2009-09-11
Die erlösende Kraft der Musik
Heute mal was Rührendes. Wer Kitsch nicht mag, bitte nicht weiterlesen. Und übrigens: Dieser Blog-Eintrag ist BodeständiX gewidmet.
Als ich neulich im feierabendlichen, mit dem Geruch von Müdigkeit und latentem Schweissgestank imprägnierten Tram sass und meinen Kopf leicht nach rechts drehen wollte, um nicht einem zynisch-kultivierten, auf Schleudertraumata spezialisierten Versicherungsdetektiv ins Gesicht schauen zu müssen, fiel mir auf, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Offenbar liefen die Grundfunktionen des Körpers weiter – das Herz schlug, ich atmete, und meine Augenlider schlossen sich hin und wieder. Aber ich konnte nicht den kleinen Finger rühren oder den Kopf um einen Millimeter bewegen, geschweige denn ein Bein anheben oder das leiseste Geräusch von mir geben.
Stumm flehte ich meine Mitfahrenden um Hilfe an, sogar den Versicherungsdetektiv, der jetzt allerdings ausstieg und sich nicht im Geringsten darüber zu wundern schien, dass ich nicht zur Seite rutschte, um ihm Platz zu machen. Vielleicht hielt er das für normal; vielleicht dachte er aber auch, ich simuliere. Wofür war dies hier die Strafe? Ich dachte an den Banker, den ich vor über einem halben Jahr skrupellos im Stich gelassen hatte, und der vermutlich in die Hände von brutalen subkulturellen Aktivisten gefallen und von ihnen skalpiert worden war, und flehte ihn stumm um Verzeihung an. Innerlich liefen mir die Tränen über die Wangen.
Das Tram leerte sich, das Tram füllte sich. Niemand bemerkte etwas. Irgendwann stieg ein Strassenmusiker ein, der sich mutig über das Verbot hinwegsetzte und fröhlich anhub, auf seiner Fiedel ein Liedchen zu spielen. Eigentlich mag ich Strassenmusiker sehr; manche sind virtuos, aber es gibt welche unter ihnen, die ihre Töne nicht treffen – sei es singender- oder spielenderweise. Dieser Strassenmusiker hier spielte seine Töne so falsch, dass es mir durch Mark und Bein fuhr. Es schüttelte meinen Körper spastisch durch, und ein Knurren entstieg meiner Kehle. Während mich die anderen Fahrgäste mit erhobenen Augenbrauen anschauten, lächelte ich sie an: Ich konnte mich wieder bewegen! Ich gab meinem Sitznachbar aus Übermut eine kleine Kopfnuss, dem Strassenmusiker aus Prinzip kein Trinkgeld und stieg aus, in die Freiheit.
2009-09-08
Ist der TheaterSpektakel-Effekt erwünscht?
Die Lange Nacht der Museen habe ich bis zum letzten Porzellanteller ausgekostet – als ich aber um 3 Uhr morgens im Foyer des Kunsthauses stand und mir die Stimmbänder kaputtschrie, damit ein paar banale Worte über die Giacometti-Ausstellung meine Begleitung erreichen mögen, fragte ich mich, was genau das Ziel der Aktion sei. Nicht dass ich als unkultur etwas gegen die Vermischung von Kultur und Kommerz, Unkultur und Subkultur, dröhnenden Bässen und Nebelspalter-Zitaten hätte; im Gegenteil, nur zu! Trotzdem, wunderte ich mich – nach meinen Ohropax tastend und nach Luft schnappend –, ob die teilnehmenden Häuser wohl ihr Ziel, worin es auch immer bestand, an diesem Abend erreicht hätten.
Das (nachhaltige) Ziel könnte sein, eine Gruppe von Leuten zu erreichen, die sonst kaum Museen besuchen, sie von der Welt der Museen zu begeistern und sie dazu zu bringen, häufiger vorbeizuschauen. Ich bezweifle, dass es erreicht wurde, denn die Leute sind nicht dumm: Sie wissen, dass die Museen für eine Nacht ein anderes Gewand übergestreift haben.
Das (weniger nachhaltige) Ziel könnte auch sein, Museumsmuffel dazu zu bewegen, wenigstens einmal im Jahr ins Museum zu gehen. Danach heisst es aber: Auf Wiedersehen bis in 365 Tagen, wenn es im Schauspielhaus wieder tönt und riecht wie im Helsinki oder in der Hafenkneipe oder meinetwegen im St. Germain. Das ist der TheaterSpektakel-Effekt: Viele Leute gehen einmal pro Jahr ins Theater – wenn es ihnen in einem gefälligen Rahmen geboten wird.
Kollateral wurde wohl hauptsächlich eine dritte Gruppe erwischt, die nicht im Visier war: Die Kadazz*, die dann ins Museum gehen, wenn sich möglichst viele andere ihrer Gattung da tummeln, damit sie auch bestimmt gesehen werden. Ich habe ein Gespräch zwischen zwei Kadazz belauscht. Kadazz 1: „Warst Du schon an der Englischviertelstrasse, bei den Skeletten?“ Kadazz 2 (geistesabwesend): „Bei den Skeletten, nein... Ist Dir da vielleicht Kadazz 3 über den Weg gelaufen?“ Kadazz 1: „Nein; da würde ich sie auch nicht erwarten. Sie passt eher zu den Buddhas, findest Du nicht?“
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*Was ein(e) Kadazz ist, wird in absehbarer Zeit erklärt – vielleicht.
2009-04-07
unkultur twittert
Und zwar
ausschliesslich. Ganz radikal. Und wenn sie auch dazu keine Lust mehr hat, verstummt sie ganz.
2009-03-27
Heute gehört am m4music
Heute gehört am
m4music anlässlich einer Podiumsdiskussion, die Worte eines Bookers (sinngemäss wiedergegeben):
„Die jungen Musiker sollen nicht meinen, sie könnten Geld verlangen für ihre Auftritte. Es ist wie bei Fussballspielern: Den eigenen Marktwert muss man sich zuerst erarbeiten. Am Anfang spielt man in einer unteren Liga; als Schweizer sowieso. Die Musiker müssen sich bewusst sein, dass die Musik für sie wahrscheinlich ein Hobby bleiben wird.“
Einmalige Aktion für alle Kulturfreunde
Liebe Kulturfreunde,
Alle, die bis zum 31. März Philipp Meier von ihrer Facebook-Freundesliste entfernen, erhalten von unkultur CHF 28.-* sowie eine Jahresfreundschaft mit Betty Bossi (!) und Arnold von Winkelried (!!!). Eine sensationelle Aktion – profitieren Sie!
Hochachtungsvoll,
unkultur
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*unkultur ist ein virtuller Charakter; daher virtuelle CHF, versteht sich.
2009-03-21
Ich habe auch Migrationshintergrund!
Als Schweizerin mit Binnenmigrationshintergrund protestiere ich heftig dagegen, dass man mich als Schweizerin OHNE Migrationshintergrund klassiert. Ja, ich fühle mich diskriminiert!
Um das ein für alle Mal klarzustellen: Mein Vater ist aus dem Misox nach Zürich migriert, meine Mutter aus Boncourt im Kanton Jura (entgegengesetzter könnten die Herkunftsorte kaum sein), und gemeinsam haben sie den Vorurteilen getrotzt, denen sie als Fremde hier ausgesetzt waren. Selbst wenn sie bloss aus Schlieren bzw. Uster immigriert wären, würden diese wenigen exotischen Orte die Tatsache ändern, dass sie immigriert sind? Ohne ihre Immigration würde es mich nicht geben!
Deshalb, liebe Schweizerinnen und Schweizer mit Binnenmigrationshintergrund, wehrt Euch! Lasst nicht zu, dass Euer Migrationshintergrund totgeschwiegen wird!
2009-03-20
Glibbrige Seelen und bekiffte Slampoeten
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, und dann kommt noch
unkultur wie der hinterletzte Spatz und erzählt, dass es in der
St. Pauli Bar lustig ist. Präzisierung: Vielleicht ist es dort nicht generell lustig, aber gestern Abend an der Spoken Word Night, wo endlich wieder mal der umwerfende
Jens Nielsen auftrat, dessen grösster Fan
unkultur ist, und von dem in Kürze ein Buch im Verlag „
Der gesunde Menschenversand“ erscheinen wird, das man unbedingt kaufen sollte, war es lustig. *lufthol* Es las auch
Gion Mathias Cavelty, der bekanntlich soeben ein Buch herausgegeben hat und in den nächsten Tagen Vater wird; Cavelty erzählte von glibbrigen Seelen und heiligen Delphinen und Folterpraktiken, während sich im Hintergrund die „
Human Jukebox“, die in Wirklichkeit ein bärtiger Opernsänger war, auf ihren nächsten Auftritt vorbereitete, anlässlich dessen sich
unkultur später einen Song wünschen sollte, für dessen Auswahl sie sich noch später schämen sollte, weil die monotone Melodie nun wirklich keine Herausforderung für einen Opernsänger darstellte. *viel lufthol* Es gab da auch amüsante Leute an der Bar, darunter einen bekifften grössenwahnsinnigen Slammer, der für
unkultur einen Slam improvisierte, aber da war es schon spät und
unkultur bereits mit einem Bein auf ihrem langen Nachhauseweg der Langstrasse entlang.
2009-03-07
Fast so wichtig wie die Pinguine
unkultur ist übrigens gegen den „Tag der Frau“ – sie fühlt sich dadurch herabgewürdigt. Alle möglichen Krankheiten, Ereignisse, Tierarten und Minderheiten haben ihren Tag, und dann kriegt die Frau, die gut 50% der Weltbevölkerung ausmacht, auch noch einen? Nein danke!
Wenn unkultur jetzt z.B. ein Pinguin wäre, und es gäbe einen Tag des Pinguins (gibt es garantiert), dann wäre sie darüber keineswegs beleidigt; im Gegenteil: Sie wüsste, dass weit mehr als 365 Tierarten existieren, und würde sich darüber freuen, dass einer dieser Tage ihr allein gewidmet ist. Wie unkulturs werte Leser Nr. 1 und Nr. 2 wissen, ist sie allerdings kein Pinguin.
Einfach, um das mal festzuhalten. Wie auch immer, heute begegnete unkultur im Tram einer Gruppe von Männern, die offenbar zu einer Demo unterwegs waren. Sie trugen Transparente mit feministischen Aufschriften. Ziemlich schüchtern standen sie mit ihren Botschaften herum.
Eigentlich nett, dass sie sich für die Rechte der Frauen einsetzen. Schliesslich fühlt sich unkultur manchmal auch verpflichtet, sich für die Rechte einer Bevölkerungsgruppe einzusetzen, zu der sie gar nicht gehört. Aus Solidarität und Gerechtigkeitssinn und so.
unkultur nahm also die umstehenden Demonstranten unter die Lupe; einer, der ganz nah stand, trug ein Schild mit der Aufschrift: „Der weibliche Körper ist kein Objekt!“. Ganz vernünftige Aussage. Aber plötzlich schlich sich ein hinterhältiger Hintergedanke in den Hinterkopf von unkultur: Ob wohl dieser Mann noch nie einen weiblichen Körper als Objekt betrachtet hat?
Okay, die Männer können sich gern für die Rechte der Frau einsetzen, aber gern etwas abstrakter. Und vielleicht mal an einem anderen Tag: Beispielsweise ganz spontan am Tag des Pinguins.
2009-03-04
Die gefährliche Kultur der Selbstaufopferung (Die vierte Runde der Debatte)
kultur pur: Liebe
unkultur, wir hatten jetzt schon drei Gespräche, und noch immer ist mir nicht klar, was Du mir sagen willst.
unkultur: Dann lass mich nochmals zusammenfassen. Menschen, die in der Kulturbranche arbeiten, tendieren dazu, sich zu sehr mit ihrem Arbeitgeber zu identifizieren. Ein solches Klima fördert eine unprofessionelle Arbeitsweise. Arbeitnehmer im Umfeld von Kunst und Kultur nehmen sich und ihre Arbeit als etwas „Besonderes“ wahr. Dabei stecken sie gewissermassen in einer zerstörerischen Liebesbeziehung mit ihrem Arbeitgeber.
kultur pur: Und was resultiert aus all dem?
unkultur: Aus all diesen Faktoren entsteht eine gefährliche Kultur der Selbstaufopferung.
kultur pur: Was meinst Du denn mit „Kultur der Selbstaufopferung“?
unkultur: Beobachte mal das Verhalten von Dir und Deinen Arbeitskollegen. Es gibt mehrere Symptome. Erstens: Die Arbeitnehmer stecken immer mehr persönliche Substanz in ihre Arbeit – sie beginnen, ihre Ressourcen aufzubrauchen, die sie dringend für die Regeneration in der Freizeit benötigten.
kultur pur: Geht’s auch mit weniger komplizierten Formulierungen?
unkultur: Ich versuch’s. Zweitens: Je mehr Opfer jemand bringt, desto überlegener fühlt er sich gegenüber den anderen im gleichen Umfeld, desto mehr latenten Vorwurf spüren diese im Verhalten des „sich Aufopfernden“; desto mehr versuchen sie, ihn zu übertrumpfen, undsoweiter. Ein Teufelskreis, siehst Du?
kultur pur: Ich verstehe nur Bahnhof.
unkultur: Drittens: Dieses Klima wird gefördert, indem selbstaufopferndes Verhalten für selbstverständlich genommen, rational-organisiertes Verhalten hingegen eher argwöhnisch betrachtet wird. Denn letzteres könnte Schwachpunkte im System und bei den verantwortlichen Personen entlarven.
kultur pur: Du hast zu viele Psychologiebücher gelesen,
unkultur.
unkultur: Ich habe überhaupt keine Psychologiebücher gelesen. Ich habe nur beobachtet. Und Du, liebe
kultur pur, stellst Dich bloss dumm. Du verstehst genau, wovon ich rede, willst es aber nicht wahrhaben. Deshalb erkläre ich unser Gespräch für beendet.
kultur pur: Aber...
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> Erste Runde: „Bitotop der Unprofessionalität“, 12.8.08
> Zweite Runde: "Arbeitsbeziehung, nicht Liebesbeziehung", 4.10.08
> Dritte Runde: "Illusionen", 2.12.08 2009-02-24
Wenn Menschen nicht Gedanken lesen können...
... warum warf mir dann mein Gegenüber im Tram einen vorwurfsvollen Blick zu, nachdem ich ihn nach kurzer Musterung unter „alte intellektuelle Schnapsnasen“ – nicht ohne wohlwollende Konnotation – klassifiziert hatte?
Mögliche Antworten:
- Er kann Gedanken lesen, ist aber in Wirklichkeit keine intellektuelle Schnapsnase, sondern ein strohdummer ex-gedopter Ex-Radrennfahrer.
- Ich hatte aus Versehen laut gedacht.
- Aus einem von vielen möglichen Gründen störte ihn meine Anwesenheit, die Anwesenheit einer sich hinter mir befindlichen Person oder aber die Anwesenheit von Personen im Allgemeinen, wobei sich sein Missfallen der nächstsitzenden Person gegenüber äusserte.