2007-06-29

Zürichs Kreativwirtschaft soll nach Aarau ausgelagert werden

Von unkultur @ 20:27 [ Standortvorteil ]
Der Kulturbund des heutigen Tages-Anzeigers ist der Zürcher Kulturpolitik gewidmet. Auf der ersten Seite darf man ein langes Interview mit Elmar Ledergerber lesen. Er spricht ununterbrochen von Zürichs „Leuchttürmen“, den grossen Prestige-Kulturinstitutionen. Irgendwann wird er gefragt, ob er denn keine Angst habe, dass die besten Leute der Kreativwirtschaft nach Berlin – oder Aarau – abwandern würden, wenn Zürich ihnen nicht mehr bieten würde. Seine Antwort:

Aarau und Zürich bilden doch zusammen einen Kulturraum. Die Stadt Zürich ist zu klein, um die ganze Kreativwirtschaft zu beheimaten. […] (Quelle: Tages-Anzeiger vom 29. Juni 2007)
Wenn das keine klare Botschaft ist. Kreativwirtschafter, packt Eure Siebensachen und wandert nach Aarau aus! (Und: Aarau, pack Deine Chance!) Wir in Zürich brauchen den Platz für unsere Leuchttürme!

Mich nimmt Wunder, was die Leute von der Creative Zurich Initiative dazu sagen… Aarau gehört zwar theoretisch auch zur Greater Zurich Area, aber die Beispiele für "Kreative", die von ihnen jeweils aufgeführt werden, sind fast immer in der Stadt Zürich angesiedelt.



> Zum Thema: Eintrag im Kulturblog

2007-06-28

Plädoyer für mehr Duftkunst im öffentlichen Raum

Von unkultur @ 22:30 [ Standortvorteil ]
Nicht etwa, dass ich diese künstlichen Blumendüfte in Warenhäusern mag, bewahre! Aber heute früh war ich wie jeden Tag auf einer „meiner“ beiden Buslinien unterwegs (der 31-er und der 32-er, magischer Schnittpunkt Militär-Langstrasse). Mein empfindliches Näschen steht auf diesen Strecken manchmal wahre Qualen durch. Aber heute – oh Wunder – befand sich direkt vor mir ein männlicher Nacken, der ein simples blaues Hemd trug, und dieses Hemd verströmte den Geruch nach Waschmittel. Unmittelbar danach stieg ich aus, und der Duft von frischer Farbe wehte mir entgegen. Was für eine perfekt eingerichtete Duftinstallation!

(Ich weiss, ich bin inkonsequent: Vor zwei Tagen habe ich mich über die „Verschmutzung“ durch zuviel Kultur überall beklagt...)

2007-06-27

klassentauglich

Von unkultur @ 09:05 [ Kluturbanause ]
Mein Wort des Tages: klassentauglich

Aufgeschnappt bei einer Sendung von art-tv.ch anlässlich einer Diskussion über die Qualität und die Rolle des Kulturjournalismus.

Ein Zitat aus dem „Fazit“ des Beitrags:

Der Tages-Anzeiger als grosses, aufgeschlossenes Lokalblatt ist am ehesten bereit, neue Wege zu gehen. Er reduziert sein Angebot auf wenige gute Berichte und lagert die U-Kultur (die sogenannte Unterhaltungskultur) aus in andere Gefässe, wie zum Beispiel das Gratisblatt 20Minuten, das mit einem neuen Internetauftritt neue Wege gehen soll. (Quelle: art-tv.ch)
Ja, bitte ins Internet verlagern, aber doch nicht auf die Website von 20Minuten! Wie Sie selbst sagten: Erstens werden Kategorisierungen wie „U-Kultur“ immer weniger möglich sein, und zweitens sollte man alle Kultur ansprechend präsentieren. 20Minuten aber ist in den Augen Vieler als Schrott gebrandmarkt. Da würde es sehr viel brauchen, bis ich mich auf die Website locken liesse.

Aber zurück zum Wort „klassentauglich“: Art-TV scheint hier eine echte Wort-Neuinterpretation, wenn nicht Wortschöpfung, gelungen zu sein, indem es das Wort als Gegensatz zu „massentauglich“ auslegt. Sonst lässt sich dieses Wort nur im Zusammenhang mit Fussball oder Autos – und in einzelnen Fällen mit Schulklassen – finden.

2007-06-26

Kultur im Güllenloch

Von unkultur @ 11:58 [ In eigener Sache ]


Zur Abwechslung mal ein nachdenklicher Eintrag: Vielleicht ist es Zeit, dass ich die Branche wechsle. Denn allmählich beginnt mir auf die Nerven zu gehen, was ich vor einigen Jahren noch charmant fand: Das Kultur-Label überall. Kultur in der Aula, Kultur im Gemeinderatssaal, Kultur in der alten Scheune, Kultur im Sihlcity, Kultur in der Kantine, Kultur auf Verkehrskreiseln, Kultur auf dem Kinderspielplatz, Kultur in der Badi*. Alles wird „bespielt“, wie ein Kolumnist, dessen Name mir entfallen ist, neulich treffend beklagte.

Erstens bringt das mit sich, dass die Kultur instrumentalisiert, ja missbraucht wird; der Begriff wird sinnentleert, um einfacher von ihm Gebrauch machen zu können. Jeder schmückt sich mit Kultur, die irgendwann keine Kultur mehr ist. "Art sells", wie ich in meinem Beitrag zu Sihlcity schrieb. – Zweitens möchte ich nicht dauernd mit Kultur berieselt werden, nicht mal mit hochkarätiger Kultur. Sind wir bald soweit, dass wir kulturfreie Zonen einrichten müssen, wie früher die rauchfreien Zonen? Müssen Komitees gegen Verschmutzung des öffentlichen Raums durch „Kultur“ gegründet werden?

Da lobe ich mir doch die Unkultur – sie ist zwar auch überall präsent, gibt sich aber nicht so leicht zu erkennen.



* OK, eine inkonsequente Ausnahme mache ich bei der Badi Enge und bei der barfussbar: Ich schätze ihre Kulturprogramme, obwohl auch hier Kultur und Lifestyle ein unzertrennliches Paar sind.

2007-06-25

„Künstler sind ein Problem im Allgemeinen“

Von unkultur @ 00:42 [ Erdungsgarnitur ]
Allmählich mache ich mir Sorgen um mich - denn schon wieder schreibe ich über einen Anlass, an dem ich nicht war. Er hätte in dieser Nacht im Perla Moda an der Langstrasse stattgefunden (bzw. er fand auch tatsächlich statt); ich stand bereits vor der Tür und schaute durchs Schaufenster. Da standen diverse Performancekünstler in T-Shirts, die mit dem Motto „Künstler sind ein Problem im Allgemeinen“ bedruckt waren. Obwohl mir das sympathisch war, erinnerte ich mich plötzlich, dass ich noch andere Verpflichtungen hatte, und spazierte deshalb von dannen.

Ich begegnete dann im Xenix einem Mitglied einer Band namens Scheich (von der ein anderes Mitglied offenbar an diesem Abend im Perla Moda mitwirkte), der mir versicherte, sie würden wie die deutsche Ausgabe von Portishead oder Morcheeba klingen. Ich sah mir dann ihre Website an und befand, zumindest ein Song von ihnen klinge ein wenig wie Moloko. Und da ich Moloko mag, gehe ich mir vielleicht mal ein Konzert von Scheich anhören.

2007-06-24

Wölfe statt Fischli

Von unkultur @ 23:56 [ Kluturbanause ]
Ich habe nichts gegen Fischli/Weiss. Aber ihre Kunst und vor allem ihre aktuelle Ausstellung sind in letzter Zeit so viel beachtet und so oft abgehandelt worden, dass uns entgangen ist: Anderswo spielt sich Spannenderes ab. Beispielsweise in der Kunsthalle Zürich mit der Künstlergruppe Claire Fontaine, die im Rahmen des Ganzjahresprojektes „How to Cook a Woolf“ vorgestellt wird.

Hinter mir zucken noch die beunruhigenden Blitze und grollen die apokalyptisch anmutenden Fanfaren der Installation „Wake up“ des Künstlerduos Allora & Calzadilla, dessen Werke ebenfalls seit Kurzem in der Kunsthalle ausgestellt sind. Aber heute bin ich hier, um Claire Fontaine zu entdecken.

Im Raum mit dem Schlüsselbund, der jeden Einbrecher entzücken würde, ist ironischerweise eine Aufpasserin stationiert. Bewacht sie die Bonbons in den Abfallsäcken nebenan, oder die Plakate, die man gratis mitnehmen darf? Passend zum Schlüsselbund mit den Dietrichen gibt es ein Video zu sehen, auf dem erklärt wird, wie man ein Schloss aufbricht. Ich muss an Bitnik und ihren Hacker-Workshop denken.

Claire Fontaine – die Köpfe, die hinter dem Namen stecken, sollen ungenannt bleiben – möchte im Betrachter gewissermassen den Robin Hood-Instinkt wecken. Mehrere ihrer Werke rufen zum Ungehorsam und zum Diebischen auf. Da werden auch andere Künstler nicht ausgenommen: Der Abfallsack mit den Bonbons ist eine „gestohlene Idee“ des namhaften Installationskünstlers Felix Gonzalez-Torres. In der Tradition von Marcel Duchamp, auf den ihr Name unter anderem anspielt, arbeitet Claire Fontaine mit Readymades – aber nicht mit industriellen Erzeugnissen, sondern mit Erzeugnissen von anderen Künstlern.

Die Schweizer Karte von Claire Fontaine beunruhigt – hat die Schweiz ihre Form verändert? Da hängen ein grosser Teil von Österreich und ein Stückchen von Slowenien an den gewohnten Umrissen unseres Landes. Die eingezeichneten Kühe wirken auf den zweiten Blick wie Köpfe mit Gasmasken. Wir hoffen auf eine Erklärung, aber sämtliche Beschriftungen sind in arabischer Sprache gehalten. Claire Fontaine möchte in uns den Sinn für die Fremdheit des Individuums im Eigenen wecken, und das gelingt ihr innert Sekunden.

Dem Ganzjahresprojekt „How to Cook a Wolf" liegen verschiedene Arbeiten von Künstlerkollektiven zu Grunde, die sich mit ähnlichen Ideen beschäftigen. Es finden auch Performances und andere Anlässe statt. Was beabsichtigt wohl die Kunsthalle mit dem Projekt? – Bestimmt soll hier ein Experiment stattfinden: Was wird entstehen? Dafür spricht auch, dass das Projekt vom amerikanischen Künstler John Kelsey ko-kuratiert wird, der selbst in mehreren Künstlerkollektiven aktiv ist.

Die Kunsthalle bietet Künstlergruppen wie Bernadette Corporation und Lee Williams oder auch Reena Spaulings dieses Jahr eine begleitete Plattform. Die Gruppen haben gemeinsam, dass ihre Zusammensetzung international ist, und dass meist im Dunkeln bleibt, wer dahintersteht. Sie wollen im Gegenteil, dass nur ihre Identität als Gruppe wahrgenommen wird.

Immer wieder geht es bei ihren Installationen und Texten um den Kreislauf, in den Kapital und Kultur eingebunden sind und der sich heute immer schneller dreht, und um die politische Machtlosigkeit des Individuums. Kann nur noch das (künstlerische) Kollektiv etwas ausrichten? Ist der Streik unser letztes Mittel des Widerstandes? Das sind einige der Fragen, die Claire Fontaine umtreiben.

Wohl aus demselben Instinkt heraus, der meine Vorfahren dazu trieb, im Himmel Trost bei den Göttern zu suchen, schweift nun mein Blick sinnsuchend zur Decke. Und tatsächlich, Claire Fontaine lässt mich nicht im Stich: „The True Artist Produces the Most Prestigious Commodity“, verkündet sie mir. Gedankenfutter für eine Weile, und obendrein Input für eine brandaktuelle Diskussion.


Bild geliehen von www.reenaspaulings.com


> unkultur-Beitrag zur Fischli/Weiss-Ausstellung

2007-06-23

Zum Abschied ein Rätsel

Von unkultur @ 19:36 [ Erdungsgarnitur ]
Finn Canonica, Chefredaktor des Tagi-Magi, befand ja neulich in der WW, ich dürfe die WW doch noch ein bisschen mögen, auch wenn ich doch vor allem das Tagi-Magi möge. Ich bin erleichtert.

Heute also gibt uns Sam Keller im Tagi-Magi zum Abschied – zu seinem Abschied als Direktor der Art Basel wie auch zum Schluss seines langen Interviews – ein Rätsel auf: Bei der Kunst gehe es nicht darum, ein Starsystem zu bedienen, sondern es gehe um Freiheit. Was meint er bloss damit, bei der Kunst gehe es um Freiheit? Das Orakel hat gesprochen. Oder vielleicht klang es auch einfach gut.


P.S. Ich würde mich ja gerne auf der neuen super-interaktiven Website des Tagi-Magi aktiv betätigen, aber ich befürchte, dank der rigiden Null-Anonymitäts-Toleranz würde sogar mein sehr realer Charakter unkultur nicht als „echte Person“ anerkannt.


2007-06-22

Alle berufen sich auf Marcel Duchamp

Von unkultur @ 08:01 [ Kluturbanause ]
Es ist im Moment total hip, sich auf Marcel Duchamp und seine Readymades zu berufen. Cabaret Voltaire-Direktor Philipp Meier tut es im Interview auf rebell.tv („Wir haben ein Readymade gemacht“; mit "Wir" meint er vermutlich die Künstlergruppe Bitnik und sich); ausserdem kann man bei diesem Interview beobachten, wie er elegant mit einem Zahnstocher hantiert – aber da ist der Kulturblog zuständig.

Ebenfalls (wenn auch weniger plakativ) auf Marcel Duchamp verweist das Künstlerkollektiv Claire Fontaine, von dem momentan in der Kunsthalle Zürich Einiges zu sehen ist, und zwar im Zusammenhang des Ganzjahresprojekts „How to Cook a Wolf“. Hierüber wird unkultur in den nächsten Tagen berichten.

2007-06-21

Ein masochistischer Akt, der zu grossem Vergnügen führt

Von unkultur @ 20:02 [ Musik ]
Selbstverständlich spreche ich von der Musik. Heute quälte sich die bekennende Spätaufsteherin unkultur zu unmenschlicher Stunde aus den Federn, um das zweitletzte Konzert von Roger Girods legendärer Frühaufsteher-Reihe mitzuerleben. Seit zwanzig Jahren werden die Konzerte in Winterthur, seit zwölf Jahren in Zürich durchgeführt, und von Anfang an mit durchschlagendem Erfolg.

Punkt 30 Sekunden vor 7 Uhr trifft die übernächtigte unkultur also im Zentrum Karl der Grosse ein. Tatsächlich, das Lokal ist voll. Ein Radioreporter aus dem fernen Welschland ist angereist; der heitere Morgen verspricht Positive Vibrations („Zürich vibriert!“ ist das Motto). Natalie Dietrich steht am Vibraphon, Roger Girod setzt sich ans Klavier. Zwei Musizierende geniessen das Musizieren offensichtlich in vollen Zügen. Die Klänge der beiden Instrumente umtänzeln sich, formen mit technischer Präzision Klangbilder, gehen kalkulierte Wagnisse ein. Zu guter Letzt setzt sich Natalie Dietrich noch aufs Cajón – dem temperamentvollen Instrument entlockt sie sanfte Klänge.

Eine halbe Stunde ist verstrichen, und nicht mal ein Hauch von Müdigkeit hat sich eingestellt. Das Oberdorf ist immer noch heiter und duftet gut, kurz vor dem Einsetzen des Gewittersturms. Vielleicht findet die Konzertreihe irgendwann eine Nachfolgerin? Zu einer humaneren Tageszeit?

2007-06-20

Andere Länder, andere Sitten...

Von unkultur @ 21:09 [ Dada (im Alltag) ]


... aber ich kann gut verstehen, dass die Anwohner nach einer Ampel verlangten, wo sich doch täglich Dutzende von Autos die Treppe hinunterquetschten (und zahlreiche Fussgänger Kopf voran gegen die Wand liefen?).


P.S. Heute sollte jeder treue Kreis 4-Bewohner in der Bäcki sein und sich das Konzert von Flugente anhören. Wieso ist denn unkultur nicht dort? Sie befürchtet, dass angesichts der drohenden Gewitterschauer aus der Flugente bald eine Schwimmente wird...

(Foto: aus unkulturs Ferien)

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