2007-12-30

Der Vorsatz, sich einen Vorsatz zu machen

Von unkultur @ 18:11 [ Kluturbanause ]
Wenn ich mir gute Vorsätze fürs neue Jahr machen würde, dann kurzfristige, kleine, die ich auch einhalten kann. Bis morgen bleibt mir Zeit, um mir zu überlegen, ob es wirklich mein Vorsatz sein soll, noch an die Kunstszene Zürich zu gehen. Ich habe von einigen Bekannten Einladungen erhalten mit der Bitte, doch ihre Koje zu besuchen. Von ihnen weiss ich ja, dass sie gut sind. – Allerdings habe ich inzwischen aus mehreren verlässlichen Quellen gehört, die Kunstszene sei nicht besuchenswert. Nicht von irgendwelchen Leuten, sondern von Leuten, deren Urteil ich vertraue. Wenn ich mir also vornehme, trotzdem noch hinzugehen, dann ist das entweder ein Ausdruck von Masochismus oder von mangelndem Vertrauen.

2007-12-29

Das zweit-unoriginellste Blog-Thema (nach dem B-Wort)

Von unkultur @ 12:44 [ Musik ]
Und jetzt tue ich etwas, das fast so unoriginell wie das B-Wort ist, und zwar Heidi Happy loben. Ich weiss, das haben vor mir schon Hunderte getan. Aber ich habe sie vorgestern live miterlebt, und obwohl ich mit einer gesunden Titanic-Skepsis* hinging, überzeugte sie mich: Die Songs sind sowieso gut; ausserdem ist sie eine tolle Performerin, die sich auf der Bühne pudelwohl fühlt und das Publikum sofort für sich einnimmt. Sie spielt abwechselnd autoritär, zickig oder verführerisch, und trotzdem fühlt man immer diese warmherzige, bodenständige Persönlichkeit dahinter.

Irgendwann dachte ich erleichtert: Da haben wir’s – sie ist zu makellos! In diesem Moment fing sie an zu röhren wie ein brünstiger Waschbär. Machte sich dann politisch inkorrekt über Zulu-Gesänge lustig und liess urplötzlich einen Jodel aus falschen Tönen hören, der allen durch Mark und Bein fuhr. Sogar einen Country-Song liess ich klaglos über mich ergehen.


Das Bild zeigt einen ausgestopften Uhu und ein Auge von Heidi Happy.
Quelle: Heidi Happys Website.



Als wäre ein beeindruckendes Konzert nicht genug, betrat danach Musu Meyer
mit ihrer Band Sein die Bühne. Sie ist das genaue Gegenteil von Heidi Happy – klapperdürr, verrucht, Kette rauchend, schrille Stimme. Grossartig untermalt durch Handorgel, Querflöte, Kontrabass und weitere Instrumente. Innert Sekunden hatte sie uns in ihre Barwelt hineingezogen, die von Brunos, Armins und anderen jämmerlichen männlichen Exemplaren bevölkert war. Die Welt ist rabenschwarz; vergnügen wir uns doch vor dem Untergang noch mit möglichst viel Alkohol und Sex. Auch wenn beides nicht nur vergnüglich ist, wie Musu Meyer überzeugend darlegte.


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*Titanic-Skepsis: Ich habe mir den Film nie angesehen, weil ihn alle so gut fanden.


> Sein am letzten Stadtsommer

Wenn Blogger über Blo**er bloggen, bloggen Blogger Bloggern nach.

Von unkultur @ 12:36 [ Dada (im Alltag) ]
Wenn man die ** durch „gg“ ersetzt, ist das eine wunderschöne Aussage übers Metabloggen, die dem Kollegen Verwerter aka Denunziant aka Dissident und auch dem Misanthropen das Herz erwärmen würde.
(Der ganze Satz lässt sich übrigens 2mal über Google finden – ich kann also kein Copyright beantragen –, „wenn blogger über blogger“ bereits 100mal.)

Aber heute geht’s mir um was anderes, und zwar um Blo**er, das B-Wort. Ich höre und lese es ein Dutzendmal am Tag, und es hängt mir langsam zum Hals heraus. Ich höre es auf Poetry Slams, in der Damentoilette, in gehobener Gesellschaft, in der Kneipe. Ich lese es in Zeitungen und in Blogs, Blogs und nochmals Blogs.

Da ich erklärtermassen gegen Aufrufe zu Boykotten bin, erkläre ich hier nur: unkultur boykottiert es ab sofort. Das B-Wort ist bis jetzt einmal in meinem Blog vorgekommen, und es wird nicht mehr vorkommen.

Dieses Blog boykottiert das B-Wort.

2007-12-27

Slampoeten – besonders sensible Kulturschaffende?

Von unkultur @ 00:17 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Ich schreibe hier regelmässig über Poetry Slams und Spoken Word Anlässe und werde dies auch weiterhin tun. Es fällt mir auf, dass ich aus dieser Szene vergleichsweise viele Kommentare erhalte, die auf eine persönliche Betroffenheit durch meine Kritik schliessen lassen und entsprechend scharf ausfallen. Wiederholt wurde ich als Banause bezeichnet, was mich übrigens kalt lässt, da ich erklärter-
massen ein Kulturbanause bin.

In welcher der etablierteren Kultursparten verlangt man von den Kritikern, dass sie selbst schon als Schaffende im von ihnen beschriebenen Bereich tätig waren? In keiner. Man verlangt hingegen, dass sie sich eingehend mit der Materie befassen und viele Veranstaltungen besuchen. (Genau dies tue auch ich.) Nach jeder Premiere eines Theaterstücks, nach jeder Vernissage eines bildenden Künstlers und bei jedem erschienenen Buch eines Schriftstellers hagelt es negative und positive Kritik. In diesen Sparten hat man gelernt, damit umzugehen.

Dass die Reaktionen auf meine Poetry Slam Kritiken so heftig ausfallen, kann verschiedene Ursachen haben: Slam Poetry / Spoken Word ist erst seit relativ kurzer Zeit ihren Ursprüngen in der Subkultur entwachsen, sodass sich ihre Exponenten öffentliche Kritik noch nicht gewohnt sind. Dabei sollten sie sich über die Beachtung freuen; auch über die kritischen Töne. Blosse Lobhudelei wird nicht ernst genommen. – Ein anderer möglicher Grund: Vielleicht bewegen sich Leute aus der Slam Poetry Szene einfach häufiger als andere Kulturschaffende im Internet und lesen daher Online-Kritik eher. Zudem fällt der Blog-Stil oft etwas "ruppiger" aus als derjenige eines Journalisten und kann daher verletzender wirken.

Gerade die Slampoeten, die auf der Bühne so direkt vom Publikum bewertet werden, sollten aber etwas weniger sensibel sein, würde man denken. Es kommt im Übrigen auch vor, dass ich mich zu enthusiastischen Beschreibungen hinreissen lasse – aber auch das ist wieder nicht recht, denn auch hier entlarve ich mich offenbar als Banause und lobe die Falschen.

Ich werde jedenfalls unbeirrt weiter schreiben. Selbstverständlich freue ich mich über alle Kommentare – auch die verletzt-herablassenden – denn was wäre ein Blog ohne Diskussion?

2007-12-26

Mein Favorit aus der Flut von Weihnachts- und Neujahrsgrüssen

Von unkultur @ 22:36 [ Erdungsgarnitur ]
Ich bin weder eine begabte noch eine motivierte Weihnachts- oder Neujahrs-E-Mail-oder-SMS-Schreiberin. So schaffe ich es um die Weihnachtszeit herum, meinen E-Mail-und-SMS-Ausstoss – entgegen dem allgemeinen Trend – in bemerkenswertem Ausmass zu reduzieren, gewissermassen umgekehrt proportional zur Menge des Essens, das ich verschlinge.

Trotzdem bekomme ich auch dieses Jahr wieder eine Unmenge von E-Mails und SMS. Ich habe dasjenige ausgewählt, das mir am besten gefällt:

I will not bid you a happy new year, but will bid the new year happiness in having you, and I will not wish you what people wish each other, but I will wish for people some of what you possess -- for you are rich in yourself, and I am rich in you.

Khalil Gibran - Letter to Rihani (New York, 1911)

2007-12-23

Der deutschsprachige Raum: Ein einig Volk von Slampoeten

Von unkultur @ 22:55 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Da wir schon beim nationalen Bezug sind (s. vorhergehenden Beitrag): Wenn die Slam-Moderatoren Ko Bylanzky und Rayl Patzak ankündigen, dass ein Slampoet „aus dem Ausland“ komme, meinen sie damit offensichtlich, dass er aus dem ausserdeutschsprachigen Raum stammt. Fassen sie nun einfach den ganzen deutschsprachigen Raum zusammen, oder sehen sie die Schweiz und Österreich sozusagen als Anhängsel von Deutschland? Wenn Letzteres zuträfe, würden sie der Rolle der Schweizer Slampoeten in ebendieser Region nicht gerecht.

Weshalb Laurin Buser und nicht Christoph Simon der Poetry Slam Champion der Zukunft ist

Von unkultur @ 22:17 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Am 14. Poetry Slam in Schiffbau gestern Abend teilten sich Renato Kaiser und Christoph Simon den Whiskey des Siegers: Der sympathische Renato Kaiser hatte zwar in der ersten Runde einen sehr guten Text gebracht, aber beim Finale sackte die Qualität ab. Christoph Simon schreibt ohne Zweifel hervorragende Texte – aber die Performance ist gleichberechtigter Bestandteil von Slam Poetry, und die liegt bei ihm unter null. Christoph Simon macht keine Slam Poetry.

Unerkannt blieb der potentielle Sieger vieler zukünftiger Slams, Laurin Buser. Der Teenager hat noch eine Schwäche: Hin und wieder rutscht er gefährlich ins Gutmenschentum ab, und das ohne die Polsterung der Selbstironie. Abgesehen davon hat er alles, was ein erstklassiger Slampoet braucht. Er fühlt sich auf der Bühne zu Hause; seine Gesten sind ebenso präzis eingesetzt wie seine Worte. Wir können gespannt darauf sein, was er uns in einigen Jahren präsentieren wird.

Zwei Frauen waren diesmal dabei: Dari Hunziker könnte eine starke, bewegende Slampoetin und Performerin sein – aber Text und Ton waren diesmal schlecht getroffen. Sie tappte in die Falle der zu grossen persönlichen Betroffenheit; sie gewährte dem Publikum seelische Einblicke, die dieses nicht haben wollte. Die andere Vertreterin des weiblichen Geschlechts, eine Bern-Amerikanerin, deren Name mir leider entfallen ist, trug einen sehr guten Text vor, mit dem sie an Slams in den USA zweifellos Erfolg hat – dem einheimischen Publikum fehlte aber offenbar der Schweiz-Bezug.

Übrigens: Meine Hoffnung, dass auf das B-Wort verzichtet würde, wurde enttäuscht. Etrit Hasler, wen wundert’s, liess sich geniesserisch über SVP & Co. aus. Irgendwann sind die immergleichen politischen Sprüche nicht mehr originell.

2007-12-20

Frage des Tages

Von unkultur @ 22:01 [ Erdungsgarnitur ]
Muss Konzeptkunst lustfeindlich sein?

Undurchdachte Anbiederung

Von unkultur @ 20:57 [ Kluturbanause ]
Irgendwer beim Kunsthaus Zürich – vielleicht ein externer Berater? vielleicht ein dynamischer neuer Marketingmensch? – hat sich gedacht: So, jetzt wollen wir mal ein bisschen junges Publikum reinholen. Er hat ein nettes kleines Inserat entwerfen lasen, das uns jetzt im „heute“ & Co. entgegenlächelt. Er hat gleich mehrere (Denk)fehler gemacht:

- Das Inserat ist krampfhaft auf jung gemacht. Ein gesichtsloser Superman mit gelbem T-Shirt, ok, meinetwegen. Aber was soll das phantasielose ART4U? Das Irgendetwas4U wurde schon in Millionen Varianten durchgekaut – das weiss gerade die angesprochene Generation.

- Nehmen wir mal an, irgendjemand fühlt ich trotzdem angesprochen. Wie komme ich nun zu meinem tollen Abo? Auf www.art4u.ch? Fehlalarm. Da gelange ich auf eine Website, zu der sich jeder Kommentar erübrigt.

- Wer jetzt zu unserem grossen Erstaunen noch nicht abgewinkt hat, tippt vielleicht die URL www.kunsthaus.ch ein. Hier empfangen mich die gleichen Bilder auf schwarzem Hintergrund, die schon seit Jahren als völlig unnötige Einstiegsseite vorgeschaltet sind. Bis ich den gesuchten Mitgliederbeitrag für unter 25-Jährige finde, benötige ich sage und schreibe 15 Klicks! Wie wär’s mit einem Banner auf der Startseite?

- Das Inserat preist zudem tolle Ausstellungen wie Europop, Shifting Identities und Rivoluzione! an. Ich finde sie auf der Website des Kunsthauses weder unter „Kunst entdecken“ noch unter „Vorschau“, sondern erst nach langem Suchen unter „Jahresprogramm“ in einem PDF. (Später stellt sich heraus, dass sie trotzdem unter „Vorschau“ sind, in einer Subnavigation, die so diskret ist, das man sie glatt übersieht). Und wo bitte ist das Atelier, wo ich selbst etwas gestalten kann?

Fazit: Gut gemeint, aber isoliert bringen solche Massnahmen nichts. Da muss etwas geändert werden, vom Internetauftritt über das Verhalten des Personals bis zur Grundeinstellung.

unkulturs (un)verkrampfte Beziehung zur Neuen Musik

Von unkultur @ 00:03 [ Musik ]
So müsste man vermutlich Neue Musik hören: Wie man ein abstraktes Bild betrachtet. Wahrnehmen, wie verschiedene Klangnuancen aufeinander einwirken, nebeneinander stehen, unerwartet verklingen. Sich freuen am Eigenwilligen, an dem, was sich nicht einordnen lässt. Die fein und virtuos gearbeiteten Details und den Gesamtklang wahrnehmen, ohne das vollkommene Fehlen einer Gesetzmässigkeit aus den Augen zu verlieren. Allfällige Irritation sofort in Staunen umwandeln.

So hört unkultur Neue Musik: Ob sie es will oder nicht, ihr Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Die gespitzten Ohren leiten alles Aufgenommene blitzschnell an die Zentrale weiter, die fieberhaft Bruchstücke von Melodien herausspürt und diese vervollständigt, Rhythmen kalkuliert, Dissonanzen herausfiltert und hier und da eine Korrektur von einem Achtelton vornimmt. Sobald das Gehirn eine Melodie oder einen Rhythmus aufgespürt zu haben glaubt, setzt es Impulse der Befriedigung und der Freude frei, welche die Fingerknöchel zum Wippen bringen.

Verkrampft? – Vielleicht ist es auch ein Zeichen von Unverkrampftheit, wenn ich es mir erlaube, Musik so aufzunehmen, wie es meine Natur möchte. Spannend erscheint mir die Frage, weshalb mir im visuellen Bereich das Abstrakte keine Mühe bereitet, ich aber immer noch ein eigenartiges Verhältnis zu Neuer Musik und manchen Formen von Free Jazz habe.

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