2009-11-28

2012

Von unkultur @ 12:21 [ Erdungsgarnitur ]
Insgesamt ist mein Leben nicht anstrengender geworden, seit ich ständig das gelbe Schildchen mit der Aufschrift „Bioterrorist“ – das sei Englisch und darum nicht geschlechterdiskriminierend, hat man mich belehrt – auf mir tragen muss, sobald ich das Haus verlasse. Die toleranten Passanten versuchen, ihren Blick gleichgültig über mich hinwegstreifen zu lassen, als übersähen sie völlig, dass ich mit einem Makel behaftet bin, und Mütter zerren ihre Kinder möglichst diskret in den sicheren Abstand von zwei Metern zu mir, wenn ich auf dem Trottoir an ihnen vorübergehe.

In der Migros lässt man mir oft den Vortritt, wenn ich mit meiner XL-Atemmaske und den Wegwerfhandschuhen auf die Kasse zusteure, und die Kassiererin bedenkt mich nur kurz mit einem vernichtenden Blick, bevor sie selbst ihre Spezialausrüstung überstreift. Wenigstens darf ich noch in der Migros einkaufen. Viele Einkaufsläden haben bereits Schilder bei der Tür angebracht, dass der Eintritt für Bioterroristen – so nennt man uns Impfverweigerer – verboten sei. Wenn die Migros zu guter Letzt auch mitmacht, werde ich auf die Gunst meiner wenigen verbliebenen Freunde angewiesen sein, die mir jeweils ein paar Lebensmittel in einer Tasche vor die Tür stellen, klingeln und rasch wieder gehen. Ich verstehe ihre Distanziertheit; mit Bioterroristen befreundet zu sein, bringt einige Nachteile mit sich.

Regelmässig begegne ich auf der Strasse anderen Bioterroristen, aber mir fällt auf, dass es weniger geworden sind. Es ist nicht etwa so, dass wir uns als Verbündete freundlich grüssen. Das könnte ja von normalen Menschen als bedrohliche Zusammenrottung interpretiert werden, und jemand könnte die Polizei rufen. Was dann genau passiert, weiss ich nicht. Man hat ja von den Resozialisierungszentren gehört, in denen man einen mehrwöchigen Impf- und Gesundheitsschulungsmarathon zu absolvieren habe. Man munkelt aber auch von menschlichen Versuchskaninchen, von denen in den Labors der WHO und des BAG immer mehr benötigt würden. Jedenfalls halte ich mich fern von meinen Mitdissidenten.

Dabei könnte ich Gesellschaft brauchen. Seit ich nicht mehr arbeite – vorläufig bezahlt die IV mit Murren auf Grund der diffusen psychologischen Unzulänglichkeit, die mir attestiert wurde, und wenn alle Stricke reissen, springt hoffentlich die Sozialhilfe ein – ist mir manchmal etwas langweilig. Ich versuche, zu normalen Zeiten das Haus zu verlassen und heimzukehren. Meine Nachbarn sollen nicht merken, dass ich meinen Job verloren habe; sonst werden sie sich zusammenreimen, dass ich eine besonders renitente Bioterroristin bin, und werden womöglich die Hausverwaltung über meinen Status informieren. Ich glaube nicht, dass es rechtliche Grundlagen für eine Wohnungskündigung wegen Impfverweigerung gibt (noch nicht), aber die werden sich mit Leichtigkeit einen anderen Grund ausdenken.

Der Spezialarzt, den ich einmal pro Woche aufsuchen muss, ist jedes Mal erstaunt, wie gesund ich bin. Statt sich darüber zu freuen, grummelt er mürrisch hinter seinem Ganzkörperschutzanzug hervor und kündigt mir an, dass er weitere Tests ausführen werde. So gesund wie jetzt war ich noch nie. Vermutlich, weil ich durch den fehlenden menschlichen Kontakt keinerlei Bakterien oder Viren mehr ausgesetzt bin. Ich habe auch genug Bewegung; gehe täglich stundenlang im Friedhof Sihlfeld spazieren und habe sogar im Winter einen hübsch gebräunten Teint.

Glücklicherweise müssen wir Bioterroristen noch keine Glocke mit uns herumtragen, obwohl einige Politiker das bereits fordern. Das wäre um Einiges lästiger als das gelbe Schildchen. Auch wenn ich im Prinzip das Argument verstehe, dass auch die sehbehinderten Menschen vor uns geschützt werden müssen. Wenn diese Neuerung eingeführt wird, tue ich es vielleicht vielen Impfgegnern gleich und wandere aus in ein Land, wo wir nicht diskriminiert werden. Nicht, dass diese Länder um die Ecke liegen würden – Äthiopien wäre eine Option, der Irak und sonst eine handvoll Länder –, und Flüge buchen oder im Zug reisen dürfen wir schon lange nicht mehr. Mein Reisepass und mein Führerschein wurden selbstverständlich konfisziert. Trotzdem sollte es kein Problem sein, eine Transportmöglichkeit zu finden: Das Schlepper-Business floriert.

Doch vorläufig bin ich noch hier in Zürich. In Trams und Bussen bin ich nicht mehr zugelassen, aber das ist nicht schlimm. Schliesslich habe ich’s nicht eilig, irgendwo hinzukommen. Während die Berufstätigen an mir vorbeihasten, sitze ich auf den Treppenstufen vor einer Kirche – nicht dass ich plötzlich religiös geworden wäre, aber das hier ist einer der wenigen Plätze, von denen man mich noch nie verjagt hat – und übe mich in Musse. Nein, mein Leben ist nicht anstrengender geworden, im Gegenteil.

Plötzlich ein leises metallisches Scheppern zu meinen Füssen. Jemand hat mir eine Münze hingeworfen.

2009-10-29

Die Zwischenräume

Von unkultur @ 08:42 [ Musik ]
Das gestrige jazznojazz-Konzert des Brad Mehldau Trio hat mir wieder mal eindrücklich gezeigt, dass bei gutem Jazz nicht die Töne das Entscheidende sind, sondern das Ausgeklammerte, die Zwischenräume, so wie in einem guten Roman die Begriffe, um die es geht, nie genannt werden, oder, um ein prosaischeres Beispiel zu nennen, bei einem Scherenschnitt die Stücke, die herausgeschnitten wurden und durch ihre Abwesenheit hervorstechen, das Werk ausmachen.

Dieses Prinzip geht noch viel weiter; die Musik der Mitglieder des Trios schwebte auch über der Bühne, wenn die Instrumente schwiegen, etwa wenn der Kontrabass nach einem gewaltigen Solo verstummt war und jetzt, während Piano und Schlagzeug mit einer meisterhaften Munterkeit vor sich hinplätscherten, die Fata Morgana seiner Tongebilde weiterhin klar vor dem atemlosen Publikum stand.

Fast schmerzhaft waren die spannungsgefüllten Zwischenräume, wenn die Musiker jeweils Atem schöpften und zu einem neuen Stück ansetzten.

2009-10-26

Es ist wieder Event-Hochsaison

Von unkultur @ 22:17 [ Dada (im Alltag) ]
unkultur (Facebook-Chat @ Anna): „Hi Anna, kommst Du am Samstag an Event 1?“
Anna (Facebook-Chat @ unkultur): „Samschtig gaht nöd, da bini wahrschinli am Event 2, aber Friitig = absolute MUST!!!!“
unkultur (Facebook-Chat @ Anna): „Moment, Freitag ist irgendwas...“
Bea (Skype @ unkultur): „hey unkultur! vergiss nicht, dass wir am donnerstag an event 3 wollten!“
Chris (twittert @ Öffentlichkeit): „Don’t miss it! Thursday night: Spectacular Slam DJ Sukriz at Vacuum Club!“
unkultur (Skype @ Bea): „Donnerstag geht doch nicht, da hab ich Chris versprochen, dass wir an Event 4 gehen!“
Bea (Skype @ unkultur): „du musst das verschieben, honey, kannst event 3 unmöglich verpassen!“
Anna (Facebook-Chat @ unkultur): „Was isch jetz mit Friitig? Hesches öppe?“
Domi (Facebook-Statusmeldung @ Öffentlichkeit): „Reminder: Saturday Night unvergessliche Theater-Musikperformance mit dem internationalen Superstar Minimax!“
Anna (Facebook-Chat @ unkultur): „Oder weisch was, wännis mir überlege: Samschtig isch doch besser! OK? Ich reserviers mir!“
Esthi (SMS @ unkultur): „Ciao bella, vergiss nicht, dass wir am Freitag das Fest für Felix organisieren! Bist auf Skype? Ich komm auch gleich“
unkultur (Skype @ Esthi): „Ja, das blockier ich mir jetzt sofort in der Agenda!“
unkultur (halblaut zu sich selbst): „Freitag - oh shit!“
unkultur (E-Mail @ Arbeitskollegen): „Ciao Ivo, könntest Du am Freitag evtl. meine Abendschicht übernehmen? Tausche gegen einen beliebigen Tag nächste Woche. Ausser natürlich Mittwoch, da ist ja Event 5. LG, unkultur“
unkultur (Facebook-Chat @ Anna): „Sag mal, hättest Du nicht Lust, am Samstag stattdessen an Event 6 zu kommen? Wird ne einmalige Sache“
Anna (ist offline)
unkultur (E-Mail @ Anna): „Sag mal, hättest Du nicht Lust, am Samstag stattdessen an Event 6 zu kommen? Wird ne einmalige Sache“
Bea (Skype @ unkultur): „also hör mal, wenn du nicht bald antwortest, geb ich mein gratisticket jmd. anderem“
unkultur (Skype @ Bea): „Noch 1 Sekunde... habe selbst 2 Gratistickets“
Bea (Skype @ unkultur): „ah! wenn du nicht beide brauchst, kann ich eins davon an gabi weitergeben? sie möchte auch mit“
Chris (SMS @ unkultur): „Hey unkultur, you’re on the list, so you better show up on Thu!“
Bea (Skype @ unkultur): „hab jetzt gabi versprochen, dass sie mitkommen kann, ok?“

unkultur (offline): Disconnect, disconnect, disconnect, disconnect.

2009-10-24

Der Kadazz ist nur unter Kadazz kadazz – Das Fazit

Von unkultur @ 12:54 [ Kadazz ]
Ich schulde meiner geneigten Leserin noch ein Fazit. Zwar ist sie sehr wohl in der Lage, selbst zu diesem zu gelangen, aber ich bin sicher, sie schätzt meine Gründlichkeit.

Was also meine ich mit „Der Kadazz ist nur unter Kadazz kadazz“? Wären die beiden hübsch gemachten Frauen nicht in eine Kadazz-Quartierbeiz gegangen, sondern beispielsweise in eine Agglo-Spunte oder in einen Banker-Aufrissschuppen, wären sie nicht als Kadazz erkannt und somit nicht für ihre Regelverstösse bestraft worden.

Ihnen wäre vermutlich sogar wohlwollende Aufmerksamkeit zuteil geworden. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich denn die beiden Abtrünnigen über Aufmerksamkeit durch die Besucher der Agglo-Spunte bzw. des Banker-Aufrissschuppens gefreut hätten, und die Antwort liegt auf der Hand: Nein.

(Ketzerische Frage: Hätten sie sich über die Aufmerksamkeit durch Kadazz gefreut? Leider ebenfalls nein. Nachdem beide vor kurzem ein kompliziertes Balzritual mit jeweils einem Kadazz erfolgreich beendet haben, ist mehrmonatige Erholung angesagt.)

Fazit: Am besten einfach die berühmt-berüchtigte Liste der Dinge, die ein Kadazz verachten muss, beachten. Das erspart der beflissenen Kadazz viele Scherereien, Denkverrenkungen und Kränkungen.

Der Kadazz ist nur unter Kadazz kadazz

Von unkultur @ 09:55 [ Kadazz ]
Nehmen wir mal an: Zwei Kadazz machen sich ein bisschen hübsch und gehen in die Quartierbeiz auf einen Drink oder zwei.

Dieser harmlos wirkende Satz ist in Wirklichkeit vermintes Gelände. Darin enthaltene Wörter wie „Quartierbeiz“ sind zwar absolut Kadazz-konform, das Wort „hübsch“ hingegen steht weit oben auf der berühmt-berüchtigten Liste der Dinge, die ein Kadazz verachten muss, in Gesellschaft von Monstrositäten wie „chic“, „nett“, „aufgestellt“ oder „rassig“.

Die beiden Kadazz wissen das natürlich, und im Prinzip sind stimmen sie dem Verdikt der Liste zu. Bloss, heute hatten sie aus unerklärlichen Gründen trotzdem Lust, sich etwas hübsch zu machen; sie haben sich Mut angetrunken und haben nun sogar die Unverfrorenheit, eine sehr kadazze Quartierbeiz zu betreten. Sie hegen die Hoffnung, sie würden vielleicht nicht als Kadazz erkannt; man würde sie für verirrte Landeier halten.

Wie töricht! Auf der Stelle werden sie erkannt. Irritierte Blicke empfangen sie, eisige Verachtung schlägt ihnen entgegen. Die Kadazz hinter der Bar beendet demonstrativ ein halbstündiges Telefongespräch, bevor sie geruht, die zwei zu bedienen. Die männlichen Kadazz rücken demonstrativ von den beiden Verräterinnen weg, um zu verdeutlichen, dass sie sich ganz bestimmt nicht von den vier hübschen Knien dort drüben beeindrucken lassen.

Nun gut, die beiden Kadazz tun ihr Bestes, um sich trotzdem zu amüsieren. Endlich, nach einigen Stunden, taucht eine Gruppe männlicher zigeunerhafter Wesen in der Quartierbeiz auf. Und weil zigeunerhafte Wesen zwar sehr wohl Kadazz-konform sind, die Kadazz-Regeln aber selbst nicht kennen, setzen sie sich demonstrativ in die Nähe der beiden Abtrünnigen und tun ihr Interesse ziemlich unverhohlen kund.

Endlich nähert sich einer aus der Gruppe – der mit den wilden kohleschwarzen Augen – einer der beiden Kadazz, setzt sich auf ihre Sofalehne und setzt zum Sprechen an.

Die Kadazz denkt: Jetzt wird er mit heiserer Stimme und schwerem Akzent etwas richtig Verruchtes, Unsittliches, Abenteuerliches sagen, sodass alle anwesenden Kadazz erröten, ohne die geflüsterten Worte überhaupt gehört zu haben. Die Welt wird für ein paar Sekunden stillstehen, während wir beide in diese Szene aus „The Man Who Cried“ versetzt werden; Johnny Depp und Christina Ricci am Lagerfeuer verkörpern.

Der Mann sagt: „Hesch mer es Visitechärtli?“

Plötzlich sind die beiden Kadazz sehr müde und nüchtern. Es ist Zeit, das Experiment abzubrechen und nach Hause zu gehen.

2009-10-22

Eine Umfrage: Ist Kunst....

Von unkultur @ 22:14 [ Kluturbanause ]
(Wähle 5 Wörter)

Fluchtpunkt?
Ablenkungsmanöver?
Leitplanke?
Abstellgleis?
Selbstverwirklichung?
Erfüllung?
Befriedigung?
Luxus?
Selbstverständlichkeit?
Handwerk?
Können?
Brotjob?
Bühne?
Winkel?
Horizont?
Fata Morgana?
Herzensbildung?
Bildung?
Ausdrucksmittel?
Verständigung?
Babylon?
Bindeglied?
Sublimation?
Druckmittel?
Antidepressivum?
Ein Fest?
Festung?
Fessel?
Spektaktel?
Introversion?
Integration?
Ideal?
Vermessenheit?
Götterfunke?
Opium?
Verführung?
Selbsttäuschung?
Psychohygiene?
Produkt der Langeweile?
Clown?
Erhabenheit?
Degenerierung?
Spielzeug?
Spiegel?
Whistleblower?
Notfallapotheke?
Müllhalde?
Mastferkel?
Masturbation?
Mutation?
Wunder?
Inspiration?
Banalität?
Trost?
Übersetzung?
Darstellung?
Verstellung?
Verwandlung?
Trugbild?
Fundament?
Wirbelsäule?
Sahnehäubchen?
Luftschloss?
Trend?
Laune?
Koketterie?
Eitelkeit?
Verbohrtheit?
Bünzlitum?
Verzweiflung?
Liebe zur Menschheit?
Anti-Natur?
Zufall?
Kommerz?
Wertanlage?
Allgemeingut?
Gabe?
Erhaltung?
Erneuerung?
Revolution?
Reife?
Unreife?
Ersatzreifen?
Balzritual?
Grundbedürfnis?
Auswuchs?
Perversität?
Perfektion?
Schönheit?
Künstlichkeit?
Authentizität?
Sinnlichkeit?
Wegweiser?
Seismograph?
Navigationsinstrument?
Zeitkapsel?
Investition?
Verschwendung?
Konsumgut?
Errungenschaft?
Verderbtheit?
Sinnspender?
Unkultur?

2009-09-27

Die Insel

Von unkultur @ 00:51 [ Erdungsgarnitur ]
Inmitten von sattem Bassgewummer, Discokugelreflexen und Saxophon-Loops, zwischen gebrüllten Unterhaltungsfetzen und schlingernden Körpern sitzt in einer beinah sichtbaren Insel der Stille ein Typ an der Bar und löst Sudokus.

Er ist ein Bild höchster Konzentration, wie er den Kopf in die Hände stützt, reglos auf das Blatt vor sich starrt und hin und wieder mit befriedigtem Blick eine Zahl aufs Papier kritzelt.

„Recht hat er“, denke ich, „Verdammt, wie Recht er hat!“. Ich weiss allerdings nicht genau, was ich damit meine – dass er was anderes tut als alle anderen? Dass es ihm egal ist, was man von ihm denkt? Dass er sich eingesteht, wie langweilig das Leben im Allgemeinen und Parties im Besonderen sind?

Wie auch immer, ich wünschte mir, diese Insel der Stille würde mich aufnehmen. Tut sie natürlich nicht. Stattdessen nehme ich noch einen Schluck und bewege vorsichtig meine Füsse in den schmerzenden Schuhen, ohne eine Miene zu verziehen.

2009-09-22

Die allmächtige Liste

Von unkultur @ 08:42 [ Kadazz ]
Da ist sie nun also, die Liste, unsichtbar zwar, aber als alleinige moralische Instanz unter den Kadazz mit einer enormen Macht ausgestattet. Wie so oft bei Göttern hat eine Idee, die von den Menschen selbst erschaffen wurde, plötzlich eine Eigendynamik entwickelt und ist übermächtig geworden.

Das Kadazztum hat seine Blüte noch nicht erreicht: Es hat noch keine Prophetin. Ja, eine Prophetin müsste es sein, denn obwohl dem Kadazztum ebenso viele Männer wie Frauen angehören, ist es ganz klar eine weiblich geprägte Glaubensgemeinschaft. Natürlich gibt es einige Aspirantinnen aus Zürich, aber die sind noch nicht reif. Natürlich gibt es Miranda July, die aber einen entscheidenden Makel hat: Dass sie nicht Zürcherin ist.

Da stehen also die Kadazz ziemlich verloren mit ihrer Liste und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Sie warten auf eine heisere, Züri-Slang sprechende Frauenstimme, die ihnen sagt, dass die Liste legitim ist. Dass sie auf dem richtigen Weg sind. Damit sie nicht mehr täglich zweifeln müssen und sich fragen, ob sie nicht auswandern sollten nach Kopenhagen oder Amsterdam oder sogar ins Bündnerland.

2009-09-21

Die Kadazz haben nicht achtgegeben

Von unkultur @ 23:22 [ Kadazz ]
Eine Kadazz ist beispielsweise im Mittelland-Mittelstand aufgewachsen, FDP-reformiert-imprägniert. (Es gibt da noch diverse mögliche Zusammensetzungen, aus denen Kadazz hervorgegangen sind, zu ergänzen durch meine geschätzte Leserschaft). Alles, was die Kadazz wollte, war: Da raus! In ihrem ersten Moment der Klarheit im zarten Alter von ungefähr 12 Jahren schwor sie sich: „Niemals, niemals werde ich sagen: Man macht das so.“

Aber die Kadazz hat nicht achtgegeben. Wo steht sie jetzt, und wo stehen all ihre Kadazz-Kollegen? Wohl sagen sie nicht „Man macht das so“; sie wagen es nicht mal zu denken, aber irgendwo in ihrem Kopf haben sie diese Doktrin wieder eingeführt, mit eigenen neuen Parametern sich selbst überlistet, und nun leben sie ständig nach einem unhörbaren, unsichtbaren „Das mag man“ oder „Das mag man nicht“.

Die Kadazz sind konservativ. Auch wenn sie es sich niemals eingestehen würden.

Sie leben mit einer Liste von Dingen, die man mögen darf und Dingen, die man nicht mögen darf. (Selbstverständlich würden sie auch unter Folter nicht zugeben, dass diese Liste existiert). Auf der Liste der Dinge, die man mögen darf, stehen die voraussehbaren Dinge wie Flohmärkte (nicht alle, aber der Flohmi am Helvetiaplatz ganz bestimmt), Ethno-Schals, Rennvelos, Stuckatur-Decken, Vintage-Designmöbel (es gibt da eine ganz bestimmte Marke, aber als nicht-eingeweihte Nicht-Kadazz kenne ich die nicht), Musu Meyer, Miranda July (wenn sie in Zürich lebte, wäre sie die Essenz des Kadazztums), Wasabi-Nüsse, das Playlust-Blog, Istanbul, das Helsinki, Tischfussball.

Gewisse Dinge auf dieser Liste werden bedauerlicherweise nach einer gewissen Zeit von einem zu breiten Mainstream gemocht. Einige werden dann aus der Liste gekippt, während andere problemlos weiterhin gemocht werden dürfen, weil sie unverzichtbar sind (z.B. Mac, Ballerinas, zu Handtaschen umgebaute Plastik-Einkaufstaschen). Allerdings muss die Kadazz von nun an ein ironisch gebrochenes Verhältnis zu diesen Dingen demonstrieren; sie muss dann Aussagen machen wie „Ich mag ja den Geschmack von Trüffelöl, aber es riecht wie Schweiss“ oder (frei nach Michèle Roten) „Seit ich 30 bin, fühle ich mich zu erwachsen für mein iPhone“. Oder, was der Wahrheit am nächsten kommt: „Ich komme mir etwas langweilig vor, weil das Rosso immer noch zu meinen Lieblingsrestis zählt.“

Selbstverständlich gibt es auf jeder Kadazz-Liste etliche Joker-Positionen, die ganz kreativ besetzt werden dürfen, damit das Eklektische und der exotische, eigenständige Geschmack nicht zu kurz kommen. Wenn eine Kadazz ein ausgewogenes Innenleben hat, darf sie ohne Scham folgende Dinge mögen und sich auf ihre Kühnheit etwas einbilden: das Schweizer Alternativ-Volksmusik-Quartett Quantensprung, den Zirkus Monti, Zahnarztbesuche, wollene handgestrickte Unterhosen, Rinderhälften direkt vom Bio-Bauern (wird schon bald zur obligatorischen Liste wechseln), Antarktistouren, Kutteln, Durian-Früchte, das Nichtrauchen, alte Mercedes, türkis-hellgelb-gestreifte Unterwäsche, Landhockey.

Und nun zur kilometerlangen Schwarzen Liste, der berühmt-berüchtigten Liste der Dinge, die eine Kadazz verachten muss: Sie beginnt bei French Nails, führt über Dan Brown und Motorräder mit Seitenwagen und endet bei weisser Schokolade. Selbstverständlich sind da sehr viele Namen von Politikern aufgeführt, wobei diejenigen, die von der Mehrheit der Bevölkerung sowieso gehasst werden (beispielsweise die 3 Bs), nicht extra erwähnt werden müssen.

Als Regel gilt: Wer die Existenz dieser Liste am vehementesten abstreitet (wir werden’s in den Kommentaren lesen), lebt am striktesten nach einer Liste. Auch wenn die vielleicht etwas anders aussieht. Der Kadazz, der die Liste zu ignorieren vorgibt, ist Meister der Bigotterie. Aber was wäre anderes zu erwarten, bei dieser Herkunft.

2009-09-15

Über Selbstausbeutung und Selbstbestimmung

Von unkultur @ 22:55 [ Kluturbanause ]
Hochinteressant, was Frau Zappadong heute über die Situation von Kulturschaffenden geschrieben hat, und auch was Bruder Bernhard darauf antwortet.

Ich nehme mir die Freiheit heraus, anstelle einer beeindruckend strukturierten Abhandlung einige lose Gedankenfragmente dazu in die Welt zu setzen.

Die Unzertrennlichen

Die Schlüsselwörter in Zappadongs Beitrag sind ganz klar „Selbstbestimmung“ und „Selbstausbeutung“. Die beiden sind in der Welt der Kunst und Kultur – und auch in vielen anderen Bereichen – ein unzertrennliches Paar. Letztendlich läuft es auf die Frage hinaus: Ist Selbstbestimmung ohne Selbstausbeutung möglich? (Bruder Bernhard würde wohl sagen: Ja. Ich würde sagen: Nein.)

Séraphine

Man schaue sich den grossartigen Film „Séraphine“ an (auch empfehlenswert, wenn man sich nicht für dieses Thema interessiert). Die wirklichen Probleme von Séraphine fangen in dem Moment an, in dem sie alle Mittel zur Verfügung hat, die sie sich nur vorstellen kann. Zugegeben, die meisten Künstler haben eine robustere Psyche als sie. Der Fall ist überzeichnet, und trotzdem ist es aufschlussreich zu beobachten, wie der Grössenwahn langsam einsetzt.

Woher kommt die Freiheit?

Zappadong spricht das Gefühl der Freiheit an. Nur: Woher kommt die Freiheit? Offenbar nicht von der Selbstausbeutung, denn „Ausbeutung“ hat mit „Zwang“ zu tun oder zumindest mit „Manipulation“. Allerdings auch nicht vom Geld, siehe Séraphine. Vielleicht findet sich ein kleines Fitzelchen Freiheit irgendwo in dem heiklen Balanceakt zwischen den beiden Extremen.

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