2007-10-31

unkultur discovering uncondition

Von unkultur @ 09:41 [ The Web ]
Schön, eine (frischgebackene) Politikerin zu finden, die vernünftig über Politik schreibt. Und übrigens auch über andere Themen. Dannie Jost schreibt so, dass wir Blogger unsere mit leichter Kost verwöhnten Köpfchen etwas anstrengen müssen, und trotzdem witzig und geistreich.

Beispielsweise denkt sie, die übrigens in ihrem Blog und auf anderen Websites sehr viel über sich preisgibt, über die Problematik nach, dass wir im Internet zu leichtsinnig mit persönlichen Angaben umgehen.

In ihrem politischen Eintrag von gestern schreibt Dannie Jost über die weltweite Wahrnehmung unserer „politischen Krise“ und warnt davor, die SVP als rechtsradikalen Haufen abzustempeln. Mit folgender Begründung:
„Once an individual joins a party, and as long as some minimal conditions are met, a member will not be excluded. In a place - this Switzerland - with well entrenched democratic values, the attitude is all about finding consensus. However the fine line between consensus and compromise is not obvious and that may exactly be where the SVP has created a point of entry for ideologies that deviate from their own core values.“
Ich bin gespannt auf ihre versprochenen weiteren Ausführungen über die partizipatorische Demokratie und das Konsensprinzip. Vielleicht werde ich danach die Entwicklung besser verstehen, die in den letzten Wochen, Monaten, Jahren abgelaufen ist?


> Blog uncondition

2007-10-30

Gespräch zwischen unkultur und einem Musiker

Von unkultur @ 10:14 [ Kluturbanause ]
Musiker, stirnrunzelnd: „Weshalb kommt mein Name in diesem Text nur 3- statt 4-mal vor?“

unkultur: „Aus stilistischen Gründen und aus Platzgründen. Wenn ich Ihren Namen hier“ (zeigt) „noch reinflicken müsste, würde der Text langfädig klingen und nicht mehr auf die 16 Zeilen passen.“

Musiker: „Aha…“

unkultur: „Wenn es Sie sehr stört, kann ich aber versuchen, den Satz noch etwas umzubauen…“

Musiker: „Nein, ich verstehe schon, was Sie meinen. Ich finde es nur seltsam, dass der andere Musiker öfter als ich erwähnt wird.“

unkultur: „Das ist wirklich eine rein stilistische und satzbautechnische Angelegen-
heit. Genaugenommen sind Sie genauso präsent im Text wie Ihr Kollege.“

Musiker: „Hm…“

unkultur: „Aber schauen Sie, ich versuche jetzt mal, den Text noch etwas umzubauen…“

Musiker: „Hm…“

unkultur: „… auch wenn er nachher sehr unelegant wirken wird.“

Musiker: „Neinnein, ist schon gut, lassen Sie’s, wie es ist.“

2007-10-29

Versuch einer Konversation

Von unkultur @ 22:51 [ Erdungsgarnitur ]
Kulturliebhaber, ein Glas Rotwein balancierend: „Ich fand die Gedichte am Schluss grossartig.“

unkultur, gegen Rauchschwaden und Lärm ankämpfend: Lächelt diplomatisch.

Kulturliebhaber: „Sie haben mich berührt.“

unkultur, einen Ellbogen von rechts abwehrend: Lächelt schief.

Kulturliebhaber: „Du hast sie nicht gemocht, stimmt's?“

unkultur: „Ich fand alle anderen Texte besser.“

Kulturliebhaber: „Oh.“ Guckt ratlos.

unkultur: „Die Gedichte waren mir zu anstrengend.“

Kulturliebhaber: Lächelt diplomatisch. Verschwindet in der Menge.

unkultur beschreibt eine Drehung um 45 Grad, wendet sich A., B. und C. zu.

unkultur: „Die Gedichte klangen nach Musenalp.“ Hustet.

A: grinst.

B: „Ich habe als Jugendliche Musenalp-Texte ausgeschnitten und an die Wand gehängt.“

C: „Oh.“

2007-10-28

Eine neue Partei, die das Weltgefüge verändern wird

Von unkultur @ 09:43 [ Poetry Slam/Spoken Word ]
Gestern wohnte unkultur per Zufall einem historischen Moment bei: Mit der Verlesung eines Manifests, einer mitreissenden Rede und dem Singen einer Parteihymne, in der es unter anderem um Sushi ging, wurde die „Ich bin Ich“-Partei gegründet. Viele begeisterte Anhänger waren dabei.

Die Partei widersetzt sich dem „Massenwahn“ und ist daher konsequenterweise auf Google nicht auffindbar. Auch über Offline-Kanäle lässt sich bislang nichts über die „Ich bin ich“-Partei ausfindig machen. Langsam aber sicher beginne ich mich zu fragen, ob das gestrige Ereignis vielleicht auf ein paar Gläser Rotwein zuviel zurückzuführen war und ich es besser für mich behalten würde…

Wie dem auch sei, zuvor waren im Plüsch zahlreiche zumeist junge Autoren beim Lesen zu belauschen. Nun ja, jung – die meisten von ihnen waren ungefähr in meinem Alter. In zehn oder zwanzig Jahren sind sie dann wohl aus meiner Sicht immer noch jung. Alle von ihnen gehörten der Literaturgruppe Index (Wort und Wirkung) an. Ich muss sagen, viele davon waren gut, sehr gut sogar. Zwei fielen etwas ab, aber das ist ja nötig, damit man die Messlatte erkennt.

Der von mir verehrte Pedro Lenz ist offenbar auch bei der Gruppe dabei, liess sich gestern Abend aber nicht blicken. Vermutlich wollte er ihnen die Show nicht stehlen; sehr edel von ihm. Moderiert wurde das Ganze mit nicht zuviel und nicht zuwenig Enthusiasmus – moderat eben – von Urs Heinz Aerni, der eine grauenhafte Homepage hat, wie ich heute feststellen musste. Einige bekannte Gesichter waren im Publikum, wie der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu, der uns bald mit einem neuen Buch überraschen wird.

Dann, irgendwann kurz nach Mitternacht, war die Lesung zu Ende, und dann ereignete sich die erwähnte mysteriöse Versammlung, von der ich gar nicht mehr zu erzählen wage, bis ich nicht zumindest einen weiteren Augenzeugen auftreibe.

2007-10-26

Anleitung für die Lange Nacht der kurzen Geschichten

Von unkultur @ 11:09 [ Literatur/Sprache ]
Sogar eine vergnügliche Sache wie die Lange Nacht der kurzen Geschichten kann zum Stress oder sogar Frust werden. Aber das lässt sich vermeiden! Dank lang-
jähriger Erfahrung kann unkultur wertvolle Ratschläge erteilen:

Mit der Fülle umgehen: Für einmal rate ich davon ab, sich online zu informieren. Meiden Sie die Website, wo Sie bloss von der Menge der Möglichkeiten erschlagen würden. Nehmen Sie stattdessen die gedruckte Ausgabe zur Hand, blättern Sie entspannt darin und wählen Sie blind auf irgendeiner Seite irgendetwas.

Ohne Erwartungen hingehen: Wenn Sie im Voraus entscheiden, welche Veranstaltungen Sie unbedingt besuchen wollen, werden Sie enttäuscht sein: Genau diese Veranstaltungen werden zum Bersten gefüllt sein und die Menschen werden sich vor dem Eingang stauen.

Stattdessen die Nische suchen: Wenn Sie spontan bleiben, werden Sie die verborgenen Schätze der Langen Nacht an den Orten finden, wo Sie sie nicht erwartet haben: Bei einer versteckten Lesung in einer winzigen Buchhandlung. Bei einem spontanen Poetry Slam im Tram. Bei einem unverhofften Teller Suppe.

Koordinieren und navigieren: All Ihre Freunde werden in dieser Nacht auch unterwegs sein, und sie werden Sie hin und wieder sehen wollen. Stellen Sie Ihr Handy auf lautlos und geben Sie regelmässig via SMS Ihre Koordinaten durch.

Sich warm und praktisch anziehen: Sie werden öfters auf der Strasse stehen in dieser Nacht. Sie werden mit Atemwolken über Ihrem Kopf hitzig diskutieren. Sie werden in einer staubigen Ecke unter einer Treppe sitzen; der allerletzte Platz bei einer Lesung, den Sie ergattern konnten. Kleiden Sie sich also zweckgemäss.

Wenn Sie all diese Ratschläge beherzigen, kann nichts schief gehen. Sie werden die Lange Nacht der kurzen Geschichten geniessen!

2007-10-24

Von Leuchttürmen und Glühwürmchen

Von unkultur @ 21:42 [ Kulturpolitik ]
Manchmal frage ich mich, ob die Kulturförderung der Stadt Zürich wirklich Kultur fördert, oder ob sie hauptsächlich ihre Leuchttürme pflegt. Deren Leuchten könnte ja weniger intensiv wirken, wenn die filigranen Glühwürmchen, kühnen Feuerwerks-Querschläger und Neonlicht-Kunstwerke in ihrer Umgebung an Strahlkraft zulegen würden. Nichts gegen Schwerpunkte, aber neben ihrem Vorteil, der Fokussierung, muss man auch ihren Nachteil, die Schwerfälligkeit, beachten.



Das Sponsoring durch Unternehmen hat zugenommen; das wird auch im neuen Kulturleitbild betont. Gerade grossen, international ausgerichteten Firmen liegt viel an den Leuchttürmen als Garant für die Standortattraktivität. Naheliegend wäre es doch, diesen finanzkräftigen Selbstvermarktungs-Giganten einen bedeutend grösseren Anteil an den für sie attraktiven Leuchttürmen zu überlassen und dafür den Strahl der öffentlichen Förderung stärker auf kleinere Projekte zu richten.

Diese tragen gemäss Kulturleitbild ebensoviel zur Attraktivität von Zürich bei wie die Leuchttürme, sind aber im jetzigen Entwicklungsstadium für potente Sponsoren aus der Privatwirtschaft noch nicht augenfällig genug. Vielleicht sollte es auch nicht ihr Ziel sein, das zu werden.

Solche kleinen Kulturprojekte reichen oft auch ins Feld der Kreativwirtschaft hinein. Im internationalen Standortwettbewerb bedeutet die Kreativwirtschaft für Zürich: Imagefaktor, Standortfaktor, Impulsgeber, Innovationsmotor, Wirtschaftsfaktor. Dies wurde durch diverse Studien untermauert*. Hier befinden wir uns im Bereich der kleinen kommerziellen Anbieter, die, so scheint es, wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Doch auch sie brauchen eine günstige Umgebung, sollen sie weiter als Standortvorteil zur Verfügung stehen, mit dem man sich brüsten kann.

Für die Kreativwirtschaft wie auch für die Kultur gilt: Die Faktoren der Standortattraktivität sind keine Ressource, die man beliebig ausbeuten kann – Nachhaltigkeit ist gefragt.

Zurück zur Kultur: „Quartierkultur“ wird zwar gefördert; das ist ein Zugeständnis ans Soziokulturelle. Aber wenn ein gefördertes Kulturprojekt zu stark ins Subkulturelle abdriftet, wird es suspekt. Da kommen plötzlich unberechenbare, unbezifferbare und mit einer Leistungsvereinbarung unvereinbare Elemente ins Spiel.

Dabei hat sich gerade in Zürich immer wieder gezeigt, wie die ersten Impulse zu einer wichtigen kulturellen Strömung aus einer Subkultur kamen. Dass reine Subkultur nicht gefördert wird, ist klar: Sonst wäre sie keine Subkultur mehr. Aber wo und wann wird die Subkultur zur Kultur? Dies vorauszusehen, erfordert Fingerspitzengefühl und Weitsichtigkeit. Auf Entwicklungstendenzen auch einzugehen, erfordert Mut.

Dass diese Eigenschaften vorhanden sind oder waren, beweisen verschiedene Förderprojekte in der Vergangenheit. Aber noch heute weist man Institutionen, die sich schon längst etabliert haben, als "neu", "experimentell" oder "subkulturell" aus. Die Beschäftigung mit den guten alten Leuchttürmen ist halt am sichersten und gemütlichsten.



Einige Fragen:

Wird künftig jedes Jahr der „Musterschüler“ unter den Kulturinstitutionen ermittelt, errechnet aus dem höchsten Durchschnitt aller qualitativen und quantitativen Messgrössen einer Institution? (Die qualitativen Grössen lassen sich wenn nötig auch in Zahlen übersetzen).

Wie viele Ressourcen/Arbeitsstunden werden benötigt, um all diese Erhebungen zu machen und die Zahlen auszuwerten?

Werden sich einzelne Institutionen und die Stadt in Zukunft via Medien Schlachten liefern, zu denen ihnen die Zahlen und dazugehörigen Interpretationen die Munition liefern?

Sollte in einem Jahr ein Projekt der Sparte „Diverses“, gemessen an allen qualitativen und quantitativen Kriterien, eine grössere Leistung erbringen als die Tonhalle – welche Konsequenzen hätte das für dieses Projekt? Welche Konsequenzen hätte das für die Tonhalle?


> Zwei Beiträge im Kulturblog (beide vom 24. Oktober)


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* u.a. „Kreativwirtschaft Zürich“, Studie I und II sowie Synthesebericht, diverse Autoren, Verlag des Museums für Gestaltung Zürich, 2005. „Zürich Themenwelt“, Weissbuch, arthesia, Hrsg: GZA AG, Zürich Tourismus, Diverse Autoren, 2003.

2007-10-23

Lob der Verpackung

Von unkultur @ 12:20 [ Erdungsgarnitur ]


Sogar die nüchternste, inhaltsorientierteste Website braucht ein ansprechendes Layout, da würden mir vermutlich jeder zustimmen. Gemeinsam mit Inhalt und Usability ist der visuelle Eindruck das A und O einer Website, wenn sie immer wieder besucht werden will. Damit meine ich nicht einen wuchtigen grafischen Auftritt mit viel Flash und anderem Schnickschnack, sondern ein zurückhaltendes, durchdachtes Design. „Benutzeroberfläche“ ist kein negativ aufgeladenes, sondern ein neutrales Wort.

In anderen Bereichen hingegen stösst das Wort „Oberfläche“ auf heftige Abwehr. Oberfläche oder Verpackung wird assoziiert mit Oberflächlichkeit, Fassade, Kulisse, Maske, Ablenkung vom Wesentlichen, Täuschung. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Wir alle reagieren, ob wir es wollen oder nicht, sehr stark auf die Ober-
fläche. Diese Eigenschaft ist ein Teil unseres Wesens; indem wir sie zu verdrängen versuchen, verstossen wir sie bloss in den Bereich des Unbewussten und Unkontrollierbaren. Erst wenn wir der Verpackung oder der Oberfläche die Relevanz zugestehen, die sie hat, lernen wir, besser mit ihr umzugehen.

Nehmen wir einen Roman: Es gibt Leute, die behaupten, dass ihnen nur die Handlung wichtig ist; der Stil sei zweitrangig. Ich achte genauso stark auf den Stil, in den die Handlung verpackt ist, und ich bin mir sicher, dass jene Leute es ebenso tun – einfach unbewusst. Indem ich bewusst auch auf den Stil achte, erhöhe ich mein Lesevergnügen: Ich kann mich nicht nur an einer packenden Handlung erfreuen, sondern auch an der Art, wie ein Schriftsteller mit der Sprache umgeht, Ausdrücke manipuliert, elegante Wendungen kreiert. Der Nachteil dieser Wahr-
nehmung ist, dass ich ein Buch nach wenigen Abschnitten beiseite legen muss, wenn mir der Stil nicht zusagt.

Nehmen wir ein geschäftliches E-Mail: Es geht primär darum, einen Inhalt zu kommunizieren. Aber das „Wie“ der Kommunikation kann die Wirkung des Inhalts sehr stark beeinflussen. Wenn ich ein E-Mail schreibe, überlege ich mir bei jedem Wort, bei jedem Komma oder sonstigen Satzzeichen, wie ich es setzen will. Ein Ausrufezeichen ist meist ein Ausrufezeichen zuviel und erzeugt den Eindruck der Dringlichkeit oder des Drängens, den wir eigentlich nicht vermitteln wollen.

Nehmen wir das Auftreten eines Menschen: „Nur die inneren Werte zählen“, das haben wir schon tausendmal gehört. Wir alle wissen, dass es frommes Wunschdenken ist. Weshalb sich zum überlegenen, Äusserlichkeiten verachtenden Korrektmenschen aufschwingen, statt lustvoll und klug mit der Tatsache um-
zugehen, dass die Oberfläche zählt? Unsere Kleidung ist das bestimmende Moment unseres Auftritts – vor allem eines erstmaligen Auftritts – und die Chance, eine Aussage über uns zu machen. Damit meine ich nicht, dass ich mich gut kleiden und dann nur Blödsinn erzählen kann; selbstverständlich funktioniert das nicht. Aber die Kleidung ist eine Kommunikationsform. Wer das anerkennt, kleidet sich bereits viel überlegter und entsprechender der Aussage, die er machen möchte.

Ich befürworte keinesfalls, dass alle im Business-Look herumrennen; im Gegenteil. Mehr Kreativität ist gefragt – überall dort, wo Oberflächen und Verpackungen ins Spiel kommen.


> Lob der Maske

2007-10-22

Was haben Burma und die Schweizer Wahlen gemeinsam?

Von unkultur @ 21:09 [ The Web ]
Es sind dies zwei Themen, die in der Blogger-Welt auf eine ähnliche Art behandelt werden: Dieselben Blogger, die sich am heftigsten auf sie stürzten, lassen sie auffällig schnell wieder fallen. Auch bei den diesjährigen Wahlen der Schweizer Legislative auf Bundesebene wird das engagierte, nachdenkliche und energische Bloggen nur noch ein paar Tage überdauern.

Bei der Presse kennt man ja die Mechanik des Hochschaukelns. Sie wird gefördert durch die Konkurrenz und die Angst, Marktanteile zu verlieren. Aber woran liegt es bei den Bloggern, von denen die meisten nicht bezahlt sind und die sich ständig als die grossen Unabhängigen brüsten?

Man wird einwenden: Verständlich, dass Burma oder die Wahlen viele Menschen beschäftigen, also auch Blogger (auch unkultur). Und worüber schreiben wir, wenn nicht über das, was uns beschäftigt? – Berechtigter Einwand, aber ich spreche nicht von normalen Blog-Einträgen, sondern von diesem Solidaritäts-Gefasel, von diesem „Jetzt müssen wir etwas tun!“-Gehabe, von diesem aufgeblasenen selbstgerechten Auf-der-richtigen-Seite-Sein. Das dann verdächtig schnell wieder verstummt.

Man bebloggt sich gegenseitig

Was ich von der Burma-Welle halte, muss ich nicht wiederholen (man kann's hier nachlesen). Was die Wahlen anbelangt: Wenn ich jemals die Illusion hatte, dass Bloggen politisch etwas bewirken kann, dann habe ich sie jetzt nicht mehr. Die Blogger, auch wenn sie sich gegen das Attribut „elitär“ verwahren würden, scheinen dasselbe Problem wie die Schriftsteller zu haben: Sie bloggen unter sich. Sie bebloggen sich gegenseitig. Wer liest Blogs, abgesehen von anderen Bloggern? Erreichen Blogs diejenigen Wähler, deren Meinung beeinflusst werden müsste, oder die zum Wählen bewegt werden müssten? Kaum.

Das Bloggen und die Globalisierung begünstigen sich gegenseitig. Innerhalb dieser globalen Bloggerwelt entstehen selbstverständlich auch Nischen. Diese Nischen sind aber ortsunabhängig. Was bedeutet dies für regionale (räumliche) Strukturen, z.B. ein Land oder Regionen innerhalb eines Landes? Fallen sie durch die Maschen der Bloggerwelt? Bestimmte Kreise in der Schweiz konsumieren wahrscheinlich – sofern sie denn überhaupt Blogs konsumieren – nur Blogs, die im Radar von Facts 2.0 & Co. gar nicht auftauchen. Und die demzufolge auch von deren Radar nicht empfangen werden.

Ich behaupte seit längerem, dass sich auch in der Welt des Bloggens wieder eine Elite herausbildet. Es scheint unvermeidbar. Menschliche Gesellschaften, in welcher Form auch immer, funktionieren offenbar einfach so. Anerkennung von gewissen Menschen bedeutet uns mehr als Anerkennung von anderen Menschen. Einige sind gleicher als andere. So wird die Entwicklung in Bewegung gesetzt.

Auch sehr nützliche Plattformen wie „Votez pour vous!“ werden hauptsächlich von Blog-affinen Kreisen genutzt, behaupte ich jetzt mal; eine Erhebung wäre interessant. Irgendwann werden wir merken, dass wir vor uns hinlamentieren und nur von anderen Bloggern beachtet werden. Darauf folgt unweigerlich die Erkenntnis: Ich kann in der Offline-Welt nichts bewirken. Worauf wir uns wieder auf unser Bloggerdasein besinnen und die aufgesetzte Engagiertheit fallenlassen. Und wieder Bloggen um des Bloggens Willen.


> Anschliessende Diskussion auf Facts 2.0

2007-10-21

Das beste Mittel gegen den Wahl-Blues…

Von unkultur @ 23:06 [ Musik ]
…war heute Abend im Kaufleuten zu finden. Als Teil einer grossen multikulturellen Menge zu tanzen und „Maaa – ri –huana – La Felicidad!“ zu singen ermöglichte es tatsächlich, den miserablen politischen Zustand unseres Landes für eine Weile zu vergessen.

Zu dieser Linderung verhalf uns Raúl Paz aus Kuba mit seiner Band. Am Anfang dachte ich, seine Garderobe sei von Strellson gesponsert (eine der wenigen Marken, bei denen ich das als Kompliment meine); er trug eine lose geschlungene Krawatte zu einem blauen Hemd, darüber eine khakifarbene Jacke. Zu seinem wilden Kraushaar sah das toll aus. Das mit Strellson verwarf ich allerdings, als er ein Kettchen mit Goldherz aus seinem Hemd zog. - Raúl Paz um 20 Jahre ver-
jüngt, mit deutlich kürzerem Haar und auf schweizerdeutsch singend würde haargenau Baschi ergeben: Dieselbe Statur, eine Ähnlichkeit der Gesichtszüge, dieselbe Gestik und dieses Lächeln eines schnurrenden, charmanten, selbstverliebten kleinen Hauskaters.

Aber lassen wir die Äusserlichkeiten beiseite. Raúl Paz und seine Band sind eine Stimmungsbombe, und sie können Musik machen. Etwas stärker hätten sich gern die ange-
kündigten rockigen und jazzigen Elemente zeigen können. Stimmlich zeigte der Sänger ein paar Schwächen. Aber über all das sah man grosszügig hinweg, wenn man im locker gefüllten Kaufleuten-Saal in der dritten Reihe – ausnahms-
weise mal ohne zerquetscht zu werden – die Musik mit allen Fasern seines Körpers fühlte.

Ich freue mich schon aufs Konzert von Roisin Murphy im November. Ihr Musikstil entspricht mir viel eher als derjenige von Raúl Paz; aber sie wird sich anstrengen müssen, um eine ähnlich gute Stimmung zu erzeugen. Vielleicht ist bis dann die allgemeine Ernüchterung nach den Wahlen wie eine erdrückende Militärwolldecke über das Land gesunken, und wir werden Aufmunterung wieder dringend nötig haben…

2007-10-19

Eine grosse Familie von VIPs

Von unkultur @ 07:53 [ Kluturbanause ]
Oh ja, das Migros-Kulturprozent versuchte den Eindruck einer illustren Runde zu erwecken. Bei der Anmeldung zum Jubilee Award wurde nachgefragt, von wem man denn eingeladen worden sei. Die Teppiche waren zwar nicht rot, aber immerhin violett. Das Dilemma ist allerdings, dass „Migros“ für „unprätentiös“ steht, und das sollte denn auch nicht vergessen gehen. Es drückte sich aus im Tenue der meisten Gäste, das Eleganz höchstens andeutete. Es drückte sich aus in der Tatsache, dass man sich wie in einer grossen Familie fühlte: Man kannte sich. Mit einem der Preisträger hatte ich wenige Stunden zuvor Kaffee getrunken, dann gab’s auch Bekannte, die zwar keine Preisträger waren, aber Jurymitglieder und zumindest mit zweien der Preisträger verbandelt.

Die Preisübergabe-Show war solide gemacht; die auftretende Band versprühte eine unterkühlt/sexy/technoide Atmosphäre, die gut zum Design des „Laufstegs“ passte. Die Plastiktrophäen mit dem Migros-Aufdruck hatten Stil. Und dann gab’s da noch das Duo Hinterletscht, das uns mit zwei wunderbaren Volksliedern erfreute, einem pseudo-afrikanischen und einem schweizerischen. Wirklich, sie machten beinahe dem Buffet das Highlight des Abends streitig. (Der letzte Satz klingt wieder mal so ironisch, dabei meine ich ihn – grosses Ehrenwort – nicht das kleinste Bisschen ironisch.) Und nein, das pseudo-afrikanische Lied war nicht politisch unkorrekt, wie meine Kollegen meinten. Es war meisterhaft gemacht und hatte nichts von einer Parodie an sich. Das muss einfach gesagt sein.

Beim Weggehen erhaschte ich einen Blick auf Michèle Roten und war enttäuscht: Sie sah überhaupt nicht so cool/rotzig/glamourös aus, wie sie eigentlich auszusehen hätte. Wir mussten weiter in die Nachtigall, waren uns aber einig, dass es unter den gegebenen Umständen ein gutes Fest gewesen war. Nur die Kultur war etwas zu kurz gekommen dabei.

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