Manchmal frage ich mich, ob die Kulturförderung der Stadt Zürich wirklich
Kultur fördert, oder ob sie hauptsächlich ihre Leuchttürme pflegt. Deren Leuchten könnte ja weniger intensiv wirken, wenn die filigranen Glühwürmchen, kühnen Feuerwerks-Querschläger und Neonlicht-Kunstwerke in ihrer Umgebung an Strahlkraft zulegen würden. Nichts gegen
Schwerpunkte, aber neben ihrem Vorteil, der Fokussierung, muss man auch ihren Nachteil, die Schwerfälligkeit, beachten.
Das Sponsoring durch Unternehmen hat zugenommen; das wird auch im
neuen Kulturleitbild betont. Gerade grossen, international ausgerichteten Firmen liegt viel an den Leuchttürmen als Garant für die Standortattraktivität. Naheliegend wäre es doch, diesen finanzkräftigen Selbstvermarktungs-Giganten einen bedeutend grösseren Anteil an den für sie attraktiven Leuchttürmen zu überlassen und dafür den Strahl der öffentlichen Förderung stärker auf kleinere Projekte zu richten.
Diese tragen gemäss Kulturleitbild ebensoviel zur Attraktivität von Zürich bei wie die Leuchttürme, sind aber im jetzigen Entwicklungsstadium für potente Sponsoren aus der Privatwirtschaft noch nicht augenfällig genug. Vielleicht sollte es auch nicht ihr Ziel sein, das zu werden.
Solche kleinen Kulturprojekte reichen oft auch ins Feld der Kreativwirtschaft hinein. Im internationalen Standortwettbewerb bedeutet die Kreativwirtschaft für Zürich: Imagefaktor, Standortfaktor, Impulsgeber, Innovationsmotor, Wirtschaftsfaktor. Dies wurde durch diverse Studien untermauert*. Hier befinden wir uns im Bereich der kleinen kommerziellen Anbieter, die, so scheint es, wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Doch auch sie brauchen eine günstige Umgebung, sollen sie weiter als Standortvorteil zur Verfügung stehen, mit dem man sich brüsten kann.
Für die Kreativwirtschaft wie auch für die Kultur gilt: Die Faktoren der Standortattraktivität sind keine Ressource, die man beliebig ausbeuten kann – Nachhaltigkeit ist gefragt.
Zurück zur Kultur: „Quartierkultur“ wird zwar gefördert; das ist ein Zugeständnis ans Soziokulturelle. Aber wenn ein gefördertes Kulturprojekt zu stark ins Subkulturelle abdriftet, wird es suspekt. Da kommen plötzlich unberechenbare, unbezifferbare und mit einer Leistungsvereinbarung unvereinbare Elemente ins Spiel.
Dabei hat sich gerade in Zürich immer wieder gezeigt, wie die ersten Impulse zu einer wichtigen kulturellen Strömung aus einer Subkultur kamen. Dass reine Subkultur nicht gefördert wird, ist klar: Sonst wäre sie keine Subkultur mehr. Aber wo und wann wird die Subkultur zur Kultur? Dies vorauszusehen, erfordert Fingerspitzengefühl und Weitsichtigkeit. Auf Entwicklungstendenzen auch einzugehen, erfordert Mut.
Dass diese Eigenschaften vorhanden sind oder waren, beweisen verschiedene Förderprojekte in der Vergangenheit. Aber noch heute weist man Institutionen, die sich schon längst etabliert haben, als "neu", "experimentell" oder "subkulturell" aus. Die Beschäftigung mit den guten alten Leuchttürmen ist halt am sichersten und gemütlichsten.
Einige Fragen:
Wird künftig jedes Jahr der „Musterschüler“ unter den Kulturinstitutionen ermittelt, errechnet aus dem höchsten Durchschnitt aller qualitativen und quantitativen Messgrössen einer Institution? (Die qualitativen Grössen lassen sich wenn nötig auch in Zahlen übersetzen).
Wie viele Ressourcen/Arbeitsstunden werden benötigt, um all diese Erhebungen zu machen und die Zahlen auszuwerten?
Werden sich einzelne Institutionen und die Stadt in Zukunft via Medien Schlachten liefern, zu denen ihnen die Zahlen und dazugehörigen Interpretationen die Munition liefern?
Sollte in einem Jahr ein Projekt der Sparte „Diverses“, gemessen an allen qualitativen und quantitativen Kriterien, eine grössere Leistung erbringen als die Tonhalle – welche Konsequenzen hätte das für dieses Projekt? Welche Konsequenzen hätte das für die Tonhalle?
> Zwei Beiträge im Kulturblog (beide vom 24. Oktober)
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* u.a. „Kreativwirtschaft Zürich“, Studie I und II sowie Synthesebericht, diverse Autoren, Verlag des Museums für Gestaltung Zürich, 2005. „Zürich Themenwelt“, Weissbuch, arthesia, Hrsg: GZA AG, Zürich Tourismus, Diverse Autoren, 2003.