Ja, das alles hat Platz im Adressfeld eines Katalogs.)

2008-01-21

Natur versus Kultur

Von unkultur @ 00:09 [ Standortvorteil ]
Das Wochenende begann mit Konsternation und Sehnsucht nach der Natur: Der Verzicht aufs Skifahren trübte die Laune.

Die Kultur tröstete darüber hinweg. Zuerst Besuch einer Vernissage in der Galerie b-146. Sehenswert: Ausstellung „Mutaciones“ des kolumbianischen Künstlers Mauricio Zequeda, der 2007 den Fernando Botero-Preis gewann. Zequeda beschäftigt sich in seiner aktuellen Bildserie mit seiner Unordentlichkeit und anderen tadelnswerten Eigenschaften. Der Galerist überreichte unkultur bei dieser Gelegenheit – zu ihrer grossen Überraschung – ein Bild, das ein befreundeter Künstler für sie gemalt und in der Galerie deponiert hatte.

Heute dann ein Konzert von Christian Scott und Band im Moods miterlebt. Der 23-Jährige und seine Mitmusiker besitzen das Können und das sichere Auftreten von routinierten Jazzlegenden (abseits der Bühne aber ist Christian Scott auf eine sympathische Weise schüchtern). Man wird noch von ihnen hören.

2008-01-19

Hutkollekte, aggressiv

Von unkultur @ 17:50 [ Standortvorteil ]
Erlebnisbericht einer Bekannten von unkultur: im Theaterhaus Gessnerallee.
Sie bezahlte an der Kasse einen Franken (mit der Absicht, je nach Mass ihrer Begeisterung am Schluss etwas in den "Hut" zu legen). Die Dame an der Kasse quittierte das kommentarlos und schrieb mit Rotstift 1.- auf das Ticket. Der Mann, der am Eingang die Tickets kontrollierte, bemängelte dann an alle Umstehenden gewandt lauthals, dass sie nur einen Franken bezahlt hätte. Er stand auch am Schluss der Vorstellung beim Topf zur erneuten Kollekte und kommentierte kleinere Beträge abfällig. Kein Wunder, dass bei der Gessnerallee die Kollekte einträglich ist.

In diesem Fall führte ein kleiner Betrag nicht zur Entwertung der Leistung des Anbieters, sondern offenbar zur Entwertung der Zuschauerin.


Bild: pixelio.de


> Beitrag Kulturblog: "Hutkollekte ergiebiger als fester Eintrittspreis?"

Weshalb sich ein (anonymer, schwer schubladisierbarer) Blogger nicht ernst nehmen sollte

Von unkultur @ 17:45 [ In eigener Sache ]
Am Beispiel von unkultur:

Würde unkultur unter ihrem bürgerlichen Namen als anerkannte Expertin zu einem klar umrissenen Themenkreis bloggen wie beispielsweise der Kollege vom Kulturmanagment-Blog, könnte sie sich gefahrlos ernst nehmen, denn hinter dem Online-Profil würde nahtlos die gefestigte, durch die Materie erdgebundene Persönlichkeit stehen. So aber schwebt unkultur irgendwo im Cyberspace – da ist es sicherer, sich nicht allzu viel Ernsthaftigkeit/Ballast aufzuladen.

Wenn unkultur ihre Online-Identität ernst nehmen würde, wäre sie inzwischen schizophren geworden. Allerdings ist es auch notwendig, diese Identität mit viel Liebe zum Detail zu pflegen, da sie sonst verschwommen bleibt. Eine Gratwanderung.

Wenn unkultur ihre Online-Identität ernst nehmen würde, wäre sie mit Garantie depressiv geworden, denn: (1) Sie wird absurden Vorwürfen ausgesetzt und kann diese nicht widerlegen, indem sie ihre Erfahrungen aus dem Offline-Leben ins Feld führt. (2) Sie wird von ihrem Lieblingskommentatoren boykottiert, weil sie böse zu ihm war. (3) Sie wird mit Bildern von Kühlschränken mit saurer Milch drangsaliert.

Aber glücklicherweise ist unkultur unfähig, sich ernst zu nehmen. Deshalb erfreut sie sich nach wie vor einer robusten psychischen Konstitution.

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