Ab sofort ist die Wahl eröffnet
Wir können nun die Kulturministerin / den Kulturminister der Schweiz wählen. Und da sich die Kandidatin
Ursina Gabriela Roesch bei mir beworben hat, auf dass ich für sie werbe, habe ich einen Blick auf ihr Profil geworfen.
Hier ist es.
Wir aus dem Kreis 4 sollten uns gegenseitig unterstützen. Trotzdem muss ich ein kritisches Urteil abgeben: Ihre Ideen sind zwar durchaus lobenswert, aber die Art, wie sie kommuniziert werden, braucht unbedingt einen Feinschliff.
Ein Beispiel:
die künste und kulturen sollten eine vertretung - referenz haben im schweizer staat und über die grenzen hin u aus u ein wirken, kommunizierend und spätestens seit ulysses von james joyce kennen wir den stream of consiousness, das heisst den gedanken ihren freien lauf lassen, unabhängig von der äusseren logik, da entstehen die künste und kulturen die es zu fördern, unterstützen, vernetzen gibt, mit und beizutragen es sich lohnt! deine ihre unsere eure meine deine seine dich deine - inspiration ist gefragt ! (Ursina Gabriela Roesch)
Da muss dringend eine unterstützende Kulturmanagerin/Kommunikatorin her. Einige der anderen Kandidaten machen viel deutlichere Aussagen. Nicht dass ich das Undeutliche minderwertig fände – aber in der (Kultur)politik sind klare Aussagen von allergrösster Bedeutung.
Ich habe mich noch nicht entschlossen, wem ich meine Stimme geben werde. Zu einem späteren Zeitpunkt wird hier aber eine Wahlempfehlung abgegeben.
Effizienz für die Kunstsammler des 21. Jahrhunderts: Die Grand Tour
Im 17. bis 19. Jahrhundert reiste man auf der
Grand Tour durch die wichtigsten Kulturstätten Europas und nahm sich dabei Zeit; der Genuss stand im Vordergrund. Im 21. Jahrhundert steht die
Grand Tour ganz im Zeichen der Effizienz für Kunstsammler mit einem gedrängten Zeitplan. (Dabei wird heute Frankreich ignoriert, während sich in der Schweiz immerhin eine der wichtigsten Stationen befindet.)
In diesem Jahr treffen vier wichtige Anlässe aus der Welt der Kunst fast zeitgleich zusammen: Die
Biennale in Venedig, die
Art Basel, die
documenta 12 in Kassel (alle 5 Jahre) und die
skulptur projekte münster 07 (alle 10 Jahre). ((Warum eigtl. muss man immer all diese Namen mit kleinem Anfangsbuchstaben schreiben? Wirkt das künstlerischer? Moderner? Innovativer?)). Das ist
die Gelegenheit, den Sammlern eine moderne
Grand Tour vorzuschlagen. Nur: Kommen sie nicht selbst auf die Idee, dass sie all diese Anlässe sehen „müssten“? Viel grösser wäre doch der Anreiz, wenn man ihnen ein Pauschalpackage anbieten und ihnen die Mühen der Vorbereitung ersparen würde.
Naheliegend? Auf der
Website der Grand Tour gibt es nichts dergleichen: Die Reisenden müssen sämtliche Flüge oder Bahnfahrten, Mietautos und Hotels separat buchen. Auch auf der Website des spezialisierten Reisemagazins für Kunst- und Kulturreisen
arttourist.com finde ich vorerst nichts, wenn ich nach „Grand Tour“ suche. Selbst bei
artcities.com werde ich nicht fündig (die Website wirkt sowieso etwas "mager" auf mich). Suche ich falsch, oder kann es sein, dass die europäischen Tourismusanbieter diese Gelegenheit verpassen?
Der amerikanische Anbieter
Turon Travel hingegen hat die Chance offensichtlich gepackt und bietet "exclusive discount hotel and air travel rates" speziell für die
Art Basel (und für die
Art Basel Miami Beach) an. Allerdings befindet sich auf seiner Website bereits in roten Buchstaben der Vermerk: "Basel is sold out until 15 June 07. View hotels in Zurich".
Nachtrag zu: Das Aussterben der Fachpersonen
Dieses Thema beschäftigt nicht nur
unkultur. In der
F+F findet am Mittwochabend eine Podiumsdiskussion zum Thema „
Endlich Kunst ohne Kritik?“ statt. Es geht um die aktuelle Bedeutung der Kunstkritik – ich hoffe auf eine kontroverse Diskussion! Im Anschluss gibt’s im
Stall 6 ein Konzert des
Art Critics Orchestra.
Beim
tweakfest habe ich doch noch kurz reingeschaut. Allerdings lief gerade nichts Spannendes (bzw. eine Präsentation hätte im Gang sein sollen, aber offenbar kämpfte der Referent mit einem Server-Absturz. Mir gefiel die Ironie dieser Begebenheit). Die Leute von
etoy wollten mich in ihren Sarkophag locken, aber ich hatte so eine Ahnung, dass dort drinnen eine erdrückende Hitze herrschen würde, und lehnte dankend ab. Wenn es um klimatische Bedingungen geht, hat meine Begeisterung für Neues Grenzen.
Zeitgenössische Stillleben

Bild geliehen von
station21
Nein,
FastKunst bedeutet nicht „beinahe Kunst“, sondern das „fast“ ist dem Englischen entliehen – „fast“ wie in „Fast Food“. Konsequenterweise müsste es also „Fast Art“ heissen. Diese gibt’s ab dem 1. Juni in der
station21 zu kaufen. Etwas länger haltbar als Fast Food sind die Werke, die in 15 Minuten gepinselt, in Alufolie eingepackt und gleich nach Hause genommen werden können. En Guete!
Kreative Nabelschau
Vor wenigen Stunden wohnte
unkultur dem zweiten
Creative Wednesday der
Creative Zurich Initiative im
Cabaret Voltaire bei. An diesen Anlässen fällt bis jetzt Folgendes auf: (1) Sie fokussieren sehr stark auf die positiven Aspekte; kritische Töne fehlen fast ganz. (2) Die „Kreativwirtschaft-Szene“ ist unter sich.
Auch diesmal wurde wieder betont, was für ein toller Standort Zürich doch sei mit seinem Kunsthandel etc. Einzelne (positive) Aspekte wurden von verschiedenen Podiumsteilnehmern beleuchtet. Dieses Setup ist wohl für Aussenstehende oder Neulinge auf diesem Gebiet höchst interessant. Nur trafen diese Kriterien auf keine der Anwesenden zu.
Entweder müssten diese Anlässe einem breiteren Publikum schmackhaft gemacht werden und könnten sich tatsächlich auf den informativen Aspekt konzentrieren. Oder aber – und ich vermute, dass hier die eigtl. Absicht des
Creative Wednesday liegt – man bleibt unter sich; dafür wird weniger um den heissen Brei herum geredet. Es sollten sofort die kritischen Punkte angesteuert, Impulse gegeben und Ideen angedacht werden.
Thomas Sevcik (vom Think Tank
arthesia) als aktiver Zuhörer war offenbar auch dieser Meinung. Nachdem seine Versuche, die Diskussion in diese Richtung zu lenken, nichts gefruchtet hatten, verabschiedete er sich vorzeitig.
Bleibt zu hoffen, dass der
Creative Wednesday nicht zu einem Anlass der Nabelschau und Selbstbeweihräucherung der Vertreter von Zürichs Kreativwirtschaft und Standortförderung verkommt, sondern ganz im Sinne der
Creative Zurich Initiative vorwärtsgerichtet arbeitet und Ideen entwickelt. Das zweite Ziel des Anlasses, das Networking, wurde bestimmt erreicht – wenn auch hauptsächlich mit Leuten, die man bereits kannte.
Die Mär vom Niedergang der Kultur
„Geld regiert die Kunst“, liest man da, und das sind noch die gemässigten Vertreter dieser Weltanschauung. Die Kunst sei tot, diagnostizieren gar misanthropische Zeitgenossen. Auf eine solche Aussage folgt meist die Behauptung, früher sei halt alles viel besser gewesen. In der Blüte der menschlichen Zivilisation und Kultur, vor einigen 100 Jahren, sei Kunst nur für hehre Ideale erschaffen worden.
Ich habe genug von dieser rückständigen Verklärung, von dieser selektiven Wahrnehmung der Geschichte! Seit es Kultur gibt, seit es Kunst gibt, ist sie ein Balanceakt zwischen Sinn und Geld, zwischen den Idealen des Künstlers und dem Geschmack der Öffentlichkeit und/oder Obrigkeit, zwischen den Absichten des Künstlers und denjenigen seiner Mäzene, zwischen Geist und Kommerz, zwischen Gefallsucht und Reinheit. Dieser Balanceakt ist heute nicht mehr oder weniger prekär als zu den „guten alten Zeiten“.
Kunst nur um der Kunst oder um höherer Ideale Willen hat es so höchstens in einzelnen Fällen, isolierten Situationen, sehr kurzen Zeitspannen gegeben; der trügerische Moment des Gleichgewichts, bevor der Balancierende wieder auf die eine oder andere Seite nachgibt. Vor allem aber gab und gibt es dieses Ideal in den Köpfen der Menschen. Und da soll es weiterhin bestehen, denn es befähigt uns zu grossartigen Leistungen. Nur leider wird es auch für destruktive Schwarzmalerei missbraucht.
Schon wieder ein Dilemma (Digitalkultur vs. Ethno)
In den nächsten Tagen könnte man das
tweakfest besuchen. Oder
Afro-Pfingsten.
Man könnte auch einfach die
Zehenspitzen in den See stecken und alle kulturellen Anlässe ignorieren, wie ich es am letzten Wochenende getan habe. (Bei dieser Tätigkeit bin ich dann trotzdem einer wunderbar zusammengewürfelten Truppe von Strassenmusikern begegnet, ein bisschen wie „Incognito“ klangen, nur noch funkiger. Sie haben keinen Namen, aber eine Visitenkarte. Ich werde sie bald mal buchen.)
P.S. Ich habe ein Bild von diesen
Horrordingern gefunden:
Da ich nicht wusste, was ihre richtige Bezeichnung ist, war das gar nicht so einfach.
Ich könnte natürlich auch das Schaufenster gleich bei mir um die Ecke fotografieren. Da gibt es sie in allen Farben des Regenbogens.
Musterhaft auch im Jenseits (Unwort des Tages)
Mein Unwort des Tages: „
Mustergrab“
Ich habe keine Ahnung von Friedhöfen und Gräbern, und vermutlich ist die folgende Tatsache all meinen Mitmenschen bereits bekannt, aber ich musste sie gestern auf dem
Friedhof Sihlfeld entdecken: Da gibt es tatsächlich Gräber, die unter dem Begriff „Mustergräber“ an einer gut sichtbaren Stelle des Friedhofs platziert werden und den kommenden Gräbern offenbar als Vorbild dienen sollen. Mit „Mustergrab“ ist manchmal nur der Grabstein, manchmal zusätzlich die Bepflanzung des Grabs gemeint. Ob wohl hauptsächlich „Musterbürger“ in „Mustergräbern“ begraben werden? Oder ob im Gegenteil besonders rebellische Menschen von ihren mustergültigen Nachkommen in solche Gräber gesteckt werden? Oder Menschen, deren Nachfahren keine Lust darauf haben, ihr Grab zu pflegen – denn das übernimmt bei den Mustergräbern vielleicht die Gemeinde?
Es gibt in Zürich übrigens 19 städtische sowie 6 private Friedhöfe und ausserdem zwei Waldstücke extra für Aschebeisetzungen. Ca. 35 Friedhöfe, die früher bestanden, wurden vor ca. 100 Jahren geschlossen. (Quelle:
Bevölkerungsamt der Stadt Zürich). Ich nehme an, diese Friedhöfe sind alle für Angehörige von bestimmten Konfessionen reserviert. Als Konfessionslose fühle ich mich jetzt schon etwas heimatlos.
Der Meister schlägt wieder zu
Herzlich wenig interessiert mich das Filmfestival von Cannes, aber was erblickten da meine Sperberaugen beim hastigen Überfliegen der Schlagzeilen? Wong Kar Wai! Der Meister beglückt uns wieder mit einem Film. Mit seinen letzten Filmen hat er die eigene Messlatte so hoch gesetzt, dass ich befürchte, enttäuscht zu werden. Bisher habe ich nur „2046“, „In the Mood for Love“, „Happy Together“ und einen älteren, ziemlich brutalen Film („Fallen Angels“ vermutlich) von ihm gesehen. Vor allem bei den zwei neusten geht die ästhetische Vollkommenheit so weit, dass man jede beliebige Sekunde des Films als Standbild herauspflücken könnte, und sie wäre perfekt. Zudem ist die Filmmusik immer meisterhaft.
Das zu übertreffen… Wie ich sehe, wählt Wong Kar Wai diesmal auch ein paar westliche Schauspielerinnen und Schauspieler, samt und sonders „Eye Candy“, versteht sich. Ob es Wong Kar Wai trotz ihnen / mit ihnen gelingen wird, das Mysteriöse, Zurückhaltende und trotzdem sehr Gefühlvolle darzustellen?
Marcus Miller vs. Costa del Soul
Gestern Abend im
Kaufleuten: Auftritt des Bassisten
Marcus Miller, der nicht nur mit Miles Davis, sondern auch mit vielen anderen Grössen des Jazz gespielt hat. Gestern demonstrierte er mit seiner Band, wie man richtig groovt. Phä-no-me-nal. Funk vom Allerfeinsten. Die kitschige R&B-Einlage wäre zwar nicht nötig gewesen; aber man verzieh sie ihm gern. Dass er sämtliche Instrumente, welche die Mitglieder seiner Band virtuos spielten, auch beherrscht, musste er unbedingt demonstrieren – wir nahmen’s wohlwollend zur Kenntnis und freuten uns über die Verlängerung des Auftritts. Ganz toll auch der Schweizer Mundharmonika-Spieler Gregoire Maret.
Dann an der Bar im Saal bei einigen Drinks das Konzert nachwirken lassen und amüsiert beobachten, wie das Publikum von „Costa del Soul“ eintrudelt. Heute schwer vorstellbar: Vor 8 oder 9 Jahren fühlte ich mich in einer solchen Crowd noch zu Hause. Die Jungs in ihren besten HipHop-Gangsta-Klamotten (wissen wohl nicht, dass Baggy Pants bei den „echten Gangstas“ schon lange out sind), die Mädels mit überdimensionalen Ausschnitten und ebensolchen Gürteln, die sie offenbar mit Miniröcken verwechseln. Die Musik: Dieselbe wie damals; ich höre keinen Unterschied.