Ich habe nichts gegen
Fischli/Weiss. Aber ihre Kunst und vor allem ihre aktuelle Ausstellung sind in letzter Zeit so viel beachtet und so oft abgehandelt worden, dass uns entgangen ist: Anderswo spielt sich Spannenderes ab. Beispielsweise in der
Kunsthalle Zürich mit der Künstlergruppe
Claire Fontaine, die im Rahmen des Ganzjahresprojektes „
How to Cook a Woolf“ vorgestellt wird.
Hinter mir zucken noch die beunruhigenden Blitze und grollen die apokalyptisch anmutenden Fanfaren der Installation „Wake up“ des
Künstlerduos Allora & Calzadilla, dessen Werke ebenfalls seit Kurzem in der Kunsthalle ausgestellt sind. Aber heute bin ich hier, um Claire Fontaine zu entdecken.
Im Raum mit dem Schlüsselbund, der jeden Einbrecher entzücken würde, ist ironischerweise eine Aufpasserin stationiert. Bewacht sie die Bonbons in den Abfallsäcken nebenan, oder die Plakate, die man gratis mitnehmen darf? Passend zum Schlüsselbund mit den Dietrichen gibt es ein Video zu sehen, auf dem erklärt wird, wie man ein Schloss aufbricht. Ich muss an
Bitnik und ihren Hacker-Workshop denken.
Claire Fontaine – die Köpfe, die hinter dem Namen stecken, sollen ungenannt bleiben – möchte im Betrachter gewissermassen den Robin Hood-Instinkt wecken. Mehrere ihrer Werke rufen zum Ungehorsam und zum Diebischen auf. Da werden auch andere Künstler nicht ausgenommen: Der Abfallsack mit den Bonbons ist eine „gestohlene Idee“ des namhaften Installationskünstlers Felix Gonzalez-Torres. In der Tradition von
Marcel Duchamp, auf den ihr Name unter anderem anspielt, arbeitet Claire Fontaine mit Readymades – aber nicht mit industriellen Erzeugnissen, sondern mit Erzeugnissen von anderen Künstlern.
Die Schweizer Karte von Claire Fontaine beunruhigt – hat die Schweiz ihre Form verändert? Da hängen ein grosser Teil von Österreich und ein Stückchen von Slowenien an den gewohnten Umrissen unseres Landes. Die eingezeichneten Kühe wirken auf den zweiten Blick wie Köpfe mit Gasmasken. Wir hoffen auf eine Erklärung, aber sämtliche Beschriftungen sind in arabischer Sprache gehalten. Claire Fontaine möchte in uns den Sinn für die Fremdheit des Individuums im Eigenen wecken, und das gelingt ihr innert Sekunden.
Dem Ganzjahresprojekt „How to Cook a Wolf" liegen verschiedene Arbeiten von Künstlerkollektiven zu Grunde, die sich mit ähnlichen Ideen beschäftigen. Es finden auch Performances und andere Anlässe statt. Was beabsichtigt wohl die Kunsthalle mit dem Projekt? – Bestimmt soll hier ein Experiment stattfinden: Was wird entstehen? Dafür spricht auch, dass das Projekt vom amerikanischen Künstler
John Kelsey ko-kuratiert wird, der selbst in mehreren Künstlerkollektiven aktiv ist.
Die Kunsthalle bietet Künstlergruppen wie
Bernadette Corporation und Lee Williams oder auch
Reena Spaulings dieses Jahr eine begleitete Plattform. Die Gruppen haben gemeinsam, dass ihre Zusammensetzung international ist, und dass meist im Dunkeln bleibt, wer dahintersteht. Sie wollen im Gegenteil, dass nur
ihre Identität als Gruppe wahrgenommen wird.
Immer wieder geht es bei ihren Installationen und Texten um den Kreislauf, in den Kapital und Kultur eingebunden sind und der sich heute immer schneller dreht, und um die politische Machtlosigkeit des Individuums. Kann nur noch das (künstlerische) Kollektiv etwas ausrichten? Ist der Streik unser letztes Mittel des Widerstandes? Das sind einige der Fragen, die Claire Fontaine umtreiben.
Wohl aus demselben Instinkt heraus, der meine Vorfahren dazu trieb, im Himmel Trost bei den Göttern zu suchen, schweift nun mein Blick sinnsuchend zur Decke. Und tatsächlich, Claire Fontaine lässt mich nicht im Stich: „The True Artist Produces the Most Prestigious Commodity“, verkündet sie mir. Gedankenfutter für eine Weile, und obendrein Input für eine brandaktuelle Diskussion.
Bild geliehen von www.reenaspaulings.com
> unkultur-Beitrag zur Fischli/Weiss-Ausstellung