2007-11-29

Warum ich manchmal – ganz selten – noch Fr. 60.- für ein Konzertticket ausgebe

Von unkultur @ 23:55 [ Musik ]
60 Franken sind normalerweise zu viel für ein Konzert. Ich weiss, die armen Musiker verdienen kein Geld mehr, weil wir ihnen ihre Musik im Internet klauen. Aber für 60 Franken müssen sie schon eine unvergessliche Show hinlegen – und ich muss einen guten Platz haben. Negativbeispiel: Konzert von Macy Gray vor einigen Jahren im X-TRA. Stundenlanges Warten im überfüllten Saal, 45 Minuten torkelnde Show, danach stundenlange Enttäuschung.

Professionelle Musiker wissen, was sie ihrem treuen Publikum schulden. Nicht erstaunlich, dass dies meist auch diejenigen Musiker sind, deren Leistung und Ruhm über Jahrzehnte konstant bleibt. Wie heute die grossartige Jill Scott im Volkshaus. Es gab nachdenkliche, spielerische, auch überraschende Momente, aber keine Sekunde Zerstreutheit, Unentschlossenheit oder Nachlässigkeit. Sie war voll da und konzentrierte sich auf ihre Musik. Jill Scott schwingt sich spielend über die Grenzen von Stilrichtungen und Strömungen hinaus, auch wenn sie sehr wohl Elemente verwendet, die ihr gerade von Nutzen sind. Ja, die kluge Jill Scott macht Mainstream-taugliche Musik für Leute, die nicht ganz im Mainstream schwimmen wollen.

Auf der Bühne ist sie wie ein Fisch im Wasser. Wenn man dann auch noch ehrfürchtig direkt unter dieser Bühne steht, haben sich das lange Anstehen und das Geld gelohnt. Allerdings hat mich ihr neustes Album noch nicht ganz überzeugt. Es kann nicht ganz an die vorhergehenden zwei Alben anknüpfen. Oft greift sie Themen auf, die für ihre musikalische Sprache typisch sind, ohne ihnen aber einen neuen Twist zu verleihen. Die etwas versteckten, aber wertvollsten Diamanten in Jill Scotts funkelnder Sammlung aus mehr und weniger meisterhaften Werken werden übrigens immer ihre Spoken-Word-Stücke sein.

2007-11-28

Kultur mit allen fünf Sinnen

Von unkultur @ 15:56 [ Standortvorteil ]
Das Schöne am öffentlichen Aufnehmen von Kunst und Kultur ist, dass man es oft mit allen fünf Sinnen tut. Heute Abend gönne ich mir mal wieder eine Vernissage, diesmal an einem Ort mit einem unprätentiösen, aber bemerkenswerten Profil: Die Graphische Anstalt J. E. Wolfensberger AG in Zürich und Birmensdorf.

 
Fotos geliehen von der Website der Graphischen Anstalt J. E. Wolfensberger AG

Seit 1902 oder seit vier Generationen ist sie bekannt für ihr Steindruck-Know-how und für die enge Zusammenarbeit mit Künstlern. Heute hat sie auch Offsetdruck im Angebot, aber ihre Leidenschaft ist immer der Steindruck geblieben. Um das Ganze abzurunden, gibt es den kleinen Wolfsberg Verlag für Künstlerbücher, und hin und wieder beherbergt ein zusätzlicher Raum einen Gastkünstler aus Übersee. Eine uralte Maschine aus der Gründerzeit und das handwerkliche Geschick des Teams sorgen für einen professionellen Umgang mit den Werken der Künstler.

(Nein, das ist jetzt nicht ein Test für das vorgeschlagene Format Publireportage – ich habe einfach wieder mal Lust, über etwas zu schreiben, das mir rundum gefällt.)

Heute Abend ist also die Vernissage angesagt, mit installativer Originalgrafik von Nic Hess und Robert Honegger. Meine fünf Sinne werden es mir danken:

1) unkultur als ausgeprägter Augenmensch und Ästhet wird sich die Netzhaut von den Drucken kitzeln lassen, wieder mal die schöne alte Druckmaschine bestaunen und ihre Umgebung nach inspirierender Kleidung absuchen.

2) Fürs Ohr: Mit einem Konzert kann eine Vernissage natürlich nicht mithalten. Mal sehen, ob sich einige Gespräche als Ohrenschmaus erweisen.

3) unkulturs Nase liebt die Düfte von Farben und Chemikalien. Da ist ein Druckatelier genau das Richtige.

4) Es ist bekannt, dass unkultur öfters wegen der Gaumenfreuden an Vernissagen geht. In diesem Fall dürfte das Kulinarische eher Nebensache sein. Gut für die Linie.

5) Die Aussentemperaturen nähern sich dem Nullpunkt; der Drang, sich in eine Höhle mit Lagerfeuer zu verkriechen, steigt. Eine einfache Rechnung: Je mehr Vernissagebesucher, desto höher wird die Raumtemperatur.

2007-11-27

Kommunikation von Kulturanbietern via Internet und Weblogs

Von unkultur @ 15:52 [ The Web ]
Das Kulturmanagement-Blog inspiriert mich immer wieder zum Nachdenken und Weiterspinnen von Themen. Neulich ging es um die Rolle des Internets für die PR. Es wurde auf eine Studie der PR-Agentur index eingegangen. Unter anderem wurde die Rolle von Weblogs erwähnt:

Werden Weblogs in den Presseverteiler aufgenommen?

Hier zeigt die Studie, dass in der Kommunikation mit Weblogs noch große Unsicherheit herrscht. Erst 15 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, Weblogs in ihren Verteilern zu haben. Derzeit wird das wohl noch von Fall zu Fall entschieden. Vorausgesetzt, es gibt in der jeweiligen Branche überhaupt ein Weblog, das man kontaktieren könnte. Denn passen sollte es ja schon.

Viele Unternehmen setzen mittlerweile auch stark auf Foren, Newsgroups und Blogs, um herauszufinden, was ihre Kunden über sie denken. Während zwei Drittel der Befragten Forenbeiträge auswerten, sind es bei Newsgroups und Blogs nur noch 40 Prozent. Selbst aktiv werden aber nur die wenigsten. Gerade mal “12 Prozent werden zu Themen ihres Unternehmens in fremden Weblogs aktiv”, heißt es in der Studie. Die Zahl der Unternehmen, die selbst Weblogs, Podcasts oder RSS-Feeds einsetzen, ist dementsprechend gering. Aber immerhin, es gibt sie. Und in paar Jahren wird der Einsatz dieser Tools wahrscheinlich selbstverständlich sein.

Quelle: Artikel im Kulturmanagement-Blog vom 23. November 2007
Ich sehe hier drei interessante und unterschiedliche Arten der „Blog-Kommunikation“, die man getrennt diskutieren sollte, wobei ich mich im Folgenden auf die PR für Kulturanbieter beschränken werde:

1) Das Zusenden von Informationen und Pressemitteilungen an Weblog-Betreiber: Blogs über Kultur werden in den allermeisten Fällen (noch) von Privaten betrieben. Bei ihnen wird die Schmerzgrenze viel schneller erreicht sein, wenn sie täglich von Pressemeldungen überflutet werden. Sie werden sehr bald entweder die Meldungen ignorieren, oder aber Platz für eine Art gekennzeichnete, kostenpflichtige Publireportage im Blog-Stil anbieten.

Letzteres könnte für die Kulturanbieter interessant sein, falls es sich um ein gutbesuchtes Blog handelt, das tatsächlich ihre Zielgruppe anspricht. Offen bleibt die Frage nach der Akzeptanz der Leser, und offen bleibt auch, was Beitreiber von Blogs wie beispielsweise des Kulturblogs darüber denken.

2) Selbst ein Blog betreiben: Ich war noch nie auf einem Weblog einer Firma. Ob das wohl an mir oder an den Firmen liegt? Ob ich das Blog eines Kulturanbieters lesen würde? – Spannend wäre es schon, hin und wieder hinter die Kulissen zu blicken. Für den Kulturanbieter selbst wird es natürlich schwierig sein, die Balance zu halten: Interessante Geschichten und Anekdoten zu erzählen, ohne das eigene Image zu gefährden. Zudem wäre es notwendig, dass in der Organisation mehrere Personen, nicht nur der PR-Mensch, Spass am Bloggen hätten. Nur so können konstante Beiträge und gleichzeitig Abwechslung gewährleistet werden.

3) Auf fremden Blogs aktiv sein: Kann ich mir höchstens als langfristig wirkendes Instrument zur Unterstützung der Reputationspflege vorstellen. In fremden Blogs oder Foren mittels Kommentarfunktion auf eigene Veranstaltungen hinweisen? Wird vermutlich ignoriert. Eine praktikable Variante davon ist das regelmässige Eintragen von Informationen in alternative Veranstaltungskalender. Ich selbst tue dies seit einer Weile, konnte aber bisher keine Wirkung beobachten.

2007-11-26

Zweierreihen und Assoziations-Wortreihen

Von unkultur @ 23:51 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Immer schön i Zwäierräihe…

…diese Geschichte liegt offenbar im Sterben. So wie der Uhu. Gabriel Vetter hat erkannt, dass sie ihr natürliches Lebensalter erreicht hat. Dafür tischte er uns heute einen grandiosen Text auf, in dem irgendwie immer alles etwas anders war, als es den Anschein hatte. Davon wollen wir mehr!

Auch dabei im heutigen „Intellekt mich!“: Uta Köbernick. Ich falle nicht immer vom Stuhl vor Begeisterung, wenn ich sie höre, aber diese endlose Assoziations-Wortreihe ist einfach der Hammer. Ich sitze buchstäblich mit offenem Mund da und denke: Irgendwann muss es aufhören. Sie muss stolpern. Und gleichzeitig bete ich: Sie darf nicht stolpern. Ich möchte die perfekte Endlosschleife bis zum Nicht-Ende miterleben, auch wenn ich vor Kälte mit den Zähnen klappere im unterbeheizten Theater am Hechtplatz.

2007-11-25

Sie slammten wieder

Von unkultur @ 13:07 [ Poetry Slam/Spoken Word ]

Bild von Wehwalt Koslovskys Website, zeigt ebendiesen bei der Arbeit


Der Saal 2 im Schiffbau war gestern ausverkauft. Ja, sie slammten wieder, die Bühnenpoeten und kühnen Textperformer und Slam-Könige und Slam-Möchtegerns. Dass die Moderatoren gut waren, muss ich nicht mehr erwähnen – sie enttäuschen mich nie. Einer meiner Helden, Simon Libsig, lieferte endlich mal einen neuen Text, einen sensationell guten dazu! Noch etwas schneller vorzutragen, und er ist unschlagbar. Leider tischte er am Schluss wieder einen alten Text auf, der langsam etwas ausgelutscht wirkt. Ebenfalls mit neuer Munition rückte Ato Meiler an. Der Text ist wahrscheinlich gut; das lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen, denn nur jedes dritte Wort war zu verstehen. SCHADE! Unbedingt an der Artikulation arbeiten, Ato!

Politisch wie eh und je zeigte sich Simon Chen mit einem brisanten Thema: Es ging um Dignitas. Dem Text war anzuhören, dass er eine Last-Minute-Fabrikation war. Aber lieber unperfekte, frische Last-Minute-Fabrikationen als perfekt gedrechselte Texte, die mehrere Jahre alt sind. Pedro Lenz trug zwar einen altbekannten Text vor, aber mit seiner einzigartigen Mimik sorgt er dafür, dass man sich sogar die alten Texte gerne anhört.

Wehwalt Koslovsky war aus Berlin angereist. Was soll ich sagen. Er beherrscht das Werkzeug des Verseschmiedens meisterhaft. Der Idiot, der knöcheltief im Wildschweinkot steht, ist ja reizend. Aber ich höre aus Koslovskys Versen immer Max und Moritz heraus, und irgendwann verleidet mir das. Ich gehe mit ihm einig, dass die Form mindestens genauso wichtig ist wie der Inhalt. Allerdings gibt es auch andere Formen als diese verrosteten Verse.


Nächste Poetry Slams:
13. Dez., 19 h: Student Slam Zürich, bQm Zürich
18. Dez., 19 h: Slam it Poetry Slam, MAIERs
22. Dez., 20.30 h: 14. Poetry Slam im Schiffbau
30. Dez., 19 h: Poetry Slam & Bucovina Club, X-TRA

Die barocke musikalische Seele Brasiliens

Von unkultur @ 12:44 [ Musik ]
Wohnen in Brasiliens Brust zwei Seelen? Ist eine davon gar barock? Letzteres behauptet jedenfalls das Duo Bachdança, das kühn Musik des europäischen Barocks und brasilianische Klänge wie Bossa Novas, Choros und Sambas in einem Programm vereint. Das Resultat ist nichts krampfhaft Konstruiertes, sondern im Gegenteil ein spielerisches und leichtes Aneinanderreihen von sehr unterschiedlichen Musikstücken, denen die Instrumente und Arrangements eine Ähnlichkeit verleihen. Miriam Hidber, Flöte; Edmauro De Oliveira, Gitarre; tatkräftige Unterstützung durch John Dickinson, Perkussion. Gehört gestern in der Villa Sträuli in Winterthur.

2007-11-23

Unter Kulturmanagern

Von unkultur @ 19:00 [ Kluturbanause ]
Drei Kulturmanager-Kollegen haben sich soeben die Präsentation eines sehr gescheiten kulturaffinen Menschen angehört.

Kulturmanager 1: „Die Präsentation war höchst interessant, findet Ihr nicht auch? Sie hat verschiedene relevante Aspekte aus einem ganz anderen Blickwinkel aufgezeigt.“ (blickt erwartungsvoll in die Runde)

Kulturmanager 3: „Welche Aspekte denn? Aspekte von was?“

Kulturmanager 1 (guckt irritiert)

Kulturmanager 2: „Ja, tatsächlich. Es war faszinierend. Mir haben sich neue Welten eröffnet.“ (guckt begeistert)

Kulturmanager 3: „Ich habe nicht verstanden, worum es ging. Könnt Ihr’s mir erklären?“

Kulturmanager 2: „Ich finde, wir sollten mal zum Buffet gehen. Da gibt’s Kaviarbrötchen und Champagner.“

Kulturmanager 3: „Gute Idee. Ich ernähre mich ja seit zwei Wochen nur noch von Migros-Budget-Spaghetti.“ (guckt begehrlich)

Kulturmanager 1 (guckt angewidert. Wendet sich einer Kulturmanager-Kollegin zu, die sich gerade nähert.)

Fortsetzung folgt.

2007-11-21

Geradeheraus

Von unkultur @ 17:25 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Hin und wieder lasse ich in meinem Blog kritische Töne über einige Künstler und ihre mangelnde Interaktionsfähigkeit hören.

Umso erfrischender ist es für mich, wenn mir ein Künstler unumwunden und unverschnörkelt sagt, was er denkt. So erhielt ich heute auf eine unreflektierte Frage meinerseits die grossartige Antwort:

Ich hasse diese Frage, weil sie kacke und völlig altbacken ist.“*

Das nenne ich Klartext!

Zudem hat die Antwort einen bestechenden Klang und Sprachrhythmus – man stelle sich einen Slam Poeten vor, wie er sie in einen Saal hinausschleudert.



*Der Autor wird sein Copyright zugesprochen erhalten, falls er diesen Blog-Eintrag findet.

2007-11-19

Eindrücke von den Internationalen Lichttagen Winterthur, Teil 2

Von unkultur @ 13:43 [ Erdungsgarnitur ]
           


           

"Verlorene Lüster" von Katharina Hohmann
Fotografin: Stefanie Gehrig, Winterthur


> Fotos von den Lichttagen, Teil 1

2007-11-18

Deine Meinung ist mir wertvoll

Von unkultur @ 22:54 [ Erdungsgarnitur ]
Gespräch zwischen einem bildenden Künstler und unkultur:


Künstler: unkultur, könnte ich bitte Deine Meinung zu diesem Bild haben?

unkultur: Klar!

Künstler: Findest Du, es sieht unfertig oder fertig aus?

(unkultur schaut eine Weile konzentriert.)

unkultur: Meiner Meinung nach sieht es fertig aus.

Künstler: Ach ja? Ich finde, es sieht unfertig aus, weil……


(Künstler redet 15 Minuten lang.)


Künstler: Verstehst Du, weshalb ich meine, dass es noch unfertig aussieht?

unkultur: Ja, jetzt wo Du es mir erklärt hast, sehe ich es auch so.

Künstler: Herzlichen Dank für Deine Meinung. Sie ist mir sehr wertvoll.

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